Karriere : Akademiker zu vermieten

Für junge Uni-Absolventen ist die Zeitarbeit eine Alternative zum Praktikum

Selina Byfield

Als Haike Füßlein mit dem Studium fertig war, wusste sie genau, was sie wollte: dort arbeiten, wo Jobs vergeben werden. Deshalb hatte sie sich schon während des BWL-Studiums an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) auf Personalmanagement spezialisiert. In der Theorie kannte sie sich bestens mit dem Thema aus, ihre praktische Erfahrung beschränkte sich jedoch auf den studentischen Nebenjob bei einem Personalvermittler. Wie also sollte sie in ihrem Traumberuf Fuß fassen?

Füßlein bildete sich weiter, besuchte eine SAP-Schulung und ging die Jobsuche pragmatisch an: Sie schickte ihre Unterlagen an eine Zeitarbeitsfirma, die ihr schon bald eine sechsmonatige Krankheitsvertretung für eine Personalsachbearbeiterin bei einem Online-Dienstleister anbot. „Natürlich war meine oberste Priorität, gleich eine Festanstellung zu finden – aber manchmal muss man eben Kompromisse eingehen“, sagt sie heute. Über ihr Gehalt in dieser Zeit möchte sie nicht sprechen und sagt nur soviel: „Ich habe bestimmt zwanzig bis dreißig Prozent weniger verdient als es für einen Berufseinsteiger in dieser Branche üblich ist. Aber es hat zum Leben gereicht – und es war eine Chance.“

Zeitarbeit bedeutet oftmals: weniger Gehalt für gleiche Arbeit. Trotzdem kann sie für Akademiker der Einstieg in den Beruf sein. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Lünendonk haben immerhin 10 Prozent der Zeitarbeiter einen Hochschulabschluss, die Akademikerquote steigt. Und während die Branche noch gegen ihr schlechtes Image ankämpft, spricht Thomas Gläser, geschäftsführender Gesellschafter der Berliner Bürolina Personalservice GmbH, von einer Trendwende: „Gerade junge Bewerber sehen in der Projektarbeit eine Chance, aus der Generation Praktikum auszusteigen.“

Auch Haike Füßlein nutzte die Gelegenheit. Aus der befristeten Beschäftigung heraus bewarb sie sich auf eine Stellenanzeige der „Bürolina“, die im Auftrag eines Solartechnik-Unternehmens eine Personalstelle zu besetzen hatte. Ihr Vorteil: Sie konnte bereits ein halbes Jahr Berufserfahrung vorweisen. Vier Monate sollte die Zeitarbeit dauern, danach wollte man sie in die Festanstellung übernehmen – sofern sie ins Team passe. Füßlein hatte Erfolg: Seit einem guten dreiviertel Jahr arbeitet sie in ihrem Traumjob. Drei Monate wurden ihr auf die Probezeit angerechnet.

Während Branchenriesen wie Randstad oder Adecco viele Hilfskräfte vermitteln, gibt es mittlerweile kleinere Dienstleister, die sich auf höher qualifiziertes Personal spezialisiert haben. Die Zeitarbeitsfirma von Heidrun Jürgens etwa setzt auf persönlichen Kontakt und individuelle Betreuung von Kunden und Arbeitnehmern. Nachdem sich die Kandidaten schriftlich beworben haben, müssen sie ein eineinhalbstündiges Gespräch bestehen. Noten seien dabei oft nicht so wichtig wie eine positive Ausstrahlung und Teamfähigkeit, sagt die Hamburger Personalexpertin. „Derzeit können wir qualifizierten Bewerbern im Durchschnitt acht Stellen vorschlagen“, sagt Jürgens.

Dennoch zweifeln viele am „Klebeeffekt“ des Modells und fürchten, in der Zeitarbeit hängen zu bleiben. Heidrun Jürgens ist jedoch überzeugt, dass Zeitarbeit gerade für Hochschulabsolventen nur ein Sprungbrett sein kann und spricht in Zahlen: „Die Übernahmequote unserer Akademiker liegt bei 95 Prozent. Gerade für junge Absolventen waren die Chancen, auf diesem Weg eine Festanstellung zu finden, nie besser.“

Joanna Rieloff zumindest hat von diesem Trend profitiert. Als sie mit 32 Jahren auf den Arbeitsmarkt kam, war ihr Ziel noch nicht klar. Nach einer Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin hatte sie Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder studiert, hat sich mit Geisteswissenschaften und vor allem mit Literatur- und Filmwissenschaften beschäftigt. „Mit dem Diplom hatte ich dann alles und nichts in der Hand“, sagt sie rückblickend.

Rieloff überlegte, „was mit Journalismus oder in Richtung Kulturvermittlung zu machen – aber den Luxus, noch lange zu überlegen konnte ich mir aus finanziellen Gründen nicht leisten.“ Deshalb wollte sie übergangsweise bei einer Zeitarbeitsfirma anheuern und sich weiter bewerben.

Der Karriereschub kam dann schneller als erwartet, als ihr der Job als Assistentin der Geschäftsführung bei einem Flugunternehmen angeboten wurde. „Auf eine Stellenanzeige hätte ich mich nicht beworben“, sagt Rieloff. Es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, dass ihr der Job Spaß machen könnte. Und sie hätte nicht geglaubt, ohne entsprechende Berufserfahrung überhaupt eine Chance zu haben. Heute ist sie anderer Meinung.

In zwanzig Berufsjahren als Personalvermittlerin hat Heidrun Jürgens viele junge Geisteswissenschaftler mit ähnlichen Zweifeln kennengelernt und rät zu mehr Selbstbewusstsein: „Viele denken, sie können nichts wirklich und sind dann oft ganz überrascht, was sie mit ihrem geisteswissenschaftlichen Studium alles machen können.“

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