Karriere-Neustart : Frühere Politiker und Vorstandschefs wechseln zu Start-ups

Wenn die Karriere als Politiker oder Vorstandschef vorbei ist, heuern Prominente immer öfter als Berater bei jungen Techfirmen an. Die schätzen ihren Rat.

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Die frühere Wettbewerbskomssarin Neelie Kroes wechselt zum Taxi-Dienst Uber. Foto: picture alliance / dpa
Die frühere Wettbewerbskomssarin Neelie Kroes wechselt zum Taxi-Dienst Uber.Foto: picture alliance / dpa

Ein Job bei einem Start-up, das war lange etwas für die jungen Hippen. Denen das Arbeitsumfeld wichtiger ist als die Höhe des Gehalts. Die offen sind für verrückte Ideen. Die an den großen Geschäftserfolg glauben – wohlwissend, dass es sein kann, dass es ihre Firma in ein paar Wochen schon nicht mehr gibt. Doch mittlerweile ziehen die jungen Gründer zunehmend auch eine neue, ganz andere Gruppe als Mitstreiter an: frühere Vorstandschefs von Großkonzernen und ehemalige Politiker. Menschen also, die es in ihrem Bereich nach ganz oben geschafft haben. Die bereits eine steile Karriere hinter sich haben, sich nicht mehr beweisen müssten – und doch noch einmal neu anfangen wollen.

Da ist zum Beispiel Neelie Kroes, die frühere EU-Wettbewerbskommissarin, die künftig für den Taxi-Dienst Uber arbeitet. Oder Jörg Asmussen, der Ex-Staatssekretär, der die Gründer der Kreditplattform Funding Circle berät. Da ist Anshu Jain, der vor einem Jahr noch Co-Chef der Deutschen Bank war und heute Aufsichtsrat beim Start-up Social Finance ist. Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der als Investor in der Gründerszene unterwegs ist. Der Ex-Telekom-Chef René Obermann, der mit seinem Wissen die Manager des Musikstreamingdienstes Spotify unterstützt.

Start-ups nehmen die Ex-Politiker und Vorstandschefs gerne auf

Diese vielen Wechsel aus Politik und Konzernen zu Tech-Firmen sind neu und überraschend. In der Vergangenheit wurden Politiker nach ihrer Karriere in Partei und Ministerien schließlich meist Buchautoren oder ließen sich gegen hohe Honorare als Redner buchen. Manch einer wechselte auch zu einem Großkonzern – wie der Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla zur Deutschen Bahn. Frühere Konzernchefs wiederum verbringen ihre Zeit traditionell als gut bezahlte Aufsichtsratsmitglieder anderer Großunternehmen. Oder sie steigen in Beteiligungsfirmen ein, die im großen Stil Firmen kaufen und verkaufen.

Das alles tun die Chefs von gestern zwar auch heute noch. Doch immer öfter wählen sie einen anderen Weg und mischen sich unter die jungen Gründer. Gerade bei den Start-ups, die ihre Sturm- und Drangphase bereits hinter sich haben und gerade erwachsen werden, sind frühere Vorstandschefs und Politiker mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung gefragt.

Die frühere EU-Kommissarin Neelie Kroes wechselt zu Uber

Neelie Kroes ist das beste Beispiel dafür. Die 74-Jährige war in Brüssel erst Wettbewerbs- dann Digitalkomissarin. Sie weiß, wie weit Tech-Firmen gehen können und wie man Gesetze schreibt. Auch dürfte sie aus ihrer Zeit im Politikbetrieb noch genug Kontakte haben, über die sie Einfluss nehmen kann – was sie für den Taxidienst Uber extrem wertvoll macht. Denn der steht unter Druck. Immer wieder beschäftigen sich Gerichte mit der Frage: Darf die Firma Fahrer vermitteln, die keine Taxilizenz haben? Schon in ihrer Zeit als Kommissarin war Kroes in dieser Sache klar auf der Seite von Uber. Als der Fahrdienst 2014 in Brüssel verboten wurde, stellte sie einen Banner auf ihre Homepage, auf dem stand: „Uber is welcome.“ Unter dem gleichnamigen Hashtag rief sie Twitter-Nutzer auf, Uber zu verteidigen.

