ARZT UND MEHR Was man mit Medizin alles machen kann : OP oder Büro?

Die Wirtschaft lockt Absolventen mit hohen Gehältern und regelmäßigen Arbeitszeiten

Andreas Monning

Wer Medizin studiert, quält sich gemeinhin durch die Prüfungen, um irgendwann Arzt zu werden und Patienten zu versorgen. Seit Ende 2004 fällt die praktische Einstiegsphase als Arzt-im-Praktikum weg. Nach der Hochschule schließt jetzt die Weiterbildung zum Facharzt oder Allgemeinarzt direkt an. Dann erst kommt der „richtige“ Job: die Arbeit in einer Klinik oder Praxis. Jahrelang war es allerdings für die jungen Mediziner nicht leicht eine Stelle zu finden. Inzwischen sind die Karrierechancen aber wieder recht gut, auch in Berlin – und das auch jenseits des klassischen Arztberufes.

Die Berliner Charité entlässt im Jahr 1000 approbierte Mediziner. „Etwa die Hälfte findet eine Anstellung in der Hauptstadt“, erklärt der stellvertretende Geschäftsführer der Landesärztekammer Berlin, Michael Peglau. Die meisten arbeiten in einer der 90 Kliniken, die übrigen schauen sich anderswo um.

Dabei müsste anderswo gar nicht so weit weg sein, sagt der Experte. Bereits an den Stadtgrenzen beginne der Mediziner-Mangel. „Die umliegenden Versorgungseinrichtungen kämpfen um Nachwuchs. Brandenburg an der Havel beispielsweise kriegt keine jungen Ärzte, obwohl man von Berlin aus ruckzuck mit der Regionalbahn dort hinkommt.“ Offenbar gingen die Nachwuchsmediziner, die hier nicht unterkämen, in andere deutsche Großstädte – oder ins Ausland. Dort nämlich werden sie mit offenen Armen empfangen. Um Versorgungslücken zu schließen, locken Schweden, Großbritannien, Holland und die Schweiz den deutschen Nachwuchs mit attraktiven Angeboten.

Immer mehr Mediziner hängen den weißen Kittel ganz an den Nagel. „Die Arbeitsbedingungen für Ärzte sind nicht unbedingt lukrativ“, erklärt Govinda Kühn-Freitag vom Hartmannbund Berlin. In Kliniken gehören Nacht- und Spätdienste zum Alltag. Wer eine eigene Praxis aufmacht, muss viel Eigenkapital investieren, bevor er endlich Geld verdient. Außerdem sei es für Ärzte, gerade für Allgemeinmediziner, ein langer Weg, bis zum lukrativen Gehalt. Ein approbierter Arzt, der sich in einer Praxis zum Allgemeinmediziner weiterbildet, verdient etwa 2400 Euro brutto monatlich.

Da können auch Industriekonzerne und Pharmaunternehmen Verlockenderes bieten: überdurchschnittliche Gehälter, geregelte Arbeitszeiten – und das alles mit Entwicklungsperspektive. „Mittlerweile üben fast 40 Prozent der Mediziner nicht mehr den ärztlichen Beruf aus“, sagt Katja Kramer vom Hartmannbund Deutschland. Vor knapp 20 Jahren waren es 20 Prozent.

Welche vielfältigen Möglichkeiten es gibt, stellt die von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) herausgegebene Arbeitsmarktinformation für Mediziner dar: Der wachsende Bereich Gesundheitsmanagement und Controlling brauche laufend Personal. Ein Großteil dieser Aufgaben werde heute noch von leitenden Ärzten „nebenbei“ übernommen. In Zukunft werde es allerdings vermehrt Mediziner geben, die sich ausschließlich mit Management und Controlling beschäftigen – und zwar nicht nur in den Großkliniken. Ärzte finden im öffentlichen Gesundheitswesen, der Bundeswehr und dem Bundesgrenzschutz Beschäftigung.

Zudem haben sie mit Informatikkenntnissen gute Karten. Die zunehmende Datenflut in der Medizin, die durch neue gesetzliche Vorgaben und verfeinerte Diagnosen entsteht, muss verarbeiten werden. Und auch die Schreiber unter den Medizinern sind gesucht. Fast alle Tageszeitungen und Publikumszeitschriften bieten medizinische Beiträge an, auf dem Markt der medizinischen und pharmazeutischen Fachzeitschriften konkurrieren 350 Titel.

Doch wie schafft ein Mediziner den Einstieg in die neuen Berufsfelder? Für Jobs in der Pharmaindustrie etwa reiche zumeist das Medizinstudium, erklärt Katja Kramer. Um hingegen als Journalist für Fachmedien zu arbeiten, seien Erfahrungen als freier Mitarbeiter hilfreich. Bei Stellen im Controlling kann man sich oft im Job das notwendige Know-how aneignen. Für manche Posten wiederum wird Klinik-Erfahrung vorausgesetzt. „Eine gute Gelegenheit, Einblick in einzelne Berufsfelder zu bekommen und Arbeitgeber kennen zu lernen, sind Fachmessen und Kongresse“, rät die Expertin.

Wer Alternativen zur Praxis oder Klinik sucht, muss jedoch den praktischen Arztberuf nicht aufgeben. So werden angesichts anstehender gesetzlicher Vorgaben in der Europäischen Union künftig Arbeits- und Betriebsmediziner gesucht, die für die Sicherheit von Mitarbeitern in Unternehmen sorgen und für Routineuntersuchungen und Arbeitsplatzsicherheit zuständig sind. Selbst Kleinstbetriebe müssen demnächst arbeitsmedizinisch versorgt sein.

Auch die Möglichkeiten, in Berlin eine Praxis aufzubauen oder zu übernehmen, sind recht gut. „Durch normale Fluktuation, zumeist durch Aufgabe aus Altersgründen, werden in den nächsten Jahren viele Zulassungen frei“, berichtet Annette Kurth, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KVB). Bei aktuell rund 2500 Berliner Hausärzten sei in den kommenden Jahren von etwa 800 frei werdenden Zulassungen auszugehen, in den Fachrichtungen Lungenheilkunde, Pathologie, Rheumatologie und Dermatologie dürfte es regelrecht schwer werden, Nachfolger zu finden. Wer an einer Praxisübernahme oder Anstellung interessiert ist, kann sich im KV-Blatt über Ausschreibungen informieren. Die Kassenärztliche Vereinigung bietet auch betriebswirtschaftliche Beratung an.

In Brandenburg mangelt es vor allem an Haus-, Kinder- und Augenärzten. Nun versucht das Land, Mediziner mit Fördermitteln zur Praxisübernahme und Neugründung zu animieren. Dazu gibt es je nach Einsatzort bis zu 30 000 Euro Investitionskostenzuschuss. Im Einzelfall wird eine Umsatzgarantie gegeben. Im Gegenzug verpflichtet sich der Geförderte, mindestens fünf Jahre am Zulassungsort tätig zu sein. Informationen dazu gibt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB).

Mediziner ohne Job gibt es in Berlin jedenfalls nicht wirklich – auch wenn derzeit 407 Ärzte arbeitslos gemeldet sind: „Es sind fast immer nur vorübergehende Meldungen, wenn zwischen der aktuellen und der nächsten Stelle eine Lücke klafft“, erklärt Erik Benkendorf von der Berliner Arbeitsagentur.

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