Ausbildung : Daimlers Trainee-Programm mit eingebauter Vorfahrt

Der Daimler-Konzern sucht 650 Absolventen für das Management. Wer in das Trainee-Programm de luxe aufgenommen wird, hat sogar Chancen bis in die Chefetage durchzustarten.

Claudia Obmann

Ein gebügeltes Hemd und eine sorgfältig gebundene Krawatte sind Pflicht, wenn André Sauer seinen Tag bei Daimler beginnt. In diesen Wochen aber fällt die Wahl der Arbeitskleidung schlichter aus: Im Blaumann tritt der 26-Jährige aus der Männerumkleide bei Werkstor sieben. Es ist sechs Uhr morgens, die Frühschicht trifft gerade ein, und mit ihr schreitet er zur Tat in der Lackiererei. Im Presswerk und in der Halle, in der die blanken Karosserieteile montiert werden, hat er schon angepackt.

Sauer ist Nachwuchsmanager, in spätestens elf Monaten wird er die Termine für die Produktion neuer Pkw-Modelle von seinem Schreibtisch aus koordinieren. Vorher aber muss er sich ordentlich am Fließband bewähren oder bei einem Mercedes-Händler im Verkauf aushelfen. Solche Stationen sind Pflicht für alle Führungsnachwuchskräfte des Daimler-Konzerns. Ob EDV-Fachmann, Jurist oder Maschinenbauingenieur wie Sauer - da müssen die Trainees aus aller Welt durch. Denn bevor die jungen Akademiker auf einer festen Stelle irgendwo im Konzern landen, sollen sie sich mit den Produkten, dem Herstellungsprozess und auch mit der Kundschaft vertraut machen. Außerdem soll der Führungsnachwuchs auch die Kollegen im Werk und deren Arbeit besser kennen lernen. So haben schon andere angefangen, etwa Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche wie auch dessen Vorgänger Jürgen Schrempp.

Maria Riolo, die Leiterin der globalen Nachwuchsgewinnung, hat das vor zwei Jahren eingeführte Programm, Career genannt, zusammen mit ihrem Team entwickelt. „Unsere Vorläufer-Programme konzentrierten sich auf den Nachwuchsaustausch in einzelnen Unternehmensbereichen wie zum Beispiel Forschung und Entwicklung.“ Das aber genügte den Ansprüchen nicht mehr. Also wurden die Konzepte überarbeitet und gebündelt. Das Ergebnis: Heute lernen nicht nur deutsche Trainees ihre Kollegen aus Brasilien, der Türkei und China kennen, sondern Mitarbeiter aus dem Vertrieb treffen zum Beispiel frühzeitig auf die Controller. „Das fördert das gegenseitige Verständnis und die Kommunikation im Konzern“, sagt Riolo.

Die eigenen Erfahrungen am Fließband im Werk, im Vertrieb beim Händler und ein internationales Netz im Konzern schaffen eine, nein die wichtigste Voraussetzung für die weitere Karriere bei Daimler: Stallgeruch. Denn noch immer gilt beim Stuttgarter Automobilbauer die traditionelle Eigengewächs-Strategie: „90 Prozent der Führungspositionen bis hin zum Vorstand werden intern besetzt“, sagt Riolo. Und das Career-Programm ist der wichtigste Förderpool dafür. In diesem und im kommenden Jahr stehen die Chancen für Jobeinsteiger und junge Berufstätige, in die Förderung aufgenommen zu werden, so gut wie nie zuvor: Jeweils 500 Akademiker stellt das Unternehmen dafür ein; insgesamt also 1000 Nachwuchskräfte. Vor allem Ingenieure und Informatiker stehen auf dem Wunschzettel, ebenso künftige Marktbetreuer für den Kundendienst und Manager für die Produktionsplanung und - logistik. „Außerdem möchten wir gern mehr Frauen für unser Unternehmen gewinnen“, sagt Günther Fleig, Daimler-Personalvorstand. Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden auch bei Daimler ausgebaut.

Feste Einstiegsdaten gibt es bei Career nicht, grundsätzlich ist der Beginn jeden Monat möglich. Das Interesse ist riesig: Allein im ersten Jahr nach dem Start des Programms sind etwa 18 000 Bewerbungen eingegangen.

Absolventen mit herausragenden Noten und praktischer Erfahrung können sich direkt auf eine konkrete Stellenausschreibung eines Fachbereichs bewerben. In diesem so genannten Zielbahnhof landen die Nachwuchsmanager garantiert, nachdem sie ihr zwölf- bis 15-monatiges Traineeprogramm durchlaufen haben.

Jeder Jobanwärter muss sich zunächst einem dreistufigen Auswahlprocedere stellen. Zuerst wird nach Studienabschluss und Praxiserfahrungen gesiebt. Dann folgen ein Online-Kompetenztest und ein Telefon-Interview. Die letzten drei Bewerber auf jede Stelle müssen schließlich noch ins zweitägige Assessment-Center.

Durch den Einstieg stehen die Teilnehmer bereits in einem festen, unbefristeten Arbeitsverhältnis. Personalerin Maria Riolo: „Unsere Trainees sind von Anfang an vollwertige Mitarbeiter. Sie steigen mit einem Jahresbruttogehalt von mehr als 45 000 Euro ein und erhalten wie alle anderen Kollegen eine Erfolgsbeteiligung.“ Das waren in diesem Jahr 3750 Euro.

Wer sich besonders engagiert, kann für seine persönliche Leistung zusätzlich noch eine Bonuszahlung bekommen. Regelmäßig stehen deshalb bei Daimler Mitarbeitergespräche an: Einmal im Jahr werden Ziele vereinbart, nach einem halben Jahr wird Zwischenbilanz gezogen. Für die Trainees gibt es nach jeder Station eine Beurteilung durch den jeweiligen Vorgesetzten. Zu den weiteren Anreizen und Motivationshilfen vom ersten Arbeitstag an zählen Belegschaftsaktien, die betriebliche Altersvorsorge. Kleines Extra: Alle Daimler-Mitarbeiter erhalten Sonderkonditionen beim Kauf eines Mercedes oder Smarts.

Für André Sauer ein Einstieg nach Maß. Bereits eine halbe Stunde nach dem Assessment-Center erhielt der Maschinenbaustudent telefonisch die Zusage. „Das war ein super Gefühl, schon während meiner Diplomarbeit zu wissen, dass man ein tolles Trainee-Programm und eine unbefristete Stelle vor sich hat“, sagt der Siegerländer.

Die Inhalte ihres Konzerndurchlaufs stimmen die Teilnehmer mit ihrem Betreuer individuell ab. Als Mentor betätigt sich meistens der Abteilungsleiter des so genannten Zielbahnhofs – also der Chef der speziellen Abteilung, zu der die feste Stelle des Trainees gehört.

Insgesamt stehen jeweils drei Projekteinsätze in verschiedenen Abteilungen und Geschäftsfeldern sowie zwei international ausgerichtete Trainingsmodule zur Fach- und Methodenkompetenz auf der Agenda. So trifft Maschinenbauer Sauer in einigen Wochen etwa 30 Trainees verschiedenster Disziplinen aus aller Welt im amerikanischen Portland. Dann üben die Youngster, die zum gleichen Zeitpunkt wie Sauer angetreten sind, zum Beispiel, wie man Konflikte löst und Meetings moderiert.

Alle Teilnehmer einer so genannten Peer Group, also diejenigen, die wie Sauer im Funktionsbereich Produktion als Führungsnachwuchs eingestiegen sind, müssen außerdem jeweils gemeinsam eine Aufgabe bearbeiten. Meist geht es darum, den eigenen Bereich zu präsentieren. Da die Trainees aber zum Beispiel in Südafrika, Deutschland und den USA arbeiten, üben sie dazu den Einsatz moderner Kommunikationstechnologie – vom vertrauten Umgang mit Telefon und Email bis hin zum Ausprobieren der Videokonferenzsysteme.

Auch ein mehrmonatiger Auslandseinsatz gehört zum Pflichtprogramm der Trainees – ein Vorgeschmack auf ihren Alltag als Daimler-Manager mit internationaler Verantwortung. Torsten Niemann zum Beispiel, der seinen Umlauf gerade abgeschlossen hat, verbrachte insgesamt ein halbes Jahr in Frankreich. Erst arbeitete er bei einem Mercedes-Händler in Paris, dann in der französischen Konzern-Dependance in Versailles.

Seit gut einem Monat ist er nun Marktbetreuer im Kundendienst in Stuttgart-Möhringen. Trotzdem packt er weiterhin regelmäßig seinen Koffer. Von fünf Werktagen verbringt er zwei bei Kunden in der Schweiz, in Tschechien oder Rumänien. In Südosteuropa versucht er gerade, gemeinsam mit Vertriebskollegen der Sparte Nutzfahrzeuge und mit Kooperationspartnern vor Ort den Marktanteil des deutschen Herstellers zu vergrößern. Dazu soll das Händlernetz ausgebaut werden, und Niemann plant Kooperationen mit Berufsschulen und Auftritte bei Jobmessen, um qualifizierten Nachwuchs anzuwerben.

Flexibilität wird bei den angehenden Daimler-Managern vorausgesetzt. So kann das Ziel für ihren Auslandseinsatz von einem auf den anderen Tag wechseln, wie bei Sauer: War sein Einsatz zunächst im Werk Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama geplant, soll sich der Ingenieur nun einem Produktionsprojekt in Südafrika widmen. Das ist ganz nach dem Geschmack des Maschinenbauingenieurs: „Deshalb habe ich mich ja für die Fachrichtung Internationale Projektierung entschieden.“ Sauer spricht zudem Englisch, Französisch und Spanisch fließend, und seit seinem Praktikum in Brasilien reicht sein Portugiesisch immerhin, um ein Bier zu bestellen.

Sauers Eltern sind stolz auf ihren Sohn. „Der hat's geschafft – der schafft jetzt beim Daimler“, sagt der Vater begeistert. Assistent eines Direktors will Sohn Sauer möglichst bald werden – und ab und an zum Beispiel in die USA oder nach Südafrika fliegen. Das Pendeln am Wochenende zu seiner Freundin im Siegerland dagegen sollte langsam mal ein Ende nehmen, sagt er. Deshalb wird sie im nächsten Jahr, nach Ende ihres Studiums, ebenfalls nach Sindelfingen ziehen und sich in Ruhe eine Stelle suchen. Sauers Gehalt in der Produktionsplanung reicht auch für zwei.

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