Karriere : Abschied vom Alleskönner

Für Juristen gilt: Es muss nicht immer das Top-Examen sein, aber man sollte seine Nische finden

Maria Marquart

Ina Thimm und Christian Christiani, beide 34, haben alles richtig gemacht. Mitten in Berlin, zwischen Regierungsviertel, Friedrichstraße und Pariser Platz haben die beiden Rechtsanwälte ihre Gemeinschaftskanzlei. An Mandanten mangelt es nicht – trotz 11 000 konkurrierenden Kollegen in der Hauptstadt. Vor drei Jahren haben sich Thimm und Christiani zusammengetan und sich mit 31 Jahren den Traum von der eigenen Kanzlei erfüllt.

Jurist – kaum ein anderer Beruf bietet so viel Raum für Karriere-Träume. Anwalt, Richter, Notar oder doch Syndikus in einem Unternehmen? Der Weg zu vielen Berufen scheint offen. Doch viele Juristen tun sich gerade deswegen schwer. Angesichts tausender Konkurrenten auf dem Markt und eines Labyrinths aus Fachgebieten und Einsatzmöglichkeiten geht leicht der Überblick verloren, welcher Bereich die besten Chancen – und die lukrativsten Gehälter – bietet.

„Man muss hinter dem stehen, was man will“, erklärt Ina Thimm ihr Erfolgsrezept. Und: „Man muss einfach sein Feld finden“, fügt ihr Kollege Christian Christiani hinzu. Die beiden haben sich auf Wirtschafts- und Arbeitsrecht spezialisiert und den Beruf auch mit der privaten Leidenschaft für Kultur verknüpft. So beraten sie sowohl junge Unternehmer – etwa bei der Vergabe öffentlicher Aufträge – vertreten aber auch Künstler in Fragen des Urheber- und Markenrechtes.

„Wichtig ist, dass man Spaß an der Sache hat und Netzwerke knüpft“, meint Thimm. Sie profitiert als Anwältin noch von ihrer früheren Arbeit als Referentin im Kultur- und Haushaltsausschuss im Bundestag. Auch Christiani hat Kontakte geknüpft, etwa in seiner Referendariatszeit bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Hinzu kommt, dass beide in überregional tätigen Großkanzleien Fachwissen und Berufserfahrung sammeln konnten. Durch Fortbildungen, etwa beim Berliner Anwaltsverein und mit Hilfe von Fachzeitschriften, hält das Duo sich auf dem Laufenden.

Mit ihren Spezialgebieten sind die beiden Anwälte nach Ansicht von Katja Mihm, Geschäftsführerin des Deutschen Anwaltsinstituts, auf dem richtigen Weg. Allein in Berlin wurden zwischen 2006 und 2007 rund 400 neue Anwälte zugelassen. Immer mehr Juristen spezialisieren sich auf ein bestimmtes Gebiet und erwerben bis zu zwei Fachanwaltstitel, um der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein, berichtet Mihm. Das Anwaltsinstitut, die Aus- und Fortbildungseinrichtung der Kammern, bietet entsprechende Lehrgänge zum Fachanwalt an. Bereits nach dem ersten Staatsexamen können Juristen an den Kursen teilnehmen.

Der Bundesrechtsanwaltskammer zufolge hatten 2006 von insgesamt 138 104 Rechtsanwälten in Deutschland 22 841 einen Fachanwaltstitel. Arbeitsrecht, Familienrecht und Steuerrecht werden demnach am häufigsten gewählt. Vor allem beim Steuerrecht, aber auch im Handels- und Gesellschaftsrecht sieht Mihm noch viel Entwicklungspotenzial. So rechnet sie etwa durch die Unternehmenssteuerreform oder die Reform des GmbH- Rechts mit Arbeit für die Juristen. Weitere zukunftsträchtige Gebiete sind Mihms Einschätzung nach auch Erb- und Medizinrecht.

„Überall wo neue Lebensbereiche entstehen, gibt es neue Rechtsgebiete“, fasst Cord Brügmann zusammen. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Anwaltvereins glaubt, dass die Generalisten unter den Rechtsanwälten in zehn bis 15 Jahren keine großen Chancen mehr haben werden. Wichtig sei, sich generell auszubilden, dann aber zu spezialisieren, erklärt Brügmann. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Anzahl der verschiedenen Fachanwaltschaften wider: Allein seit 2006 kamen sechs neue Titel hinzu, so dass den Juristen derzeit 18 Rechtsgebiete zur Auswahl stehen.

