Karriere : „ Fehler verbauen nicht die Karriere“

Früher haben Yuchun Lee und seine Kommilitonen beim Black Jack die Kasinos überlistet. Heute ist er Unternehmer und erklärt, was Manager durch Zocken lernen können

Im Film „21“, der kürzlich in die Kinos kam, spielen unter anderem Kevin Spacey und Kate Bosworth die wahre Geschichte um einen Professor des weltweit führenden Massacusetts Institute of Technology (MIT) und seine Studenten nach, die durch Wahrscheinlichkeitsrechnung ein legales System entwickelten, um die Gewinnchancen von nur 1,5 bis drei Prozent beim Black Jack in das genaue Gegenteil umzukehren. Yuchun Lee, 42, Gründer und Vorstandsvorsitzender von Unica, einer Firma für Marketingsoftware in Massachusetts, war einer dieser Studenten.

Mr. Lee, Sie haben am MIT studiert und Anfang der 90er Jahre eine eigene Firma gegründet. Weshalb kamen Sie 1995 auf die Idee, systematisch Black Jack zu spielen?

Ich war schon immer sehr fasziniert von der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Nach meinem Abschluss erzählte mir ein Cousin, der auch am MIT studierte, von einem Team, das Leute für seine Firma suchte, um mit dem Zählen von Karten beim Black Jack Geld zu verdienen. Ich traf mich mit den Leuten und war schnell an Bord.

Wie funktionierte das denn?

Man muss wissen, dass Black Jack das einzige Spiel im Casino ist, bei dem eine Spielrunde nicht zu hundert Prozent unabhängig ist von den vorherigen Ergebnissen. Die Karten, die bereits gespielt wurden, beeinflussen die Karten, die noch gespielt werden. So kann man sich die Wahrscheinlichkeiten ausrechnen, welche Karten als Nächstes kommen könnten. Das Kartenzählen bestand daraus, dass mehrere Leute die Karten an allen Tischen gezählt haben und dem Spieler ein Zeichen gaben, wenn ein Tisch zugunsten der Spieler verteilt war. Aber Karten zählen kann jeder, schwieriger ist die Schauspielerei.

Was meinen Sie damit?

Obwohl das, was wir gemacht haben, zu 100 Prozent legal ist, konnten uns ja die Casinobetreiber rausschmeißen und verbieten, je wieder ihre Häuser zu betreten. Das ist auch richtig so. Wenn sie das nicht tun könnten, würden sie wahrscheinlich früher oder später pleite gehen. So aber gehört das Schauspielern dazu. Man muss in den Casinos die Angestellten blenden, damit sie nicht den professionellen Spieler in einem erkennen.

Wie stellten Sie das an?

Für mich war es leichter, da ich Asiate bin, und viele Asiaten spielten. Da wir mit so viel Geld gespielt haben, dachten die Casinobetreiber meist, dass wir einfach reiche Menschen wären. So wurden wir in Bonus-Kategorien eingeteilt, je nachdem, wie viel Geld wir einsetzten. Da bekam man einiges umsonst. Es war recht einfach für uns, ein Wochenende in Las Vegas und für nichts zahlen zu müssen. Ich durfte auch mal einfach so mit einem Nascar-Rennwagen herumfahren, einmal habe ich nach einem harten Nachmittag im Casino darum gebeten, mit dem Helikopter zum Grand Canyon zu fliegen, den Sonnenuntergang anzuschauen und sofort wieder zurückzufliegen. Das war alles gar kein Problem. Wir wurden auch mal in einem Zimmer mit einem Wasserfall untergebracht, der über zwei Stockwerke ging. Im Zimmer! Nachts mussten wir den Wasserfall ausschalten, um überhaupt schlafen zu können.

Um wie viel Geld ging es denn normalerweise bei Ihnen am Wochenende?

In Las Vegas hat jeder Tisch ein Limit von 10 000 Dollar, das man nicht überschreiten kann. Über ein ganzes Wochenende verteilt, kam es schon mal vor, dass wir 250 000 Dollar verloren haben, wir haben aber auch schon ein Vielfaches dieser Summe gewonnen.

Damals waren Sie 30 Jahre alt. Dreht man da nicht irgendwann durch?

Naja, es war sehr irreal. Das Tollste daran war aber, dass wir als Team zusammengearbeitet haben. Man verbringt ein tolles Wochenende mit Freunden, bei dem man auch noch gegen das System kämpft: Mit den Casinos besiegt man eine richtige Macht, eine Milliarden-Dollar-Institution. So wie David gegen Goliath.

Sie hatten damals schon Unica gegründet, mit der Sie jetzt auch an der Börse notiert sind. Wissen Sie denn, was aus Ihren Freunden von damals geworden ist?

Es waren einige Leute aus unserem Team dabei, die später Unternehmer wurden. Hier bei Unica sind ebenfalls insgesamt vier Leute von damals dabei. Zu den anderen habe ich noch losen Kontakt, einige von uns waren Berater zu dem Film über uns, der jetzt herauskommt. Ich selber hatte keine Zeit, da ich den Börsengang von Unica vorbereiten musste.

Was haben Sie denn aus Ihrer Zeit in den Casinos gelernt, was Ihnen heute als Vorstandsvorsitzender zugute kommt?

Die Erfahrung, in einem Team gemeinsam Black Jack zu spielen, ist ziemlich einzigartig. Man arbeitet unter Stress sehr eng zusammen und muss sich gegenseitig vertrauen können. Das waren ja auch riesige Summen, um die wir gespielt haben, wir hatten also einiges an Bargeld dabei. Manchmal spielten wir sehr hart ein gesamtes Wochenende lang, da konnte man auch schon mal jede Menge Geld verlieren. Das geht einem schon hart an die Nieren, auch wenn es nicht das eigene Geld ist. Aber du kannst eben auch verlieren, obwohl du eigentlich alles richtig gemacht hast. Da habe ich sehr viel draus gelernt.

Also im Grunde eine Schulung für Führungskräfte?

Es ist wichtig, Situationen richtig einzuschätzen. Ich kenne zum Beispiel viele Manager, die einfach Angst davor haben, einen Fehler zu machen, weil sie glauben, dass ihnen das die Karriere verbaut. Die Wahrheit ist aber: Wir alle werden dauernd für Dinge verantwortlich gemacht, die in Wirklichkeit außerhalb unserer Möglichkeiten liegen. Bei mir als Chief Executive Officer kann sich die Firma manchmal sehr gut entwickeln, obwohl ich falsche Entscheidungen getroffen habe. Oder sie könnte sich schlecht entwickeln, obwohl ich alles richtig gemacht habe. Man muss sich eine gewisse Demut vor den Dingen bewahren und darf nicht zu selbstbewusst werden, wenn es gut läuft. Aber wir sind auch nicht niedergeschlagen, wenn es mal schlechter läuft.

Spielen Sie denn jetzt noch ab und zu?

Ich habe in ungefähr einem Dutzend Casinos Hausverbot. Jetzt könnte ich vielleicht mal wieder hingehen und dort etwas essen. Aber an die Tische würden die mich nicht lassen.

Sie haben ihnen ja auch viel Geld abgenommen. Können Sie ungefähr sagen, wie viel Geld Sie in den Casinos über die Jahre verdient haben?

Ich würde sagen, es war annehmbar. Es gab Spieler bei uns, die etwa 500 Dollar die Stunde verdient haben und es gab Spieler, die haben 5000 Dollar die Stunde verdient. Aber es wäre nicht angemessen, jetzt hier zu erzählen, wie viel es tatsächlich war. Ich kann aber versichern, dass ich alles ordentlich versteuert habe.

Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

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