ARBEITSMARKT POLITIK Was man in Berlin alles werden kann : Mit Blick auf den Reichstag

In keiner deutschen Stadt hat man so gute Chancen, in die Politik zu gehen, wie in Berlin. Ein Hochschulabschluss und spezifische Fachkenntnisse sind oft die Eintrittskarte

Benjamin Haerdle

Viele Wege führen in die Politik. Manchen lockt die Macht, andere die Öffentlichkeit. Rüdiger Herzog hat immer nach einem Job gesucht, in dem er sich gesellschaftlich engagieren kann. Im Scheinwerferlicht der Medienöffentlichkeit zu stehen, hat ihn dabei nie gereizt. Der 40-Jährige agiert lieber im Hintergrund. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Peter Hettlich von den Grünen. „Ich bin niemand für die erste Reihe der Berliner Politik. Da muss man ein dickes Fell haben“, sagte er. Dafür sei er nicht der Typ.

Herzog ist einer von 2500 Beschäftigten, die für die deutschen Parlamentarier in ihren Berliner Büros und Wahlkreisen tätig sind: Schreib- und Bürokräfte, Sekretärinnen, Sachbearbeiter und wissenschaftliche Mitarbeiter. Sie organisieren den Tagesablauf der Parlamentarier, schreiben Anträge und Anfragen, verfassen Entwürfe. Kurzum: Sie sind die kleinen Rädchen, die die große Politik am Laufen halten.

Wer seinen beruflichen Schwerpunkt in der Politik setzen will, hat dazu in Berlin die besten Chancen. Neben Bundestag und Berliner Abgeordnetenhaus sind mehr als 2000 Lobbyistenverbände in der Hauptstadt aktiv. Außerdem mischen PR-Berater und Rechtsanwälte im politischen Geschehen mit. Doch welche Wege führen überhaupt in die Politik, welche Ausbildungen und Studiengänge gibt es? Wie wird man Abgeordneter, Büroleiter oder Lobbyist?

Um in die Politik zu gehen, muss man jedenfalls nicht Politik studieren. Von den 614 Parlamentariern im Reichstag sind nur 28 Politologen mit Hochschulabschluss. Spitzenreiter sind Juristen – fast jeder vierte Bundestagsabgeordnete hat ein abgeschlossenes Jurastudium. Ansonsten belegt die offizielle Statistik des Bundestags vor allem eines: Alles ist möglich, denn vom Goldschmied und Koch über den Maurer bis zur Krankenschwester sind auch solche Berufsbilder vertreten, die Außenstehende nicht unbedingt im Bundestag erwarten.

Das gilt auch für die Berliner Landespolitik. Als Mathematiklehrerin fand zum Beispiel die FDP-Politikerin Mieke Senfleben in die Landespolitik. „Beruflich haben mir meine Mathematikkenntnisse natürlich nicht geholfen, aber das, was ich im Pädagogikstudium gelernt habe, hat mir viel gebracht.“ Die fünffache Mutter sitzt als bildungspolitische Sprecherin der Liberalen im Berliner Abgeordnetenhaus. Wen es in die Politik ziehe, der brauche eine große Motivation, ein hohes Maß an persönlicher Disziplin und manchmal die Fähigkeit, etwas herunterzuschlucken – oder die Zähne zu zeigen. Zudem solle man sich in der Politik auf ein bestimmtes Fachgebiet spezialisieren, rät Senfleben.

Das hat Büroleiter Herzog getan. Er ist studierter Wasserwirtschaftler und Raumplaner und konzentrierte sich schon im Studium auf Umwelt und Verkehr. Bevor er wissenschaftlicher Mitarbeiter von Hettlich wurde, schrieb er für Naturschutzverbände Stellungnahmen zu Planungsverfahren. Seine Karriere hat Herzog als ehrenamtlicher Kommunalpolitiker in seinem brandenburgischen Heimatort Michendorf begonnen. Heute helfen ihm diese Erfahrungen weiter, wenn er etwa einer lokalen Bürgerinitiative in Brandenburg erklärt, wie sie sich an Verkehrsplanungen beteiligen kann oder welche rechtlichen Möglichkeiten sie gegen den Bau einer Ortsumfahrung hat.

In seinem Job braucht er kein Parteibuch, dafür aber viel Fachwissen und Kommunikationsstärke, sagt Herzog. Außerdem müsse man stressresistent sein, wenn an den rund 20 Sitzungswochen im Jahr ein Termin den nächsten jagt: Arbeitsgruppen- und Ausschusssitzungen, Treffen mit Presse- und Lobbyvertretern und Parlamentarische Abende nehmen viel Freizeit in Anspruch. „Spaß an der Arbeit, ist deshalb eine wichtige Voraussetzung.“

Wer derlei Termine als lästige Pflicht nach Feierabend abtut, ist auch bei Lobbyistenverbänden und PR-Agenturen fehl am Platz. „Ein PR-Berater, der nicht gerne auf Abendterminen Netzwerke aufbaut und pflegt, hat in unserer Branche schlechte Karten“, sagt Jan Flaskamp von der Flaskamp AG. Die Berliner Agentur versteht sich als Kommunikationsverstärker zwischen Politik, Öffentlichkeit und Wirtschaft. Zu ihren Kunden zählt auch das Bundeswirtschaftsministerium.

Ein guter PR-Berater kenne die politische Landschaft, sagt Flaskamp. Vonnöten seien politisches Fingerspitzengefühl und Insiderwissen, das man etwa über Praktika im Bundestag, bei einem Bundestagsabgeordneten oder in einer Fraktion erwerbe. „Wer das Handwerkszeug von Kommunikationsberatern beherrschen will, sollte einen Hochschulabschluss und ein Volontariat in einer PR-Agentur vorweisen“, empfiehlt Flaskamp. Die Studienrichtung sei dabei nicht entscheidend.

Wer wiederum bei Lobbyistenverbänden arbeitet, braucht ein gutes Verständnis für Rechtsfragen. Die Experten der Verbände werden von Fachausschüssen zu Anhörungen geladen. Ihre Aufgabe ist es, Abgeordnete und Beamte bei deren Entscheidungen im Sinne der eigenen Auftraggeber zu beeinflussen. „Deshalb sollte ein Lobbyist in der Lage sein, schwierige juristische Inhalte für einen politischen Vertreter verständlich zu machen“, sagt Rechtsanwalt und Lobbyist Lutz Reulecke. Ein Lobbyist sollte fachspezifische Kenntnisse, Kommunikationsstärke und politisches Interesse haben.

Büroleiter Herzog sitzt im politischen Geschehen auf der anderen Seite – und hat dort seinen Platz gefunden: „Die Schnittstelle zwischen Politik und Wissenschaft ist sehr spannend. Da würde ich gern bleiben“, sagt er.

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