KARRIERE : Frage an Anja Mengel - Fachanwältin für Arbeitsrecht

Darf ich vor dem Fristende gehen?

Anja Mengel

Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren für die gleiche Firma. Jetzt habe ich ein tolles Angebot eines größeren Unternehmens erhalten, das ich gern annehmen würde. Der Job startet aber in weniger als einem Monat. Gibt es einen Weg, die Kündigungsfrist zu umgehen – oder kann ich diese Chance nun nicht wahrnehmen, wenn mein Chef mir nicht entgegenkommt?

Das kommt auf Ihre Risikobereitschaft an. Rechtlich sind Sie an die Einhaltung der Kündigungsfrist gebunden und müssen daher auch bis zum Ablauf uneingeschränkt weiterarbeiten, wenn der Arbeitgeber darauf besteht. Nur ausnahmsweise kann ein Arbeitnehmer zur fristlosen Kündigung berechtigt sein, aber sicher nicht, wenn er die Firma wechseln möchte und der Arbeitgeber keinen besonderen Grund dafür gesetzt hat.

Hält ein Arbeitnehmer die für ihn geltende Kündigungsfrist nicht ein, begeht er Vertragsbruch. Dies berechtigt den Arbeitgeber zur fristlosen Kündigung. In Ihrem Fall dürfte das aber nicht relevant sein: Wenn er Sie bis zum Ablauf der Frist halten möchte, wird er nicht fristlos kündigen. Wechselt ein Arbeitnehmer jedoch zu einem Wettbewerber, kann der Arbeitgeber ihn mit einer Unterlassungsverfügung an der Arbeitsaufnahme hindern und versuchen, für die Nachteile, die er wegen des vorzeitigen Arbeitsendes hat, Schadensersatz zu fordern.

Zwar kann er nicht einfach die Kosten für die Suche nach einem Nachfolger einfordern, da dafür auch Kosten anfallen würden, wenn der Kündigende die Frist einhält. Doch können die Kosten für eine schnellere Suche erhöht sein, wenn etwa ein Headhunter eingeschaltet wird, der bei mehr Vorlaufzeit verzichtbar wäre. Es ist zudem denkbar, dass zur Überbrückung des früheren Ausscheidens Überstunden bei Kollegen anzuordnen sind und es zu Mehrkosten kommt – dann wäre aber die ersparte Vergütung des Kündigenden gegenzurechnen.

Das tatsächliche Risiko, bei Vertragsbruch Schadensersatz zahlen zu müssen, ist also nicht so groß, aber nicht leicht absehbar. Oft ist daher die Verhandlung des Ausstiegs, auch unter Berücksichtigung von Resturlaub, der beste Weg.

Zu beachten ist, dass manche Arbeitgeber für Vertragsbruch eine Vertragsstrafe vertraglich vereinbaren. Umgekehrt ist die gesetzliche Frist zur Kündigung, anders als viele denken, für Arbeitnehmer stets nur vier Wochen (zur Monatsmitte oder zum Monatsende) und verlängert sich nicht, wie für den Arbeitgeber, mit der Beschäftigungsdauer. Ist im Arbeitsvertrag keine entsprechende Verlängerung auch für die Kündigung des Arbeitnehmers vorgesehen, kann der kurzfristige Ausstieg sogar rechtlich ganz einfach gelingen.Foto: Promo

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