Ausbildung : Qualifikation im Doppelpack

An den Oberstufenzentren in Berlin kann man sich für ein Studium qualifizieren und gleichzeitig einen Beruf lernen. Für wen sich die Zweifach-Qualifikation lohnt

Patricia Hecht

Computertechniker war nicht von vornherein Patrick Geys Traumberuf. Der 32-Jährige Reinickendorfer, der heute von sich sagt, er sei „Techniker mit Leib und Seele“, wollte ursprünglich Abitur machen und studieren. Doch auf dem Gymnasium kam er nicht klar. Das Studium, dachte er damals, kann er sich abschminken. Dann las er zufällig von der Möglichkeit, an Oberstufenzentren (OSZ) die Fachhochschulreife nachzuholen und zeitgleich eine Ausbildung zu machen. „Ich war damals 21. In meinem Alter Fachabitur und zusätzlich einen beruflichen Abschluss zu machen, war verlockend.“

Patrick Gey ging an das OSZ für Technische Informatik, Industrieelektronik und Energiemanagement (TIEM) in Spandau. In drei Jahren Schule qualifizierte er sich zum Assistenten für Automatisierungs- und Computertechnik, bestand die Prüfung zur Fachhochschulreife – und hat sich dann doch gegen ein Studium entschlossen. Als er bereits einen Studienplatz in der Tasche hatte, kam das Angebot eines Unternehmens. Gey nahm an und arbeitete fünf Jahre als Außendiensttechniker einer Computerfirma. Dann machte er sich als Techniker selbstständig. „Durch die Doppelqualifikation konnte ich flexibel auf die Situation reagieren“, sagt er.

Wer sich wie Patrick Gey für die doppelte Ausbildung entscheidet, hat die Wahl zwischen mehr als 20 Berufen. An den 36 Berliner Oberstufenzentren kann man in drei Jahren das Fachabi machen und etwa Assistent für Automatisierungstechnik oder Assistent für Medientechnik werden. Man kann sich zum Assistenten für regenerative Energietechnik qualifizieren, Bürokaufmann oder Erzieher werden. Außerdem gibt es im Doppelpack mit der Ausbildung zum Steuerfachangestellten oder zum Systemelektroniker auch die Möglichkeit die Allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Dafür muss man dann vier Jahre Schule einplanen.

Ein Bonus: Mit der Doppelqualifikation spart man Zeit. Wer zuerst eine duale Ausbildung im Betrieb absolviert und die Fachhochschulreife anschließt, muss vier Jahre investieren. Bei der Allgemeinen Hochschulreife sind es fünf.

„Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass dieses eine Jahr nicht einfach wegfällt“, sagt Pit Rulff von der Berliner Vereinigung der Leitungen Berufsbildender Schulen (BBB). Der Stundenplan ist verdichtet. „Wer die Sache ernst nimmt, muss nach dem täglichen Unterricht noch drei Stunden Hausaufgaben dranhängen“, sagt Rulff. Neben Deutsch, Englisch, Wirtschafts- und Sozialkunde stehen berufstheoretische und praktische Fächer auf dem Stundenplan. Bei Patrick Gey waren das etwa Werkstoffbearbeitung und Sensortechnik. Außerdem sind Praktika in Betrieben vorgesehen.

Die Doppelqualifikation ist nicht nur eine Möglichkeit, mit mittlerem Schulabschluss an die Fachhochschule zu kommen. Sie ist auch geeignet, wenn man sich noch nicht sicher ist, ob es auf Studium oder Beruf hinauslaufen soll – und außerdem eine Alternative für Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz in einem Betrieb gefunden haben.

An den meisten OSZ ist neben dem mittleren Schulabschluss das Bestehen einer Aufnahmeprüfung Voraussetzung. Eine Altersbegrenzung gibt es in der Regel nicht. Im Gegensatz zur dualen Ausbildung wird kein Gehalt gezahlt, man kann aber Bafög beantragen. Die Bildungsgänge starten im August und schließen in der Regel mit einer schulischen und einer praktischen Prüfung zum Assistenten, die gleichwertig zu einer Kammerprüfung ist.

Die Doppel-Ausbildung hat sich bewährt, sagt Pit Rulff. Die meisten Betriebe seien mit den Absolventen sehr zufrieden. Zwar werde die betriebliche Realität in der Schule nicht vollständig abgebildet. „Aber zur Ausbildung gehört einfach Kompetenz – fachlich und im Hinblick auf die Allgemeinbildung. Die wird hier besser vermittelt, gerade weil die Schüler nicht so sehr in monotone betriebliche Produktionsprozesse eingebunden sind“, so Rulff.

Wer direkt im Betrieb ausgebildet werde, habe zwar grundsätzlich die Chance, übernommen zu werden, sagt der Siemens-Personaler Norbert Giesen: „Doch wenn die Stellenschreibung passt, dann hat man auch mit der Doppelausbildung gute Chancen.“ Für die OSZ-Absolventen spreche die gute Allgemeinbildung. „Außerdem bringen die Leute schon praktische Erfahrung mit und haben insofern Vorteile gegenüber Schulabgängern“, sagt Giesen.

„Der Einstieg in den Betrieb ist nach einer schulischen Ausbildung schwieriger als nach einer dualen“, meint wiederum Carola von Bronk, Leiterin des Recruiting bei Vattenfall. Zwar könne man über ein Praktikum „reinrutschen“. Das Arbeiten im Team, die soziale Kompetenz könne das Unternehmen während einer dualen Ausbildung jedoch viel besser beurteilen. Dass ein Studium, ob berufsbegleitend oder Vollzeit, im Anschluss an die Doppelqualifikation die Karriereaussichten noch einmal wesentlich verbessert, darin sind sich die Personaler einig.

So hat es auch Robert Monka gemacht, der nach der zehnten Klasse vor der Qual der Wahl stand: Schule oder Ausbildung? Monka entschied sich mit der Qualifizierung am OSZ für beides und lernte Assistent für medizinische Gerätetechnik. „Anfangs stand ganz klar die Ausbildung im Vordergrund“, sagt der 24-Jährige heute. „Aber währenddessen wurde mir bewusst, dass vor allem die Fachhochschulreife wichtig für mich ist“.

Nach dem Abschluss am OSZ studierte Monka an einer Fachhochschule Medizinisch-Physikalische Technik. „Durch die Ausbildung war der fachliche Übergang viel leichter“, sagt er. Heute macht er im selben Fach seinen Master – und überlegt, als Lehrer für Elektrotechnik und Physik zurück an sein OSZ zu gehen.

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