KARRIERE Frage : An Dietmar Müller-Boruttau Fachanwalt für Arbeitsrecht

Gibt es ein Recht auf Vollzeitstellen?

An Dietmar Müller-Boruttau

Ich bin Inhaber einer Baufirma. Seit einem halben Jahr arbeitet einer meiner Architekten nur noch in Teilzeit (20 Stunden pro Woche). Nun hat sich aber seine private Lage geändert und ich habe gehört, dass er wieder in Vollzeit arbeiten möchte. Hat er einen Anspruch darauf, nach so kurzer Zeit nun wieder 40 Stunden zu arbeiten?

Ihr Mitarbeiter müsste Ihnen zunächst anzeigen, seine Arbeitszeit wieder auf Vollzeit aufstocken zu wollen. Das geschieht üblicherweise schriftlich, ist aber auch bei mündlicher Mitteilung verbindlich. Für die Rückkehr in eine Vollzeittätigkeit gibt es aber für ihn – anders als bei dem Wunsch, die Arbeitszeit zu reduzieren – keine Wartefrist: Sie können Ihrem Arbeitnehmer daher nicht entgegenhalten, dass die von Ihm gewünschte Verringerung der Arbeitszeit erst ein halbes Jahr her ist. Eine erneute Verringerung der Arbeitszeit ist dann aber erst einmal für die folgenden zwei Jahre ausgeschlossen.

Der Mitarbeiter hat aber keinen Anspruch darauf, dass der Arbeitgeber ihn sofort, nachdem er seinen Wunsch mitgeteilt hat, wieder in Vollzeit beschäftigt. Der Arbeitgeber ist auch nicht verpflichtet, eine neue Vollzeitstelle zu schaffen, in dem er zum Beispiel Überstunden abbaut oder Arbeitsplätze umgestaltet.

Der Arbeitgeber muss diesen Mitarbeiter jedoch künftig bei der Besetzung eines freien, passenden Arbeitsplatzes bevorzugt berücksichtigen – wenn dem keine dringenden betrieblichen Gründe oder andere Aufstockungswünsche entgegenstehen. Außerdem muss er den an einer Vollzeitstelle interessierten Mitarbeiter über passende, freie Arbeitsplätze informieren. Unabhängig von der Größe des Betriebes gilt: Die Aufstockung hat Vorrang vor der Neueinstellung.

Allerdings können Arbeitgeber neue Stellen hinsichtlich des Arbeitszeitumfangs frei ausgestalten. Ist etwa eine Stelle mit 40 Wochenstunden ausgeschrieben und ein Mitarbeiter möchte statt 20 fortan 36 Stunden arbeiten, so ist der Arbeitgeber nicht verpflichtet, ihm 16 Stunden zu übertragen und dann eine Stelle mit 24 Stunden auszuschreiben.

Stellt der Arbeitgeber für eine neue Vollzeitstelle, für die der Mitarbeiter geeignet gewesen wäre, einen neuen Bewerber ein, hat der Mitarbeiter Anspruch auf Schadensersatz – nicht aber darauf, die Stelle nachträglich zugewiesen zu bekommen. Steht die Besetzung noch bevor, könnte er gegebenenfalls durch eine einstweilige Verfügung verhindern, dass die Stelle an einen anderen Kandidaten geht.

Zudem ist wichtig: Gibt es im Unternehmen einen Betriebsrat, ist dieser über Einstellungen zu informieren. Wird ein Aufstockungswunsch übergangen, kann der Betriebsrat einer Neueinstellung die Zustimmung verweigern. Foto: Promo

– Haben Sie auch eine Frage?

 Dann schreiben Sie uns:

E-Mail:

Redaktion.Beruf@tagesspiegel.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben