Auf Zeit : Zeitarbeitsbranche verbessert ihr Image

Die Zeitarbeitsbranche hat ihr Image aufpoliert. Sie verleiht immer häufiger auch Akademiker. In der Wirtschaftskrise sind die sogar besonders gefragt.

Christine Weißenborn
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Foto: dpa

Sie hatten es versucht, immer wieder. Mit Kerzen und Windlichtern standen sie am südlichen Werkstor und protestierten gegen die geplanten Entlassungen. 500 mussten gehen, so hatte es der Halbleiterhersteller Qimonda in Dresden angekündigt, und so kam es auch. Und als Erstes traf es die, die es meistens erwischt: die Zeitarbeiter.

Stefan Nagel* war einer von ihnen, auch er verlor seinen Job. Aber anders als die demonstrierenden Kollegen stand er nicht frierend in der Winterkälte. Der studierte Chemiker wusste, dass er zu den raren, hoch qualifizierten Fachkräften im deutschen Zeitarbeitsheer zählt und schnell eine neue Stelle finden würde. Er behielt recht. Sein Arbeitgeber, der Personaldienstleister DIS, machte sich auf die Suche, um Nagel an einen anderen Kunden zu vermitteln. Zwei Monate später konnte der 30-jährige Familienvater bei einem Hersteller für Beschichtungstechnologie in Dresden anfangen. Unbefristet.

In der einstigen Schmuddelbranche hat sich einiges geändert. „Die Zeiten, als Zeitarbeiter nur Ungelernte und Geringverdiener waren, sind vorbei“, sagt Thomas Rehder, Geschäftsführer des Personaldienstleisters Tiempo Personal Leasing. Statt sie als Puffer bei saisonalen Engpässen einzusetzen, arbeiten immer mehr Unternehmen fest mit Zeitarbeitsanbietern zusammen. Besonders hoch qualifizierte Mitarbeiter, vom Juristen, über den Ingenieur und Betriebswirtschaftler bis hin zum Mediziner, setzen die Firmen mittlerweile mehrere Jahre hintereinander für Projekte ein.

Für die Zeitarbeitsfirmen ist es ein lukratives Geschäft, und deshalb locken sie die begehrte Klientel mit übertariflich bezahlten Stellen, unbefristeten Verträgen und attraktiven Weiterbildungsmaßnahmen. Auf den so genannten Klebeeffekt, die Vermittlung der Zeitarbeiter in die Festanstellung, kommt es den Dienstleistern nicht mehr an. Um die offenen Stellen besetzen zu können, müssen sie, wie ganz normale Unternehmen auch, die für sie gewinnbringenden Mitarbeiter mit Angeboten zur Weiterbildung halten und aufbauen.

Nicht nur Stefan Nagel hat sich deshalb für das Modell Zeitarbeit entschieden. Immer mehr junge Akademiker wählen den Weg zum Personaldienstleister. Bereits jeder Sechste, den die Top-15-Zeitarbeitsfirmen vermitteln, hat laut Marktforscher Lünendonk studiert. Das Modell hat Vorteile für alle Beteiligten. Hochschulabsolventen müssen sich nicht gleich zu Beginn auf ein Unternehmen festlegen. Sie können verschiedene Branchen und Firmen ausprobieren und Kontakte in die Industrie aufbauen. Die Kunden wiederum profitieren, weil sie qualifizierte Mitarbeiter bekommen, ohne sich langfristig binden zu müssen.

In den vergangenen Jahren boomte die Branche. Sie konnte ihr schlechtes Image abschütteln und hat in der gesamten EU, vor allem aber auf dem deutschen Arbeitsmarkt als Konjunkturmotor für Beschäftigungshöchststände gesorgt. Die anbietenden Firmen mögen deshalb den Begriff „Leiharbeit“ nicht mehr hören. Er ist ihnen zu negativ besetzt und steht immer noch für das, was der Gesetzgeber Arbeitnehmerüberlassung nennt.

Heute nehmen die ursprünglich als Aushilfen eingesetzten Zeitarbeitskräfte immer häufiger zentrale Positionen in den Konstruktions- und Entwicklungsabteilungen ein. „Die Zeichen stehen auf Wachstum“, sagt Brunel-Manager Rüdiger Badke. Der Ingenieurdienstleister sucht in diesem Jahr 480 Ingenieure und fast 200 Informatiker. Konkurrent Yacht Teccon, der zuletzt nach 640 Ingenieuren Ausschau hielt, plant 800 neue Stellen.

So positiv diese Entwicklung klingt: Verschont geblieben sind die Zeitarbeitsfirmen von der Wirtschaftskrise nicht. Weil der Anteil der Hochqualifizierten im Verhältnis zu den Ungelernten und Hilfskräften letztlich nämlich nur einen kleinen Prozentsatz ausmacht, durchleben auch sie eine Durststrecke. Auch die Schweizer Adecco erwartet in den nächsten Monaten einen stärkeren Abschwung als im Crash-Jahr 2001.

Immerhin: Die erreichten Veränderungen bleiben. Dazu zählt, dass nicht nur Ingenieure gesucht werden, sondern auch Betriebs- und Geisteswissenschaftler eine Chance bei den Zeitarbeitsfirmen haben. Hans-Martin Weichbrodt ist so ein Beispiel (siehe Kasten).

Arbeitnehmerüberlassungen haben mit der alten Hire-and-Fire-Methode der Branche nichts mehr zu tun. Zeitarbeitnehmer werden zwar befristet an den Kunden ausgeliehen, stehen bei der Zeitarbeitsfirma aber unbefristet unter Vertrag. Ihre Entlohnung unterscheidet sich nach Angaben der großen Firmen kaum von den marktüblichen Gehältern. Angesichts des Ingenieurmangels stocken auch Zeitarbeitsfirmen das Entgelt außertariflich auf. „Wir haben keine Chance, Höherqualifizierte zu halten, wenn wir nicht branchenüblich zahlen“, sagt Torsten Przyborski, Regionaldirektor bei Manpower Professional Engineering.

Grundsätzlich gilt: Je qualifizierter Zeitarbeiter sind, desto eher bemühen sich Unternehmen, sie in eine Festanstellung zu locken. Früher warben Zeitarbeitsfirmen mit diesem Klebeeffekt. Heute sehen die Manager die Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wird einer ihrer Angestellten abgeworben, bedeutet das für den Personaldienstleister zwar Imagegewinn und Reputation, er verliert aber auch einen hoch qualifizierten Mitarbeiter. „Wir haben nicht das Ziel, den Klebeeffekt zu nutzen und unsere Projektmitarbeiter zum Kunden zu vermitteln“, sagt Przyborski.

Da deutsche Personaldienstleister ihre Mitarbeiter seit 2003 – infolge der Hartz-Reformen – länger als ein Jahr verleihen dürfen, hat sich eine Zwischenlösung etabliert, von der die Ent- und die Verleiher profitieren. Viele Arbeitnehmer bleiben nun mehrere Jahre beim Kunden und werden dort für Projekte oder zur Aufstockung des Personals eingesetzt.

Durch diese Öffnung des Systems, die der damalige Superminister Wolfgang Clement ermöglichte, verdoppelte sich die Zahl der Zeitarbeiter auf knapp 750 000, das sind rund zwei Prozent aller Arbeitnehmer. Im europäischen Vergleich rangiert Deutschland im oberen Mittelfeld. Beim Spitzenreiter Großbritannien liegt der Anteil bei rund fünf, in den Niederlanden, Frankreich und Luxemburg sind es etwa je 2,5 Prozent.

Für das Jahr 2009 sagt der Marktforscher Lünendonk voraus, dass die schlechte wirtschaftliche Lage zu Entlassungen von geringer qualifizierten Mitarbeitern führen wird, die Fach- und Führungskräfte davon aber weitgehend unberührt bleiben. Der Markt werde sich schnell wieder regenerieren, da flexible Personalkapazitäten eine wichtige Grundlage für zukünftige Erfolge der Unternehmen seien. Lünendonk schätzt, dass sich die Zahl der Zeitarbeiter trotz der Krise bis 2020 auf 1,4 Millionen erhöhen wird.

Personaldienstleister wie DIS bleiben deshalb gelassen. Trotz der schwierigen Wirtschaftslage erwartet das Unternehmen mittelfristig Entspannung. „Es ist voreilig, die Lage auf dem Zeitarbeitsmarkt so dramatisch darzustellen, wie es in diesen Tagen immer wieder der Fall ist“, sagt der Vorstandsvorsitzende Andreas Dinges. Und auch Time-Partner-Chef Sven Killian ist optimistisch: Wann immer die Wirtschaft wieder bessere Zahlen schreibe, seien die Zeitarbeitskräfte die Ersten, die wieder eingestellt würden.

*Name von der Redaktion geändert

Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

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