Astronauten : Mondflieger gesucht

Die Weltraumbehörde Esa braucht Nachwuchs für das Astronautenteam. Auf die Bewerber wartet ein extrem hartes Auswahlverfahren – und eine einzigartige Chance: Die Reise zum Mond.

Thomas Trösch

Gesucht wird: Führungspersönlichkeit mit brillanten Qualifikationen, Neigung zur Arbeit in großer Höhe und Bereitschaft zu extremen Ortswechseln. Geboten wird: eine abwechslungsreiche Tätigkeit mit ansprechendem Gehalt in einem hoch motivierten Team. Intensive Einarbeitung ist gewährleistet, Arbeitgeber übernimmt Fahrtkosten und stellt Arbeitskleidung.

Es ist ein etwas anderer Wortlaut sein, mit dem die europäische Weltraumagentur Esa seit Anfang Mai um Nachwuchs für das eigene Astronautenteam wirbt. Doch die Botschaft dürfte die gleiche sein: Wer sich einen der vier neu ausgeschriebenen Plätze im Team sichern möchte, muss zu den Allerbesten seines Fachs gehören. Und er muss bereit sein, sich auf Extreme einzulassen.

Dass hohe Anforderungen der Attraktivität des Astronautenberufs nichts anhaben können, hat die letzte Stellenausschreibung vor 15 Jahren gezeigt: 20000 Bewerber waren es seinerzeit. „Und das war vor dem großen Internet-Boom“, sagt Frank Danesy, als Chef der ESOC Personnel Division auch verantwortlich für die jetzt anlaufende Kampagne. Über den Andrang in diesem Jahr will Danesy lieber keine Prognose wagen. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass die Esa-Verantwortlichen mit bis zu 40000 Bewerbern rechnen. Denn die Perspektiven für Europas Astronauten sind noch faszinierender geworden: Wer diesmal ausgewählt wird, hat gute Chancen, zum Mond zu fliegen.

„Sehr wahrscheinlich wird einer der jetzt auszuwählenden Astronauten der erste Europäer auf dem Mond sein“, sagt Gerhard Thiele, Chef der Astronaut Division am European Astronaut Centre (EAC) in Köln. Der promovierte Physiker war im Jahr 2000 selbst elf Tage lang an Bord des US-Shuttles Endeavour im All und kennt die Faszination, die vom Weltraum ausgeht: „Jeder, der einmal da gewesen ist, möchte gerne zurück. Auch ich würde sicher nicht Nein sagen, wenn sich mir eine weitere Gelegenheit böte.“

Doch Thiele weiß auch, wie hoch die Hürden sind, die ein Astronautenkandidat überwinden muss: Hochschulabschluss weit über dem Durchschnitt; mehrjährige Berufserfahrung als Wissenschaftler, Ingenieur oder Pilot; Gesundheit und ein hohes Maß an körperlicher Fitness; ein medizinisches Zeugnis zur Flugtauglichkeit – das sind die Voraussetzungen, um überhaupt zum Bewerbungsverfahren zugelassen zu werden.

Wer diese Bedingungen erfüllt, kann ab dem 19. Mai via Internet sein Glück versuchen. Den Bewerbern wird ein Passwort zugeschickt, das ihnen Zugriff auf einen Fragenkatalog ermöglicht. Und mit Auswertung der Fragen ist für die meisten Weltraumfans dann auch schon Schluss. „Auf Basis der Fragebögen wählen wir etwa 1000 Kandidaten aus, die dann in die psychologische Auswahlrunde kommen“, sagt Gerhard Thiele. In zwei Testphasen will die Esa nun möglichst viel über Persönlichkeit und operative Leistungsfähigkeit ihrer Kandidaten erfahren.

Für die rund 100 Bewerber, die danach übrig sind, schließt sich eine medizinische Testreihe an. Erst wenn sich der Kreis der ehemals 40000 auf 40 Kandidaten reduziert hat, beginnt das normale Einstellungsverfahren mit Bewerbungsgesprächen, wie sie auch Nicht-Raumfahrer bei der Esa durchlaufen. Letztlich bleiben etwa 25 hoch qualifizierte Bewerber übrig, aus denen der Generaldirektor die vier neuen Astronauten auswählt.

