Arbeitsmarkt : Jobs, Jobs, Jobs

Viele deutschen Firmen brauchen 2008 mehr Nachwuchskräfte als im Vorjahr. Allein die Top-50-Einsteller planen 25 000 neue Stellen für junge Akademiker.

Daniel Rettig

Wenn es nach Peer Steinbrück geht, beginnt die Suche nach zukünftigen Führungskräften künftig schon im Kindergarten. Vor kurzem appellierte der Bundesfinanzminister an die deutsche Wirtschaft, auf der Suche nach beruflichem Nachwuchs auch Kinder und Jugendliche anzusprechen. Die Firmen könnten in Projekten mit Schulen oder gar Kindergärten schon früh Interessen wecken und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken.

Ob Steinbrücks Vorschlag angenommen wird, wird sich zeigen. Klar ist aber: Den Unternehmen in Deutschland geht es richtig gut. Laut einer aktuellen Befragung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) geben sich die Unternehmen derzeit zwar zurückhaltender als noch im Frühjahr, sind aber von einem anhaltenden Aufschwung überzeugt. Von mehr als 2000 befragten Firmen erwarteten 45 Prozent für das Jahr 2008 eine steigende Produktion, nur zwölf Prozent rechnen mit einem Rückgang. Um ihr Wachstum zu bewältigen, brauchen die Unternehmen vor allem eins: qualifizierte Mitarbeiter. Das spiegelt die Umfrage wider, die der Recruiting-Dienstleister Hobsons durchgeführt hat: 46 Prozent der befragten Unternehmen wollen 2008 mehr Nachwuchsakademiker einstellen als 2007. Knapp ein Drittel sucht die gleiche Anzahl an Mitarbeitern, nur ein Zehntel will weniger neue Leute einstellen als 2007. Allein die Tabelle der Top 50 zeigt ein Plus von 5 000 Neueinstellungen – und fast jedes Unternehmen will mindestens genau so viele neue Stellen schaffen wie 2008.

Wie in den letzten Jahren liegt Siemens wieder ganz vorne: Im kommenden Jahr will der Konzern, der gerade dabei ist, sich neu aufzustellen, etwa 3000 junge Akademiker, davon allein 2400 Ingenieure, unter Vertrag nehmen – eventuell sogar mehr. Besonders stark wächst bei Siemens momentan die Kraftwerksparte, dort sucht das Unternehmen 700 Leute. Dahinter folgen die Stromübertragung und der Healthcare-Bereich. Robert Bosch will 2008 mit 1500 neuen Mitarbeitern sogar fast doppelt so viele neue Absolventen und junge Akademiker einstellen wie 2007: Fast zwei Drittel davon sollen ein Ingenieurstudium absolviert haben.

Wirtschaftswissenschaftler und Juristen haben besonders gute Chancen in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuern und Beratung: Vor allem Ernst & Young und Deloitte wollen aufstocken und suchen jeweils rund 200 Mitarbeiter mehr als im Vorjahr. Doch auch IT-Fachleute sowie Naturwissenschaftler (nicht gesondert aufgeschlüsselt) haben gute Karten quer durch alle Branchen. Neben jeweils 350 Informatikern und Wirtschaftswissenschaftlern will die IT-Beratung Accenture 2008 in Deutschland, Österreich und der Schweiz genauso viele Naturwissenschaftler einstellen: Gleich 300 mehr als im Jahr 2007. Insgesamt gilt: Wer direkt von der Uni kommt und noch keine Berufserfahrung vorweisen kann, braucht sich nicht zu fürchten: Laut Umfrage suchen die Firmen zwar 5 700 junge Berufserfahrene, die so genannten „Young Professionals“ mit zwei bis drei Jahren Berufserfahrung. Aber die Nachfrage nach Hochschulabsolventen ist mit 7 800 geplanten Neueinstellungen sogar noch größer.

