Wirtschaft : Karl-Heinz Cammann

Geb. 1947

Kirsten Wenzel

Keine Schnörkel, keine Umwege. Sein Erfolg begann mit einem Bausparvertrag. Wer eine lange Strecke vor sich hat, der muss früh aufbrechen. Vita brevis. Dieser hier war so einer, der weit weg wollte von seinen Ursprüngen, schon als kleiner Mensch. Er stand früh auf und wurde „Fahrschüler“. Die saßen mit Schlaf in den Augen in der Realschule in Celle, schon eine Stunde vor Unterrichtsbeginn. Die Fahrzeiten der Regionalzüge richteten sich nicht nach ihrem Stundenplan. Dem Jungen aus der Lüneburger Heide war das egal. In seinem Heimatdorf gab es kaum mehr als ein berühmtes Kloster und ein Sägewerk, für das der Vater schwer schuftete. Jeden Tag zog der als Waldarbeiter mit gebeugtem Rücken und Pferdegespann die schweren Baumstämme aus dem Forst.

Karl-Heinz brauchte keine Schnörkel, keine Versuche, keine Umwege. Als er seine Klassenkameradin und spätere Frau fragte, ob sie mit ihm auf den Schulball gehen wolle, war er 16. Nicht, dass damals schon festgestanden hätte, dass sie ein Leben lang zusammen bleiben würden; das hat sich später so ergeben. Doch dass er Architekt werden würde, große Häuser planen und bauen, das konnte er ihr damals beim Walzer schon mit Bestimmtheit sagen.

Nach dem Schulabschluss lernte er den Beruf des Zimmermanns, dann ging er auf die Akademie für Bauwesen nach Neukölln. 1967 war das, als es sehr unruhig war im großen Berlin. Doch von der Studentenbewegung ließ er sich nicht vom Lernen abbringen. Auch wenn er eigentlich mit den Protestierenden sympathisierte und sein Haar schulterlang trug.

In Berlin hat jeder seine Chance, der etwas kann, daran glaubte er. Da gibt es nicht so einen Herkunftsdünkel wie in der engen Welt, aus der er kam. Sein Erfolg begann mit einem Bausparvertrag und einer Geschäftspartnerschaft: So ließ sich die erste Mietshaussanierung in Friedenau finanzieren. Es folgte ein Projekt aufs andere, und zehn Jahre später hatte sein Bauunternehmen 100 Angestellte.

Er fuhr in aller Frühe ins Büro, telefonierte, besprach sich, besichtigte Baustellen. Abends, wenn es ruhiger wurde, saß er über den Entwürfen. Da vergaß er dann die Zeit. Einen Kreis von Mitarbeitern hielt er eng um sich zusammen, viele Jahre lang, oft Frauen, denen er am meisten zutraute.

Die Weite liebte er, das Meer und den Marathonlauf. Doch für seinen Traum, auch einmal in New York zu laufen, fehlte ihm die Zeit.

Nach der Wende wurde seine Welt noch größer. Er kaufte das Land auf dem Mauerstreifen am Engelbecken und plante dort einen großen Neubau: das Heinrich-Heine-Forum. Außerdem kauf- te er ein Hotel an der Strandpromenade von Ahlbeck und machte, wie es ihm am liebsten war, mit seinem Team alles selbst: die Renovierung, die Inneneinrichtung, die Suche nach jemandem, der das Vier-Sterne-Haus in seinem Sinne führt. Das Hotel am Meer, es war die Erfüllung eines Traums. Es fehlte ihm nur die Zeit, die er dort hätte verbringen können.

Auf den letzten Fotos, die es von ihm gibt, sieht er aus wie Anfang vierzig: die Haare jugendlich zerzaust, den Brillenbügel im Mundwinkel, beugt er sich über Baupläne. Er ernährte sich gesund, er joggte sich den Stress aus dem Leib. Bis auf einen Routineschnupfen im März war er nie krank, hatte keine Sorgen. Im September bereisten sie noch Griechenland, bestiegen die Akropolis, sahen Delphi und die Meteora-Klöster. Auf der Fähre hat er sich wohl erkältet, klagte nach der Rückkehr über Schmerzen im Rücken – und ließ das Laufen erst mal sein. Danach wurde er dünner, sagte zu seiner Frau: Geh du mal die Treppe voran.

An einem Montag im November saß er dann an seinen Schreibtisch und organisierte sich per Telefon ein Bett im Krankenhaus. – Das geht nicht von selbst wieder weg, ihr müsst mal alleine klar kommen. Die Mitarbeiter nickten: Ein paar Wochen, das wird schon gehen. Am Sonnabend, die Untersuchungen im Krankenhaus hatten gerade erst begonnen, seine Frau hatte ihm etwas zum Lesen besorgt, starb er am Krebs. Niemand, sagt sie, hat glauben können, dass seine Zeit so schnell vorbei sein würde. Am wenigsten er selbst.

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