„Das ganze Verfahren wird sich bis ins erste Quartal 2009 hinziehen“, sagt Frank Danesy. Wer es letztlich ins Team schafft, durchläuft das dreistufige Astronautentraining: eine einjähriges Basic Training, in dem vor allem Raumfahrttechnik auf dem Programm steht. Danach das ebenfalls einjährige Advanced Training, das den Raumfahrer mit Shuttle, Sojus und ISS vertraut macht. Und schließlich das Increment-Specific Training, das auf 18 Monate angesetzt ist und die speziellen Kenntnisse für die Mission vermittelt, für die der Astronaut ausgewählt wurde.

Der enge Kontakt zum Team ist Teil des Programms. In dieser Phase des Trainings soll der Gemeinschaftsgeist entstehen, der später überlebenswichtig werden kann. Denn der Astronautenjob ist noch so riskant wie zu Zeiten Juri Gagarins: Wer auf einem Feuerstrahl ins All reitet, mit Tonnen hoch explosivem Treibstoff an Bord und nur ein bisschen Metall zwischen sich und dem tödlichen Nichts des Weltraums, muss sicher sein, dass er den Kollegen an Bord im Zweifel auch das eigene Leben anvertrauen kann. Und er muss ihre Schwächen gut genug kennen, um Konflikte zu vermeiden. Denn die Stressfaktoren im All sind groß: Enge, knappe Ressourcen, ständige Überwachung und ein extrem dichter Arbeitsplan gehören genauso zum Alltag des Astronauten wie die Schwerelosigkeit.

Allein zum Wohl von Wissenschaft und Fortschritt fliegen natürlich auch Esa-Astronauten nicht ins All. Das Grundgehalt eines europäischen Raumfahrers liegt derzeit bei rund 4300 Euro. Nach Abschluss der Trainingsphase gibt es 1000 Euro mehr, der erste Flug ins All bringt noch einmal einen vergleichbaren Gehaltssprung. Hinzu kommen Zulagen, etwa für Auslandsaufenthalte bei Trainings in Russland oder den USA.

Doch natürlich ist der Astronautenberuf nicht erste Wahl, wenn es darum geht, reich zu werden. Verlockender ist da schon die Aussicht, als erster Europäer seinen Fuß auf den Mond zu setzen. Der Erdtrabant, der seit dem Ende des Apollo-Programms Anfang der 70er-Jahre keinen irdischen Besuch mehr erhalten hat, ist derzeit in den Chefetagen der Raumfahrtbehörden so populär wie lange nicht mehr. Und die Aussichten stehen nicht schlecht, dass sich um das Jahr 2020 Amerikaner und Europäer gemeinsam auf den Weg zum Mond machen. Die Rechnung ist einfach: Wer heute mit Mitte 30 zum Astronautenteam stößt, ist 2020 noch im besten Raumfahreralter.

Gut möglich, dass beim Flug zum Mond eine Frau auf dem europäischen Platz sitzen wird. Derzeit ist das Esa-Astronautenteam zwar reine Männersache, und die europäische Weltraumbehörde hat bislang auch überhaupt erst eine Frau ins All geschickt: Die Französin Claudie Haigneré flog 2001 an Bord einer russischen Sojus-Kapsel zur Raumstation ISS. Doch mit dem anstehenden Bewerbungsverfahren hoffen die Esa-Verantwortlichen, dieses Ungleichgewicht etwas abzumildern. Und natürlich hätte eine Astronautin, einmal im Team angekommen, die gleichen Chancen wie ein Astronaut, als Europas erster Mondreisender aus der Landefähre zu klettern.

Es wäre nur ein kleiner Schritt für eine Frau – aber ein großer Sprung für die Esa.

Start der vierwöchigen Bewerbungsfrist ist der 19. Mai. Die Bewerbung für das Esa-Astronautenteam erfolgt ausschließlich über das Internet: www.esa.int/SPECIALS/Astronaut_Selection, Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“.

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