Dass die Ex-Kommissarin nun als Beraterin zu dem Taxidienst wechselt, sehen Beobachter als Indiz dafür, dass Uber sein Verhältnis zu Aufsichtsbehörden und Politik verbessern will. So sagte Kroes in einem Interview mit der Financial Times über ihren neuen Posten auch, Uber müsse lernen, anders zu kommunizieren. Die Firma dürfe sich nicht immer gleich angegriffen fühlen. In diesem Punkt ist Kroes sich mit Manager David Plouffe einig. Er ist derjenige, der Kroes zu Uber geholt hat und der die Art und Weise verändern soll, wie die Tech- Firma in der Welt wahrgenommen wird. Wie Kroes ist auch Plouffe ein Quereinsteiger: Auch er ist aus der Politik zu Uber gewechselt. Zuvor war er Berater der Demokratischen Partei und hat zum Beispiel 2008 den Wahlkampf von Barack Obama geleitet.

In den USA wechseln bereits viele Promis zu Start-ups

Dass Uber jemanden wie Plouffe oder Kroes anheuert, zeigt, dass die Tech-Firma erwachsen wird. Und dass sie es sich auch finanziell leisten kann, solch erfahrene Branchenkenner anzuheuern. Zudem kommt sie aus den USA, wo es inzwischen fast schon normal ist, wenn Tech-Firmen hochkarätige Manager oder Politiker einstellen. Vor allem die Verwaltungsräte der Start-ups sind prominent besetzt. Zum Beispiel bei der amerikanischen Firma Lendingclub, die Kredite übers Internet vermittelt. Kontrolliert und beraten wird sie von John Mack, dem früheren Chef der Investmentbank Morgan Stanley, und Lawrence Summers, dem ehemaligen US-Finanzminister.

Die deutschen Gründer könnten sich daran durchaus ein Beispiel nehmen, meint Florian Nöll vom Bundesverband Deutsche Startups. „Sie haben die Beratung aus Wirtschaft oder Politik fast nötiger als amerikanische Tech-Firmen.“ In Europa seien die Aufsichtsbehörden schließlich deutlich restriktiver gegenüber neuen Geschäftsmodellen eingestellt als jenseits des Atlantiks. „Was noch nicht reguliert ist, wird hier schnell hinterfragt“, sagt Nöll. Da hilft es, wenn man jemanden im Haus hat, der vermittelt. Der den Start-ups erklärt, wie Politiker ticken. Und den Politikern beibringt, wie Start-ups arbeiten.

Jörg Asmussen berät Funding Circle

Ex-Staatssekretär Jörg Asmussen berät das Start-up Funding Circle. Foto: imago/Gerhard Leber
Ex-Staatssekretär Jörg Asmussen berät das Start-up Funding Circle.Foto: imago/Gerhard Leber

Einer, der das seit Kurzem in Berlin macht, ist Jörg Asmussen. Der frühere Staatssekretär sitzt im Aufsichtsrat des Start-ups Funding Circle: einer Plattform, die im Netz Gelder bei Anlegern einsammelt, um sie als Kredite an Unternehmen zu vergeben. Den Hauptsitz hat Funding Circle in London, steuert einen Großteil des Geschäfts aber von Berlin aus. Asmussen sei regelmäßig vor Ort und jederzeit für die Gründer erreichbar, sagt eine Sprecherin. Der 49-Jährige war erst Staatssekretär im Finanz-, später im Arbeitsministerium. Zwischendurch saß er zwei Jahre lang im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) – gab den Posten dann aber auf, weil seine Familie in Berlin geblieben war und er nicht mehr ständig nach Frankfurt pendeln wollte. Zuletzt wurde er für die Stelle als Generalbevollmächtigter bei der Förderbank KfW gehandelt. Doch statt bei diesem alteingesessenen Institut anzufangen, heuerte er jetzt beim Start-up an.

Asmussen folgt dem Reiz des Neuen – ebenso wie Anshu Jain.

Auch Anshu Jain, Ex-Co-Chef der Deutschen Bank, hilft einem Start-up

Anshu Jain war Co-Chef der Deutschen Bank und wechselt jetzt zu einem Start-up in den USA. Foto: picture alliance / dpa
Anshu Jain war Co-Chef der Deutschen Bank und wechselt jetzt zu einem Start-up in den USA.Foto: picture alliance / dpa

Der ehemalige Co-Chef der Deutschen Bank unterstützt heute ausgerechnet ein Start-up, das den klassischen Geldinstituten den Kampf ansagt. Social Finance, kurz SoFi, heißt die Techfirma aus San Francisco, die sich bislang auf die Refinanzierung von Studentenkrediten konzentriert. Jain soll helfen, das Geschäft breiter aufzustellen. Eingestellt wurde er zunächst als Berater – könnte laut Financial Times aber schon bald in den Vorstand aufrücken.

Damit dürfte Jain Vorbild sein für andere. So glaubt Branchenkenner Nöll, dass demnächst auch hierzulande noch mehr Manager und Politiker zu Start-ups wechseln werden. „Das werden wir noch öfter sehen“, meint er.

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