KARRIERE Frage : an Anja Mengel Fachanwältin für Arbeitsrecht

Sind Praktikanten urlaubsberechtigt?

an Anja Mengel
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Ich beginne demnächst ein sechsmonatiges Praktikum mit einer Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche. Dafür erhalte ich zwar 400 Euro im Monat. Für die hohen Anforderungen ist das jedoch nicht gerade viel. Darf ein Arbeitgeber Praktikanten, die mit Mitarbeiteraufgaben betreut sind, über einen solch langen Zeitraum zu einem so niedrigen Stundensatz beschäftigen? Und habe ich als Praktikantin ein Recht auf Urlaub?

Die Frage nach der Vergütung lässt sich nicht pauschal beantworten. Es ist denkbar, dass in einem fortgeschrittenen Studium ein längeres Praktikum in einem Unternehmen zu absolvieren ist und auch bei einer Dauer von sechs Monaten die Vermittlung und der Erwerb praktischer Fertigkeiten und Kenntnisse vorrangig ist. Gerade dieser Ausbildungszweck ist bei der Einstufung einer Tätigkeit als Praktikum maßgeblich.

Richtig ist, dass die meisten Hochschulabsolventen in ihren ersten Berufsjahren noch viele praktische Erfahrungen sammeln müssen und „on the job“ lernen. Dennoch hängt es stark von der Branche ab, ob dies im Rahmen eines "Berufsstarter-Praktikums" oder als regulär bezahlter Arbeitnehmer geschieht.

Die Grenzen zwischen einem Praktikum im rechtlich zulässigen Rahmen sowie einer Berufstätigkeit unter falscher Bezeichnung und bei zu schlechter Bezahlung sind in jüngerer Zeit fließend geworden. Ein Mitarbeiter ist falsch als Praktikant eingestuft, wenn er tatsächlich Arbeitnehmertätigkeiten verrichtet, zum Beispiel nach einer ersten Anlernzeit dieselben Aufgaben routinemäßig bearbeitet und gerade nicht weiter ausgebildet wird oder über Jahre als Praktikant geführt wird. In dem Fall hat er arbeitsrechtlich Ansprüche auf höhere Vergütung.

Aus dem Gleichbehandlungsgrundsatz ergibt sich dann, dass der Praktikant im Zweifel so bezahlt werden muss wie die Arbeitnehmer, die in dem Betrieb dieselben oder sehr ähnliche Aufgaben haben. Gibt es keine vergleichbaren Arbeitnehmer und werden die einschlägigen Tariflöhne um mehr als ein Drittel unterschritten, kann eine höhere Vergütung auch wegen „Lohnwucher“ gefordert werden.

Entsprechend gibt es in diesen Fällen auch Ansprüche auf Anpassung der Sozialversicherungsbeiträge. Der Arbeitgeber übernimmt dazu für etwaige Nachzahlungen im Zweifel die volle Haftung.

Entsprechendes gilt für den Urlaubsanspruch. Da ein Praktikantenverhältnis kein Arbeitsverhältnis ist, ist das gesetzliche Urlaubsrecht für Arbeitnehmer nicht anwendbar. Ist aber ein Praktikant falsch eingestuft und faktisch als Arbeitnehmer tätig, kann er alle Arbeitnehmerschutzrechte, auch den gesetzlichen Urlaub beanspruchen.Foto: Promo

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