KARRIERE Frage : an Anja Mengel Fachanwältin für Arbeitsrecht

Kann ich den Chef abmahnen?

an Anja Mengel

Ich arbeite in einem internationalen Konzern, mein Chef leitet unsere Abteilung. Doch leider mehr schlecht als recht. Er kommt oft zu spät, ist unzuverlässig, lässt uns ständig hängen und beachtet keine Deadlines von Projekten. Oft ist er nicht ansprechbar, so dass Entscheidungen nicht gefällt werden und unser Team ständig Probleme lösen muss, die in seinen Aufgabenbereich fallen. Die obere Chefetage bekommt davon nichts mit. Da sich die Lage aber zunehmend verschärft, muss etwas passieren. Nun interessiert mich: Können Arbeitnehmer auch den Chef abmahnen?

Nein, jedenfalls können sie das nicht im arbeitsrechtlichen Sinn wie umgekehrt Vorgesetzte ein Abmahnungsrecht gegenüber Mitarbeitern haben. Denn eine arbeitsrechtliche Abmahnung erfordert bestimmte Voraussetzungen und eine bestimmte inhaltliche Gestaltung.

Sie ist Hinweis und Warnung für den Arbeitnehmer nach einem Fehlverhalten: Zum einen muss die Abmahnung eine aus sich heraus verständliche Darstellung des Fehlverhaltens enthalten, ebenso wie eine Beschreibung des stattdessen pflichtgemäßen Verhaltens. Zum anderen warnt sie den Arbeitnehmer vor einer (verhaltensbedingten) Kündigung im Fall der Wiederholung des Fehlverhaltens.

Die Rechtsprechung fordert die Abmahnung als Voraussetzung für eine verhaltensbedingte Kündigung von Arbeitsverhältnissen, die dem allgemeinen Kündigungsschutz unterliegen. Denn eine Kündigung soll nicht sogleich bei jedem Fehlverhalten, sondern nur bei gravierenden Pflichtverletzungen zulässig sein.

Im Regelfall halten die Arbeitsgerichte den ersten Verstoß gegen eine arbeitsvertragliche Pflicht noch nicht für gravierend. Erst wenn ein Arbeitnehmer auch eine Abmahnung missachtet und wiederholt einschlägige Pflichtverletzungen begeht, wird dieses Fehlverhalten wegen der Unbelehrbarkeit hinreichend gravierend. Anders ist es aber, wenn der Arbeitnehmer von vornherein nicht erwarten durfte, dass der Arbeitgeber diese Art der Pflichtverletzung tolerieren würde. Bei schweren Pflichtverletzungen, insbesondere bei Straftaten im Betrieb, ist daher auch ohne Abmahnung sogar eine fristlose Kündigung wirksam.

Da ein Mitarbeiter aber kein Recht hat, seinem Vorgesetzten zu kündigen, kann er diesen auch nicht arbeitsrechtlich abmahnen, um eine Kündigung vorzubereiten. Dies kann nur dessen Vorgesetzter oder die Personalabteilung beziehungsweise die Unternehmensleitung.

Mitarbeiter können aber natürlich informell ein Kritikgespräch mit dem Chef suchen und, wenn sich auch dann nichts ändert, geeignete Dritte um Hilfe bitten, wie die Leitungsebene, die Personalleitung oder den Betriebsrat.Foto: Promo

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