Wirtschaft : Karl-Heinz Funke: "Nicht die Kneipe wechseln"

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Einerseits ist Karl-Heinz Funke ein Landwirtschaftsminister wie aus dem Bilderbuch - ausgestattet mit deftigem Humor und einer Statur, nebst Gesichtsfarbe, die keinen Zweifel lassen, dass er sich an die eigene Maxime hält: "Wenn der Korn kalt ist, das Essen gut, die Bedienung freundlich und es nicht rein regnet, soll man nicht die Kneipe wechseln." Andererseits gibt er sich, eher überraschend in seinem Metier, als Anhänger des Philosophen Immanuel Kant zu erkennen, oder bekennt noch überraschender: "Ich bin ein von Grund auf überzeugter Marktwirtschaftler."

Am Mittwoch hat der 55-jährige Niedersachse mit ererbtem Bauernhof im heimischen Friesland seine Halbzeitbilanz als Bundesminister gezogen. Weg von der Subventionsorientierung, hin zur Marktorientierung: Das ist - wenn es auch für manche Kritiker in zu kleinen Schritten geht - die Richtung der europäischen Agrarreform "Agenda 2000". Es sei "die richtige Richtung", wie Funke unterstreicht, der Gerhard Schröder schon als Landwirtschaftsminister diente, als der noch Ministerpräsident in Hannover war. Die Reform soll die alte EU unter anderem aufnahmefähig für die jungen osteuropäischen Demokratien machen, von denen vor allem Polen über eine große Landwirtschaft verfügt.

Aus Funkes Sicht brauchen die deutschen Landwirte diese Konkurrenz nicht zu scheuen. Gegenüber 1998 haben sich ihre Exporte in den Ländern innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft verdoppelt, gegenüber 1970 sogar verachtfacht. 20 Prozent ihrer Verkaufserlöse stammen aus dem Export. Auch auf dem polnischen Markt habe man sich mit qualitativ höherwertigen Produkten, darunter Schweinefleisch, schon jetzt gut positionieren können. Nötig sei allerdings, die Vermarktung stärker zu konzentrieren. Andere EU-Partner nähmen dazu schon "viel Kapital" in die Hand, berichtete der Minister.

Immanuel Kant, der Philosoph der Aufklärung, kommt für Funke ins Spiel, wenn es um die Gentechnologie geht. "Aufklären" soll da die Politik sein, "nicht Ängste schüren". Der Verbraucher wird mündig, weil gentechnisch veränderte Produkte gekennzeichnet werden. So solle er entscheiden, ob sie ein Erfolg würden oder nicht. Dass Funke, wie bei der Osterweiterung der EU, die Chancen für größer hält als die Risiken - daran lässt er keinen Zweifel.

So gehe beispielsweise die Züchtung neuen Saatgutes um ein vielfaches schneller als in früheren Generationen. Wenn dadurch weniger Pflanzenschutzmittel gebraucht würden oder die Wertstoffhaltigkeit von Pflanzen zu erhöhen sei, komme das Verbrauchern wie Umwelt zugute. Daher begrüßte Funke die Stellungnahme des Umweltexperten der Grünen im Bundestag, Reinhard Loske, der seine Partei vor grundsätzlicher Neinsagerei zur Gentechnologie gewarnt und die Zustimmung zu neuen Gen-Produkten von Einzelfallprüfung abhängig gemacht hatte.

Bleibt die Sache mit dem Korn und der Kneipe, die man nicht wechseln soll: Eigentlich wäre Funke, daraus macht er auch heute noch keinen Hehl, lieber in Niedersachsen geblieben. Jetzt aber hat er auch "Freude" an der Arbeit in Berlin gefunden - besonders an jenen Aspekten, die ihn jenseits der Grenzen führen. Der Minister kommt "gut zurecht" mit EU-Landwirtschaftskommissar Fischler und tummelt sich gern an den Konferenztischen, wo es um den Welthandel geht. Also gefällt ihm die neue Kneipe bestens. Fehlt nur noch ein Sitz im Bundestag. Der heimische Wahlkreis wird pünktlich zur nächsten Wahl 2002 frei. Parteifreunde haben ihm die Kandidatur bereits angetragen. Ob er auch antritt, wollte der Landwirtschaftsminister bei seiner Halbzeitbilanz noch nicht verraten.

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