KARRIERE Frage : an Dietmar Müller-Boruttau Fachanwalt für Arbeitsrecht

Was mache ich bei Diskriminierung?

an Dietmar Müller-Boruttau

Ich bin eine sehr gut ausgebildete Diplom-Informatikerin, 45 Jahre alt, stamme aus Russland und lebe seit zehn Jahren in Berlin. Mein Diplom ist als gleichwertig zu einem deutschen Diplom anerkannt. Nun habe ich mich auf eine Stelle mit sehr speziellen Anforderungen beworben, die genau auf mein Profil passt, wurde aber nicht einmal zum Vorstellungsgespräch gebeten. Dabei bin ich mir sicher, dass es nur wenige Bewerber mit vergleichbarer Eignung gegeben haben kann – und ich wegen meines ausländischen Namens, meines Geschlechts oder meines Alters aussortiert wurde. Kann ich nun aufgrund von Diskriminierung meine Einstellung verlangen?

Einen Schutz vor Diskriminierung bietet seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Mit diesem Gesetz werden Arbeitgeber sanktioniert, die Arbeitnehmer bei der Einstellung, während des Arbeitsverhältnisses oder bei der Kündigung wegen ihres Alters, ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Behinderung oder ihres Geschlechts benachteiligen.

Allerdings gewährt das Gesetz nur einen Anspruch auf finanzielle Entschädigung – aber nicht darauf, bereits erfolgte Diskriminierung faktisch wieder rückgängig zu machen. Einen Anspruch darauf, nach einer Diskriminierung eingestellt zu werden, haben Sie also nicht. Sie können sich nach Paragraf 15 des AGG nur gegen die vermeintliche Diskriminierung „wehren“, in dem Sie Schadensersatzansprüche geltend machen. Das ist möglich innerhalb einer zweimonatigen Frist, die ab dem Zeitpunkt beginnt, an dem Sie Kenntnis von der Benachteiligung nehmen.

Die Voraussetzung für eine solche Entschädigung ist, dass Indizien für eine Diskriminierung vorliegen. Dabei genügt es nicht, „Träger von Diskriminierungsmerkmalen“ zu sein, also ausländischer Herkunft, weiblichen Geschlechts oder vorgerückten Alters. Wer sich diskriminiert fühlt, muss darlegen, dass sich der Arbeitgeber bei einer diskriminierungsfreien Auswahl anders entschieden hätte. Dabei sind Indizien heranzuziehen, die sich zum Beispiel aus Formulierungen der Stellenanzeige, Begründungen in Ablehnungsschreiben oder vom Arbeitgeber erteilten Auskünften zur Vergabe der Stelle ergeben. Relevant wäre etwa, wenn eine Stelle nicht geschlechtsneutral ausgeschrieben ist oder eine Altersvorgabe enthält. Schon eine Formulierung wie „dynamisch und belastbar“ kann auf eine Altersdiskriminierung hindeuten.

Gelingt es dem Arbeitnehmer, ein Diskriminierungsindiz beim Einstellungsverfahren vorzutragen, ist der Arbeitgeber in der Pflicht, die vermutete Diskriminierung zu widerlegen. Gelingt ihm das nicht, können dem Arbeitnehmer drei Monatsgehälter als Entschädigung zugesprochen werden.Foto: Promo

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