Karriere : Alles Pampa, oder was?

Abgelegen, unmodern, schlecht bezahlt – was ist wirklich dran an den populären Ansichten und Vorurteilen zum Mittelstand?

Stefan Salfemeier

SIND DIE KARRIERELEITERN IM MITTELSTAND TATSÄCHLICH SO KURZ?

Kommt im Wesentlichen ganz darauf an, was man unter Karriere versteht. Grundsätzlich gilt: Je kleiner das Unternehmen ist, desto weniger Hierarchieebenen hat es. Bei ganz kleinen Firmen kann das bedeuten, dass es nur den Chef und darunter ganz viele Fachkräfte gibt. Hier ist ein Aufstieg zur Führungskraft natürlich ausgeschlossen. Je größer der Mittelständler, desto ähnlicher sind die Strukturen denen der Konzerne. Wer Karriere dagegen nicht über die Zahl der Beförderungen definiert, sondern über den Umfang der Verantwortung, erklimmt die Leiter im Mittelstand meist schneller als im Großunternehmen. Schon Berufsstarter werden ziemlich flott mit umfangreichen Kompetenzen ausgestattet.

EINMAL MITTELSTAND, IMMER MITTELSTAND. KOMMT MAN VON DA AUCH MAL WIEDER WEG?

Ein Konzern wird sich bei einem Bewerber aus einem mittelständischen Unternehmen immer anschauen, ob er neben Macher-Qualitäten auch das nötige analytische Rüstzeug mitbringt. Dann sollte ein Wechsel kein Problem sein. Nicht wenige Berufsstarter wählen diese Job-Reihenfolge und wechseln zum Nächstgrößeren, wenn in ihrem Unternehmen in Sachen Aufstieg und Verantwortung Ende der Fahnenstange ist. Die umgekehrte Richtung ist problematischer. Ein Mittelständler überlegt sich in der Regel sehr gut, ob er einen Kandidaten einstellt, der sich im Großunternehmen spezialisiert und einige Jahre nur auf einen einzigen Bereich konzentriert hat.

KÖNNEN DIE PERSONALENTWICKLUNGSPROGRAMME BEI MITTELSTÄNDLERN ÜBERHAUPT MITHALTEN?

Viele Unternehmen haben zwar keine wohlklingenden vorgefertigten Personalentwicklungsprogramme. Dafür bieten sie engagierten Mitarbeitern ganz unbürokratisch viele Möglichkeiten, neue Aufgaben zu übernehmen und sich auszuprobieren. Größere Mittelständler leisten sich aber auch schon eine organisierte Nachwuchsförderung, arbeiten zum Beispiel mit Mentorenprogrammen, ermöglichen MBAs und kooperieren für ihre Weiterbildung mit renommierten Hochschulen. Allerdings sind die Angestellten anders als bei Konzernen stärker selbst gefordert, sich Ziele zu setzen.



FAMILIENUNTERNEHMEN SITZEN DOCH ALLE IN DER PAMPA, ODER NICHT?

Das scheint nur so, weil es in der Summe deutlich mehr davon gibt als Konzerne. Mittelständler sitzen aber durchaus auch in Großstädten und in ihrem Umland wie zum Beispiel rings um Hamburg, München, Stuttgart, Nürnberg oder im Ruhrgebiet. Absolventen landen also nicht zwangsläufig in der Pampa. Abgesehen davon sollten sich Berufsstarter überlegen, ob sie ihren Arbeitgeber tatsächlich nach dem Standort aussuchen wollen. „Gerade in den ersten Berufsjahren ist es wichtiger, dass ein Unternehmen gute Entwicklungsmöglichkeiten bietet“, sagt Ellen Weirich von der Personalberatung Heads. „Denn dann werden die Weichen für die ganze Karriere gestellt.“

ZAHLEN MITTELSTÄNDLER SCHLECHTER ALS KONZERNE?

Ja und nein. Die Höhe der Gehälter in einem Unternehmen hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem von der Unternehmensgröße. Je größer der Laden, desto höher das Einkommen. Hier profitieren also Konzernbeschäftigte. Darüber hinaus steigt das Gehalt mit der Führungsverantwortung. Und da im Konzern Teams naturgemäß größer ausfallen, können Manager dort mehr verdienen. Der Faktor Region trifft alle Beteiligten: In Nord- und Ostdeutschland sind die Gehälter niedriger als in Süddeutschland, in Großstädten höher als auf dem Land. Grundsätzlich ist die Wahrscheinlichkeit bei einem kleinen Mittelständler weniger zu verdienen als im Konzern also schon recht hoch. Andererseits: Da, wo Mittelständler auf dem Arbeitsmarkt direkt mit den Konzernen um die schlauesten Köpfe konkurrieren, unterscheiden sich die Gehälter gar nicht mehr. Und die Besonderheit für Berufseinsteiger: In den ersten Jahren können sie im Mittelstand sogar mehr verdienen als die Kommilitonen im Konzern, da sie schneller in verantwortliche Positionen kommen. Bei den außerordentlichen Gehaltsbestandteilen wie leistungsabhängige Boni, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Betriebsrente oder Jobticket bieten die Kleinen mittlerweile eine ähnlich reiche Palette wie die Großen.

