KARRIERE Frage : an Jürgen Hesse < i>Büro für Berufsstrategie

Wann darf man die Firma wechseln?

an Jürgen Hesse

Ich bin Berufsanfängerin und arbeite seit neun Monaten in einer Agentur mit zehn Mitarbeitern. Die Stimmung unter den Kollegen ist schlecht, die Konkurrenz groß und die Arbeit sehr stressig. Es gibt keine Zeit für Mittagspausen und fast täglich muss man Überstunden machen. Nun überlege ich, zu kündigen und eine neue Stelle zu suchen. Doch ich befürchte, dass es sich im Lebenslauf schlecht macht, nach so kurzer Zeit die Firma zu wechseln. Und auch im Bewerbungsgespräch sollte man ja nicht schlecht über den vorherigen Arbeitgeber reden. Inwieweit kann ich ehrlich sein – ohne den Eindruck zu erwecken, nicht belastbar zu sein? Haben Sie einen Rat?

Ihre Überlegungen sind durchaus richtig. Einem sprunghaften Lebenslauf mit vielen Arbeitgeberwechseln begegnen Personaler eher kritisch. Andererseits genießen Sie als Berufsanfängerin, also als junger Mensch, noch eine gewisse Narrenfreiheit. Das heißt, Sie dürfen sich, ja Sie sollten sich ausprobieren. Wer im Alter von 30 Jahren von der Ausbildung an nie den Arbeitgeber gewechselt hat, ist eher der Bequemlichkeit und der Angst vor Neuem verdächtig. Im dritten Lebensjahrzehnt ist es durchaus normal, alle ein bis zwei Jahre zu wechseln. Im vierten Lebensjahrzehnt, im Alter von 30 bis 40 Jahren, sollte möglichst erst nach drei, besser erst nach vier Jahren Betriebszugehörigkeit gewechselt werden und wer das fünfte Lebensjahrzehnt erreicht hat, müsste mindestens fünf Jahre bei seinem Arbeitgeber bleiben, um nicht kritische Fragen heraufzubeschwören.

Für Sie konkret heißt das, dass sie nach Möglichkeit versuchen sollten, die zwölf Monate voll zu bekommen, bevor Sie sich nach einem neuen Job umgucken. Noch besser wäre es, sogar ein paar Monate länger zu bleiben. Wenn Sie es allerdings gar nicht mehr aushalten, lassen sich in Ihrer Position auch neun Monate Betriebszugehörigkeit erklären: Sie hatten eine gute Zeit und haben viel gelernt, aber jetzt möchten Sie etwas Neues kennenlernen. Wie Sie schon richtig eingeschätzt haben: Es gehört sich nicht und es würde auch kein gutes Bild auf Sie selbst werfen, den alten Chef beim neuen schlecht zu machen. Auf der anderen Seite sind Sie aber auch nicht gezwungen, ihn in den höchsten Tönen zu loben. Warum sollten Sie sonst wechseln wollen?

Zuletzt noch eine Anmerkung zu den Mittagspausen. Diese sind wirklich absolut notwendig! Wer seinen Akku nicht auflädt, schädigt nicht nur seine Gesundheit, sondern arbeitet langsamer, unkonzentrierter und macht mehr Fehler. Gehört das Ausfallenlassen zur Unternehmenskultur in Ihrer Agentur, sollten Sie die Problematik dringend ansprechen. Tun Sie sich, Ihren Kollegen und Ihrem Arbeitgeber diesen Gefallen!Foto: Promo

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