„Es muss nicht immer das Top-Examen sein, aber man sollte etwas bieten, was andere nicht haben“, rät Brügmann. Denn jährlich kämen etwa 10 000 Absolventen auf den Markt, rund 8000 davon schlagen eine Karriere als Anwalt ein. Eine Möglichkeit könne es sein, sich auf Nischen zu stürzen, die noch nicht besetzt sind, weil sie etwa an der Uni keine Rolle spielen. Als Beispiele nennt Brügmann das Transport- und Speditionswesen, das Arzneimittelzulassungsrecht und das IT-Recht. Dabei gelte aber stets: „Man muss was von den Lebensbereichen verstehen, die man bearbeitet.“ Wenn man selbst sehe, dass man für ein bestimmtes Gebiet ein Händchen habe, dann sei man darin auch gut, so Brügmann.

Klaus Matzen hat sein Gebiet gefunden. Der 42-jährige Rechtsanwalt hat sich mit seiner Hamburger Kanzlei auf Wirtschaftsrecht spezialisiert. Doch die Komplexität des Wirtschaftssystems fordere eine viel weitergehende Spezialisierung, meint Matzen. Zu seinen speziellen Feldern gehören etwa Unternehmenskäufe und Sanierungs- und Insolvenzberatung. Als Zukunftsbereich sieht er aber auch das Gesundheitsrecht: „Wirtschaftsjuristen, die Expertise im Gesundheitsbereich mitbringen: Das wird der Bereich der Zukunft sein“, ist Matzen überzeugt. Auch Felder wie Energieversorgungsrecht, Kartell- und Umweltrecht und die Schnittmengen dieser Bereiche hält er zukünftig für relevant.

„Kraft ihres analytischen Denkens sind Juristen überall willkommen“, meint Matzen, der eine Promotion für unerlässlich hält und auch dazu rät, einen Mastertitel (LLM) zu erwerben. Die Mandanten erwarteten zunehmend auch eine beratende Funktion, erklärt der Anwalt. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass die Anforderungen an Unis, Studenten, Referendare und auch Gerichte erhöht werden sollten; diese müssten sich stärker wirtschaftsrechtlichen Themen zuwenden.

Davon ist auch Clifford Larsen überzeugt. „Es muss auf die Schnittstelle Jura und Wirtschaft hinauslaufen“, meint der UBS Professor von der Bucerius Law School in Hamburg, der dort den Pionier-Jahrgang des „Bucerius/WHU Master of Law and Business (MLB)“ betreut. Die Idee: Juristen und Betriebswirte sollen gemeinsam studieren, um voneinander zu lernen und einander zu verstehen. Denn Unternehmen suchen händeringend nach Leuten, die sowohl juristische als auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse haben. „Wir merken immer wieder, dass Juristen, die einen wirtschaftlichen Hintergrund haben, eindeutig im Vorteil sind“, erklärt Larsen. „Jura und Betriebswirtschaft sind zwei Seiten einer Medaille.“

Martina Told hat sich deshalb genau auf diese beiden Bereiche gestürzt und als eine der ersten den Studiengang Diplom-Wirtschaftsjurist an der Universität Augsburg absolviert. Im Studium spezialisierte sie sich auf Steuern und Rechnungswesen. Noch während ihrer Abschlussarbeit bot die Wirtschaftsprüfergesellschaft Deloitte & Touche ihr einen Vertrag an. Gleich nach ihrem Hochschulabschluss fing die 23-Jährige dort an.

Als Diplom-Wirtschaftsjuristin bekomme sie zwar zu spüren, welchen Stellenwert das Staatsexamen habe und dass Wirtschaftsjuristen in großen Kanzleien von Volljuristen nicht als gleichwertig anerkannt werden, sagt Told. In ihrer Firma gebe es mit den Juristen-Kollegen aber keine Probleme: „Die bewundern eher meinen wirtschaftlichen Hintergrund.“

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