Für Wirtschaftswissenschaftler gibt es viele Jobs mit hohen Anforderungen. Nur 17 Prozent der BWLer und VWLer erwarten derzeit Probleme bei der späteren Arbeitsplatzsuche. Im Jahr 2006 rechneten laut Trendence-Institut noch über die Hälfte der Befragten mit Problemen. Mit steigenden Aussichten steigen auch die Erwartungen: Wiwis gingen bei der Umfrage von einem Jahresgehalt von 42 000 Euro aus, knapp 2000 Euro mehr als im Vorjahr. Der Optimismus ist berechtigt: Im vergangenen Jahr gaben die Top-10-Einsteller an, etwa 4800 Ökonomen rekrutieren zu wollen. In diesem Jahr ist diese Zahl auf über 5600 gestiegen. Trotz des Bedarfs machen die Firmen keine Abstriche bei den Anforderungen: Ernst & Young fordert ein mit überdurchschnittlichen Noten und zügig abgeschlossenes Hochschulstudium, Praktika und gute Englisch-Kenntnisse. Dafür locken sie neue Mitarbeiter mit Zusatzleistungen wie betrieblicher Altersvorsorge und großzügigen Leistungs-Boni.

Und auch die Banken suchen wieder Nachwuchs: Die Sparkassen-Finanzgruppe setzt bei den geplanten 467 Nachwuchskräften vor allem auf Vertriebstalente. Neben Commerzbank und Citigroup plant auch die HypoVereinsbank 172 Neueinstellungen, die Deutsche Bank 160. Bachelor-Abschlüsse sind in der Finanzbranche übrigens bei allen Instituten gern gesehen. Insgesamt wollen die Top-10-Einsteller 1000 Stellen gezielt mit Absolventen der neuen Kurzstudiengänge besetzen.

Jedes Jahr drängen in Deutschland knapp 11 000 examinierte Juristen auf den Arbeitsmarkt. Wichtigstes Kriterium für den späteren Job ist die Examensnote. Viele suchen Arbeit in einer Kanzlei. Doch es gibt eine Alternative mit sehr guten Karriereaussichten: den Einstieg in die Wirtschaftsprüfung oder Steuerberatung. Allein KPMG will im kommenden Jahr 1400 Hochschulabsolventen einstellen, davon 250 Juristen. Der Bedarf ergebe sich in erster Linie aus dem Wachstum des Geschäftsbereichs Steuern: „Hier suchen wir Juristen, die uns in den verschiedenen Bereichen wie Corporate Tax, Tax Financial Services oder auch im Bereich Mergers & Acquisitions unterstützen“, sagt KPMG-Sprecher Thomas Blees. Aber Juristen stehe auch der Weg in die Trainee-Programme oder der Einstieg in die Wirtschaftsprüfung offen.

Bewerber sollten zwei überdurchschnittliche juristische Staatsexamen und Praktika vorweisen können, die der Schwerpunktsetzung im Studium entsprechen: „Aufgrund unserer europäischen Struktur setzen wir natürlich sehr gute Englischkenntnisse voraus“, so Blees. Die 40 Rechtsexperten, die die Firma Randstad sucht, sollen übrigens nicht als Zeitarbeiter, sondern bei Randstad selbst beschäftigt werden.

Unter den Top-10-Einstellern gibt es auch noch einen ungewöhnlichen Neuling: den Bundesnachrichtendienst (BND). Dort werden aktuell 20 Juristen für die Bereiche Verwaltung und Auswertung gesucht. Wer zwei Prädikatsexamen hat, kann sich auf der Internetseite des BND den siebenseitigen Personalbogen herunterladen. Auf diesem müssen unter anderem alle Auslandsreisen angegeben werden. Warnend heißt es dort auch mal: „Bitte behandeln Sie Ihre Bewerbung beim Bundesnachrichtendienst in Ihrem Umfeld ebenso diskret, wie Sie es von uns erwarten.“ Beitrag aus „Junge Karriere“.

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