Wirtschaft : Karl Richter

Geb. 1904

Thomas Loy

Heute lesen die Genossen alle ab. Er hätte sich das nicht geleistet. Bitte mal kräftig mitsingen: Aus den zerfetzten Fahnen raunt es wie Geisterspruch, / der Segen unserer Ahnen weht um das Bannertuch, / Reicht Brüder euch die Hand, / Gott, Kaiser, Vaterland.

So jubilierte der Vereinigte Kinderchor Prenzlauer Berg, als noch alles in bester Ordnung war und der Nationalstolz ungetrübt. Karl Richter sang mit und ahnte nichts von den kommenden Katastrophen. Überlebt hat er sie alle, die Wirtschaftskrise, den Faschismus, den totalen Krieg, den Kalten Krieg. Als Karl Richter 99 wurde, sang er immer noch. Und schmiedete sein Leben in Versform. Als er 100 wurde, standen sie alle auf, räusperten sich und stimmten an: „Die Gedanken sind frei.“ Natürlich haben die meisten abgelesen, der Müntefering auch, der Bsirske sowieso. Das hätte sich Genosse Richter früher nicht geleistet.

Karl Richter wuchs mit zunehmendem Alter zum Gewissen der SPD heran. Wollte jemand in der Partei wissen, ob etwas sozialdemokratisch ist oder nicht, rief er bei Karl Richter an. Der schrieb dann einen Brief mit der Hand, so druckreif in Reinschrift gegossen, dass die Zeilen weit schwerer wogen als ihr bloßer Inhalt. Die Hartz-Gesetze hatte Richter ausgiebig studiert und dann für unausgegoren befunden. Auch die Sache mit der Vertrauensfrage des forschen SPD-Kanzlers war nicht in seinem Sinne. Hätte er dem Kanzler gerne persönlich gesagt, aber dazu reichte seine Zeit dann doch nicht.

85 Jahre Mitglied in der SPD und in der Gewerkschaft. Den ersten Streik organisierten Karl und seine Genossen schon als Druckerlehrlinge. Es ging um die Anerkennung der Berufsschule als Arbeitszeit. Schließlich brauchte man Muße für die Literatur, die schönen Künste und das deutsche Liedgut. Die Sache klappte, und die jungen Arbeiter begriffen, was man erreichen kann, wenn alle an einem Strang ziehen.

1923 begab sich Karl Richter auf Wanderschaft. In seinem günstig erworbenen Heerestornister lagen Hölderlins „Hyperion“ und Whitmans „Grashalme“. Ein Foto zeigt Richter an einem See bei Wien, das volle Haar in breiter Welle nach hinten gebürstet, die Fäuste in die Hüften gestemmt. In seinen Versen heißt es: Ohne Zweifel, turbulent waren die Jahre / Wir trugen Kluft, Sandalen und lange Haare / Alkohol, Drogen und Nikotin waren verpönt / Doch wir haben uns niemals an die Kugeln gewöhnt / die von den Dächern der Häuser am Alexanderplatz pfiffen.

Karl Richter war Lebensreformer und Demokrat, kein Radikaler. Er stritt für die Weimarer Republik, während andere sie den Nazis überließen. Bald nach der Machtergreifung wurde Karl Richter entlassen, doch die Drucker-Kollegen protestierten, und der Chef machte einen Rückzieher. Die nächste Bündnisprobe ließ nicht lange auf sich warten. Auf Druck der neuen Machthaber wurden SA-Leute in den Betrieb geschleust. Die Maschinenführer, einer davon Karl Richter, erhöhten das Produktionstempo so lange, bis sich die Spreu vom Weizen trennte. Die ungelernten SA-Drucker gaben entnervt auf. Der sozialdemokratische Gesangsverein löste sich offiziell auf. Tags drauf wurde ein neuer Sängerzirkel gegründet, mit denselben Mitgliedern, aber politisch unbeleckt. Die Sozialdemokratie zog in den Untergrund und wartete auf bessere Zeiten. Doch erst einmal kamen schlechtere.

1939 wurde die Wohnung von Karl Richter durchsucht. Draußen stand schon der Laster für den Abtransport bereit, doch die Häscher fanden keine Beweise. Alles Kompromittierende lagerte im Keller. Also nahmen sie nicht Karl mit, sondern sein Radiogerät. Der Besitzer protestierte nicht, ließ sich aber eine Quittung geben. Die hob er auf, bis zuletzt. Kein Unrecht sollte vergessen werden.

Als Bausoldat kam er heil durch den Krieg. Karl Richter erlebte zum dritten Mal den Untergang eines deutschen Reichs und freute sich schon auf die nächste Republik. Gleich bei der ersten Berliner Zeitung, die nach Kriegsende gegründet wurde, heuerte er als Drucker an. Nur leider war die „Tägliche Rundschau“ ein Organ der russischen Militäradministration. Karl Richter waren die Kommunisten schon immer suspekt. Er ließ den Job sausen und wurde Funktionär, zuerst in der SPD, dann in der Gewerkschaft.

Er wurde Landesvorsitzender der IG Druck und Papier und hörte nie mehr auf, Vorsitzender zu sein. 1969 wurde er pensioniert, ganz korrekt mit 65. Er gründete die Senioren AG der SPD – und war wieder Vorsitzender. Später wurde er Ehrenvorsitzender. Was anderen erst posthum zuteil wird, bekam Karl Richter zum 80. Geburtstag geschenkt: die Gründung des Karl-Richter-Vereins zur Erforschung der Geschichte der grafischen Gewerkschaften. Zu seinem 100. wurde noch ein Film über ihn gedreht. Als Zeitzeuge war Karl Richter epochenübergreifend einsetzbar. Er genoss die vielen Ehrungen und den Trubel.

Wenn ihn jemand um Rat fragte, hatte er immer eine Spruchweisheit parat: „Jeden Tag ein Bild anschauen, ein Gedicht lesen und ein paar kluge Worte sagen.“ „Man muss die Welt nehmen wie sie ist, und sie dann verändern.“ Auch das ein echter Richter. Nicht: „Man muss das Leben so nehmen wie es ist, und es dann verändern.“ So zitiert Müntefering seinen Richter. Hat er dem Gewissen der SPD wieder nicht richtig zugehört. Sollten wieder öfter singen, die Genossen, das hebt die Moral und schärft das Gedächtnis.

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