Wirtschaft : Karriere auf dem Land

Die Region um Berlin wird immer beliebter. Denn neben grüner Idylle gibt es hier gute berufliche Voraussetzungen – und Raum für Ideen.

Michaela Drenovakovic
Was für ein Motiv! Dachte sich auch Marion Garz. Sie begann, die Natur in ihrem Schrebergarten am Rand von Berlin zu fotografieren und die Bilder online anzubieten. Und kann sich so als Künstlerin ausleben – in der Provinz.Foto: dpa
Was für ein Motiv! Dachte sich auch Marion Garz. Sie begann, die Natur in ihrem Schrebergarten am Rand von Berlin zu fotografieren...Foto: ZB

Glasbauten und moderne Architektur – das sieht Hannes Lenke, wenn er aus dem Fenster seines Büros blickt. Ein paar Schritte weiter steht er in den beschaulichen Straßen einer Kleinstadt. Hannes Lenke ist ein beruflicher Stadtflüchtiger. Er arbeitet im Technologiezentrum in Hennigsdorf und erlebt täglich den Spagat von Arbeitswelt und Kleinstadtidyll. Konkret: Knapp 26 000 Einwohner, S-Bahn-Anbindung in die Hauptstadt, aber zugehörig zum Landkreis Oberhavel in Brandenburg, nordwestlich von Berlin.

Hannes Lenke gründete vor zwei Jahren mit seinen Geschäftspartnern Erik Nijkamp und Andreas Lüdecke ein Start-up, das Cloud-basierte Testing-Lösungen anbietet: TestObject.com. Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Qualitätssicherung zu automatisieren und zu vereinfachen und können mobile Apps einfach online im Abo testen.

Ein Technologie-Start-up in Hennigsdorf? „Die meisten würden so ein Unternehmen in Berlin vermuten – andererseits ist man da nur einer von vielen, das haben wir selbst bemerkt.“ Gegründet wurde TestObject.com nämlich in Berlin, aber nachdem ein Investor aus Brandenburg gefunden wurde, entschieden sich Lenke und seine Geschäftspartner für eine Lage außerhalb Berlins. Der Standort bietet viele Vorteile: geringere Mietkosten und viel Ruhe für die eigentliche Arbeit. „Wir werden nicht abgelenkt und können uns auf unser Hauptgeschäft konzentrieren“, so der 28-Jährige.

Das Software-Entwicklerteam von TestObject.com ist international: vier Israelis, eine Italienerin sowie ein polnischer Entwickler arbeiten hier. Der Lohnspiegel sei dabei nicht anders als in Berlin, zumindest im Bereich der Fachkräfte für Software-Entwicklung. Bei Mitarbeitern aus der Verwaltung ist das anders: Die verdienen in Brandenburg im Schnitt weniger.

Lenke und seine Kollegen hatten alle keine Berührungsängste mit dem Standort Brandenburg. „Wir profitieren natürlich von der Nähe zu Berlin, ohne das stressige Drumherum“, so der kaufmännische Geschäftsführer Hannes Lenke. Alles laufe gemächlicher ab in Hennigsdorf. Wenn er sein Büro verlässt, dann sei das schon ein Kulturschock. Raus aus der Hektik, rein in die Entschleunigung.

Die Hektik der Großstadt fordert ihren Tribut, Stadtflucht ist im Trend. Doch wie vereint man den Arbeitsalltag mit der Provinz? Für viele eine schwierige Frage – auf den ersten Blick. Dennoch: So wie Hannes Lenke geht es vielen Großstädtern. „Yoga und Bio-Gemüse sind oft Schritt Eins, danach folgt der Wegzug in eine ruhige Randregion oder raus aufs Land“, sagt auch Marion Garz, die seit fünf Jahren im Sommer zwischen ihrem Schrebergarten am Stadtrand und Berlin pendelt. „Viele meiner Bekannten sind eigentlich einmal bewusst wegen des Trubels nach Berlin gezogen und irgendwann merken sie: Wir brauchen die Natur. Dann ziehen viele aus den beliebten Gegenden wie Prenzlauer Berg hinaus“, erzählt sie. 800 Quadratmeter umfasst ihr Schrebergarten. „Manchmal merke ich, dass mich diese Gartengröße überfordert“, gesteht sie. „Aber für mich ist der Garten zu einem wichtigen Mittelpunkt geworden.“

