Karriere : An die Spitze gespielt

Der Weg in die Computerspiele-Branche führt oft über private Akademien. Die Gebühren sind hoch, die Einstiegsgehälter gering

Christian Schnohr

Auf dem Monitor rennen kleine Computerfiguren durch die Gassen einer mittelalterlichen Stadt. Während Arbeiter Eisen und Kohle heranschaffen, fertigt ein Schmied Waffen und Schilde. Solche Szenen aus dem Computerspiel „Die Siedler VI“ wären ohne die Arbeit von Andreas Nitsche nicht möglich. Der 38-Jährige arbeitet als Game-Designer. Er beschäftigt sich täglich mit der Erschaffung virtueller Welten, grübelt über einzelnen Charaktere oder Zusammenhänge verschiedener Spielkomponenten. „Meist arbeiten wir mit vier bis fünf Leuten an den Kernideen eines Spiels, die wir dann zusammen mit Grafikern und Sounddesignern umsetzen“, sagt er. Rund die Hälfte seines Arbeitstages verbringt Nitsche vor dem PC, testet neue Sequenzen oder programmiert. Für viele passionierte PC- und Konsolenzocker ein Traumjob, zumal die Branche boomt.

Inzwischen setzt die Computerspielindustrie mehr Geld um als Hollywood, jährlich rund 45 Milliarden Dollar. In Deutschland dürfte der Umsatz bei rund zwei Milliarden Euro liegen, die Wachstumsraten sind zweistellig. „Wir rechnen damit, dass der positive Trend der letzten vier Jahre so weitergeht“, sagt Andreas Steinecke vom Software-Dienstleister Aroba-Studios. „Die neue Konsolengeneration bringt großes Wachstum, auch die gesellschaftliche Akzeptanz von Computerspielen ist größer geworden.“ Gute Gründe also, auf den virtuellen Zug aufzuspringen. Eine klassische Ausbildung gebe es jedoch nicht, so der Experte. Wer in die Branche einsteigen möchte, ist auf private Lehrgänge angewiesen.

Einer der ältesten Anbieter ist die Games Academy in Berlin. Sie wurde im Jahr 2000 als erste Spezialschule für den Bereich der Computer- und Videospielproduktion im deutschsprachigen Raum gegründet. Über 120 Privatdozenten unterrichten dort, die meisten von ihnen sind professionelle Spielentwickler aus deutschen und internationalen Studios. „So sind die Dozenten auch immer Spione für ihre eigene Firma: Sie schauen, welcher Student sich wo wie gut entwickelt“, sagt Ausbildungsberater Felix Wittkopf. Die Ausbildung zum Game-Designer dauert zwei Semester und kann sowohl einzeln belegt als auch mit einem der zwei anderen, jeweils viersemestrigen Studiengängen Game Art & Animation und 3D Programmierung kombiniert werden.

In den zwei Semestern bis zum Zertifkat als Game-Designer stehen neben Design und Gestaltung auch Spieltherorie, Recht, Projektplanung und Marketing auf dem Stundenplan. Auch das Training typischer Arbeitsformen wie Meetings, Aufbau von Aufgabenstellungen oder Teamleitung gehört zum Studium dazu. Dazu werden regelmäßig die ersten eigenen Projekte präsentiert, zum Teil vor Fachpublikum. Einsatz ist gefragt: „Unsere Studenten haben in der Regel eine 60-Stunden-Woche“, so Wittkopf.

Die Studenten sind im Schnitt alle sehr jung und kommen oft direkt nach Abitur, mittlerer Reife oder einer Lehre an die Fachschule. Doch nicht nur die Games Academy ist jugendlich geprägt: „In der Spiele-Branche arbeiten vor allem junge Leute, da es Aus- und Weiterbildungen in diesem Bereich erst seit fünf bis zehn Jahren gibt“, sagt Branchen-Kenner Andreas Steinecke. Das heißt nicht, dass ältere keine Chance hätten: Wer sich für das Thema interessiert und eine gute Vorbildung hat – etwa als Mediengestalter oder Programmierer – kann den Einstieg in die Spiele-Industrie schaffen. Wichtig sind erste Arbeitsproben, zum Beispiel eigene Konzepte und Spielideen, mit denen man sich für einen Lehrgang bewerben kann.

Die Ausbildung in der Branche hat allerdings ihren Preis: 980 Euro pro Monat müssen die Teilnehmer zahlen. Die Konkurrenz nimmt ähnlich hohe Gebühren: Bei L4, dem Institut für digitale Kommunikation, dauert ein viersemestriges Studium „3D-Design und Game-Design“ 590 Euro pro Monat. Neben dem eigentlichen dreidimensionalen Design gehören zum Lehrstoff auch Ideenentwicklung, Dramaturgie und Storyboarding sowie Grafik-Software, Characterdesign und Audio- und Videobearbeitung. Die Ausbildung ist somit breiter angelegt als an der Games Academy. Die Mediadesign Hochschule in Berlin bietet eine weitere Möglichkeit, in sechs Semestern einen Bachelor in Game-Design zu bekommen. Schwerpunkt ist der Bereich Informatik mit Unterrichtseinheiten in Spielephysik, künstlicher Intelligenz oder der Erschaffung von 3D-Welten. Im Schnitt verbringen die Studenten vier Tage die Woche an der Hochschule, wo sie Seminare belegen und eigenständige Projekte angehen. Der stolze Preis für das Studium: knapp 800 Euro monatlich, hinzu kommen Anmelde- und Prüfungsgebühren.

Die hohen Ausbildungskosten kämen nach Auskunft von Felix Wittkopf von der Games Academy durch Mieten, moderne Technik und vor allem qualifizierte Dozenten zustande. Ob sich die Ausgaben für den Traumjob später auszahlen, bleibt ungewiss. Viele Game-Designer müssen sich nach der Ausbildung als Praktikanten in mehreren Firmen verdingen, ehe sie eine feste Anstellung zu vergleichsweise niedrigen Konditionen erwarten dürfen. „Die Verdienstchancen sind dem Einkommen von Mitarbeitern in der Werbebrache ähnlich“, schätzt Andreas Steinecke. Dort werden oft Einstiegsgehälter zwischen 2000 und 3000 Euro Brutto gezahlt. „Momentan besteht bei allen großen Firmen allerdings ein hoher Bedarf an Fachkräften“, so der Experte.

Positiv ist, dass alle drei Ausbildungseinrichtungen staatlich anerkannt sind und die Studenten somit BAFÖG beantragen können. Und wer sich also noch nicht sicher ist, ob Game-Design das Richtige für ihn ist, kann an der Game Academy in einem Schnupperkurs belegen. Der findet zweimal jährlich statt und kostet 300 Euro.

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