BEI FAMILIENUNTERNEHMEN GEHT’S

UNBÜROKRATISCHER ZU?

Meistens ja. Je kleiner ein Unternehmen, desto weniger sind bestimmte Aufgaben einzelnen Angestellten oder Abteilungen fest zugeordnet. Angestellte haben so die Möglichkeit, viele Dinge auszuprobieren, ohne einem Kollegen auf den Schlips zu treten, sagt Peter Behncke, Partner der Personalberatung Korn/Ferry. Hinzu kommt: In Konzernen müssen Angestellte oft viel Zeit aufwenden, um Zuständigkeiten auszuloten und sich mit Kollegen abzustimmen. Diese Zeit fehlt dann für die eigentliche Arbeit. Die innenpolitische Komponente im Job wächst mit der Größe der Firma.

IM MITTELSTAND BLEIBT MAN GENERALIST, IM KONZERN WIRD MAN ZUM

SPEZIALISTEN?

In der Tendenz stimmt das. Wer einige Jahre im Konzern gearbeitet und sich nur mit einem Ausschnitt aus dem großen Ganzen beschäftigt hat, hat Expertenwissen erworben und ist sehr tief in ein Thema eingestiegen. Wer dagegen bei einem kleineren Unternehmen war, hatte meist ein breites Aufgabengebiet und ist generalistischer aufgestellt. Bei einem Wechsel des Arbeitgebers hat er mehr Wahlmöglichkeiten als ein Konzern-Spezialist – ist dafür aber kein ausgesprochener Experte in einem Fach.

JOBS IN FAMILIENUNTERNEHMEN SIND KRISENFESTER ALS DIE IN BÖRSEN-

NOTIERTEN UNTERNEHMEN?

Wenn man alle Familienunternehmen zusammennimmt, stimmt das wohl in der Grundtendenz. Aber auch von dieser Regel gibt es natürlich Ausnahmen. Die Manager von Aktiengesellschaften stehen unter dem wachsenden Druck ihrer Aktionäre. Sinkt der Gewinn oder fährt ein Unternehmen sogar Verluste ein, sehen sich die Manager deshalb oft zu radikalen Reaktionen genötigt – zum Beispiel dem Abbau vieler Arbeitsplätze. Anders bei vielen Mittelständlern: „Die Inhaber von Familienunternehmen sind oft bereit, Schwächephasen durchzustehen, ohne viele Angestellte zu entlassen“, sagt Korn/Ferry-Partner Behncke. Angestellte gehören quasi zur Familie – und dürfen auch bleiben, wenn die Rendite dann leidet.

BEI EINEM MITTELSTÄNDLER KANN MAN DEN EINSATZ IM AUSLAND KNICKEN.

Das hängt von der Größe der Firma ab sowie von der Frage, ob es über Niederlassungen im Ausland verfügt. Manche Familienunternehmen betreiben ihr Geschäft ausschließlich von Deutschland aus, für Mitarbeiter bieten sich dann höchstens Dienstreisen ins Ausland. Die meisten größeren Unternehmen lassen aber mittlerweile im Ausland produzieren oder leisten sich Vertriebsniederlassungen. Hier bieten sich ähnlich gute Chancen wie bei international agierenden Konzernen.

LASSEN SICH BERUF UND FAMILIE IM MITTELSTAND BESSER VEREINBAREN ALS IM KONZERN?

Der kurze Dienstweg sorgt traditionell bei vielen Mittelständlern für familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Wer den Unternehmer und obersten Chef persönlich kennt, kann ganz einfach mit ihm individuelle Absprachen treffen – zum Beispiel über einen früheren Feierabend, um den Nachwuchs aus dem Kindergarten abzuholen. Auf der anderen Seite kostet es ein kleines Unternehmen natürlich deutlich mehr Energie, eine Sonderregelung zu verschmerzen, da die Personaldecke dünner ist. Dennoch streben immer mehr Mittelständler nach noch mehr Familienfreundlichkeit. Auf der Liste der Hertie-Stiftung, die Firmen zum Thema Beruf & Familie zertifiziert, finden sich diverse Mittelständler mit imposanten Familienmodellen (www.beruf-und-familie.de).

INNOVATIONEN GEHEN VON DEN KONZERNEN AUS, DA KÖNNEN DIE KLEINEN DOCH UNMÖGLICH MITHALTEN, ODER?

In den Konzernen wird viel geforscht, zweifellos, aber der Mittelstand muss sich da nicht verstecken. Weltmarktführer wird man nicht mit altem Plunder. Und in einigen Branchen haben die Konzerne die Pflicht zu Forschung und Entwicklung sogar komplett an die kleinen Unternehmen delegiert und kaufen nur noch das Neueste vom Neuen zu. „Die Autoindustrie ist ein gutes Beispiel“, sagt Heads-Beraterin Weirich. „Denn deren Technik kommt zum großen Teil von den Zulieferern, die meist mittelständisch geprägt sind. Hier arbeiten zum Beispiel Ingenieure, die als Audio-Designer am richtigen Klang eines Blinkers tüfteln oder eine neue Generation Navigationsgeräte entwickeln.“ Wer High Tech für Autos entwickeln will, ist also beim Mittelstand genau richtig.

Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

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