Eigentlich wollte sie nur raus ins Grüne, doch es hat sich auch eine neue berufliche Perspektive aufgetan: Marion Garz, eigentlich Maskenbildnerin und Stylistin, entdeckte im Grünen ihre Liebe zur Fotografie. Sie reduzierte ihre Arbeitsstunden und richtete sich eine Website für ihre Fotos ein. Ihre Motive: Insekten. Sie komponiert eigenwillige Szenarien, die seltsam entrückt und unwirklich erscheinen. „Ich werde oft gefragt, wie ich die Fotos bearbeite, damit sie so surreal aussehen. Fakt ist: Es ist gar keine Technik nötig – die Natur liefert mir das Motiv und wenn das Licht stimmt, dann entstehen meine Bilder.“

Ab April verbringt sie den Sommer zwischen Gemüsebeet und Unkraut, zwischen Vereinsstatuten und Idylle. „Das Leben in Berlins pulsierender Innenstadt hat mich mit den Jahren doch ziemlich nervös und unruhig gemacht. Dauernd ist alles im Wandel, jeden Monat irgendwo ein neues Geschäft oder eine neue Baustelle. Ich hatte manchmal das Gefühl, aus den Fugen zu geraten. Ich bin in Bayern sehr ländlich aufgewachsen und wollte irgendwie meine Wurzeln wieder finden“, erzählt sie. Unter dem Titel „Observare“ fotografiert sie seit vier Jahren Tierbilder und verkauft diese auf großen Leinwänden. Die hängen dann in den Wohnzimmern der Noch-Berliner, die sich nach einem Stück Land im hektischen Großstadtalltag sehnen. Und Maria Garz kann sich in der Provinz als Künstlerin ausleben.

Auch Daniel Förster und Jonas Enderlein haben sich für den Schritt raus aus der Stadt entschieden. Ihr Standort: Brandenburg an der Havel. Die beiden sind gerade dabei, einen Online-Shop rund um gesunde Baby-Kleidung zu gründen. Studiert haben beide in Potsdam und lernten die gute Betreuung durch Brandenburger Förderfonds kennen. „Der Vorteil ist: Man findet in Brandenburg schnell den richtigen Ansprechpartner – ob auf Ämtern oder bei Förderprogrammen“, so Jonas Enderlein. „In Berlin geht man als Jungunternehmer leicht unter im Start-up-Gewühl. Hier können wir leicht netzwerken und haben ein überschaubares, aber sehr hilfreiches Miteinander mit anderen Unternehmen“, sagt er. So etwa bei der Kollegialen Beratung, einer Art Unternehmer-Stammtisch, bei dem in kleiner Runde konkrete Fachfragen besprochen werden. „Ich war auch schon auf ähnlichen Veranstaltungen in Berlin und muss sagen, dass es dort sehr schwer ist, den Überblick zu behalten.“

Die beiden sind in der entscheidenden Phase der Unternehmensgründung: ein Online-Versandhandel rund um fair produzierte Baby-Kleidung mit Öko-Standard. Daniel Förster kennt den Bedarf: „Ich bin selbst Vater eines zwei Jahre alten Sohnes.“ Er suchte mit seiner Frau gute Alternativen, die bezahlbar sind – ein schwieriges Unterfangen. Und schon hatte er die Idee zu baby-sorglos.de. In sechs Wochen geht es los, dann versenden Enderlein und Förster günstige, aber ethisch korrekt produzierte Baby-Bodies.

Derweil hat ein Schmetterling es sich auf einem frisch ergrünten Zweig bequem gemacht, über ihm lauert die Stadtflüchtige, Marion Garz, in der Hand eine Kamera. Der Zitronenfalter scheint unbeeindruckt von der Frau mit den langen roten Haaren, öffnet die Flüge und – knips – Marion Garz drückt auf den Auslöser. „Das sind die Momente, in denen ich weiß, warum ich meinen Schrebergarten habe“, so Garz.

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