Ausbildung : Richtig gerechnet

Betriebswirtschaft wird nicht nur an Hochschulen unterrichtet: Fachschulen und IHK-Seminare können eine Alternative sein

Christian Schnohr

Oft musste sich Lasse Köhler aus Berlin Sprüche anhören, seit er beschloss, neben dem Beruf eine Weiterbildung zum Betriebswirt zu absolvieren: „Wer nichts wird, wird Wirt“, witzelten seine Freunde. Doch der Kaufmann blieb standhaft. Er wollte seine Kenntnisse in Buchführung, Statistik und Makroökonomie vertiefen und sich für Leitungsfunktionen qualifizieren. Für eine Weiterbildung konnte er zwischen Hochschulen, staatlichen und privaten Fachschulen sowie der Industrie- und Handelskammern wählen. Sie alle bieten unterschiedliche Abschlüsse an.

DIE STAATLICHE PRÜFUNG

Eine kostenfreie Weiterbildung zum staatlich geprüften Betriebswirt erfolgt an den europäischen Wirtschaftsfachschulen der Berliner Oberstufenzentren (OSZ). Jede Einrichtung setzt einen eigenen Schwerpunkt: Das OSZ Banken und Versicherungen zum Beispiel bildet Kaufleute mit Vertiefungen in Finanzwirtschaft aus, am OSZ Handel 1 steht Außenwirtschaft und Marketing im Mittelpunkt. Voraussetzung für die Weiterbildung ist ein Realschulabschluss sowie eine abgeschlossene kaufmännische Berufsausbildung mit einem Jahr Berufspraxis. Alternativ werden Berufserfahrungen von mindestens fünf Jahren akzeptiert.

„Die Anforderungen der Lehrgänge liegen zwar unterhalb einer Hochschulausbildung“, sagt Dietrich Sachse, Leiter der Wirtschaftsfachschule am OSZ Banken und Versicherungen. „Doch in unseren Kursen lernen auch viele Abiturienten.“ Der Grund: Die meisten von ihnen haben eine Erstausbildung zum Bankkaufmann gemacht und möchten ihren Job nicht gegen ein Vollzeitstudium eintauschen. Die Lehrgänge an den Oberstufenzentren finden an drei Tagen in der Woche abends nach Dienstschluss und am Wochenende statt. „Zusätzliche Hausaufgaben brummen wir den Schülern nicht auf“, sagt Sachse. Die Abschlussprüfung wird nach sieben Semestern geschrieben.

Einige Berufstätige entscheiden sich laut Studienleiter Sachse auch wegen der lehrgangsinternen Fremdsprachenkurse in Englisch, Französisch, Spanisch oder Russisch für die Weiterbildung am OSZ. Außerdem haben Teilnehmer mit Realschulabschluss die Möglichkeit, mit der Prüfung zum Betriebswirt die Fachhochschulreife zu erwerben. Dafür sind zusätzliche Mathe-Prüfungen notwendig.

Der höhere Bildungsabschluss ist ein Vorteil, den die Oberstufenzentren gegenüber manchen privaten Bildungsanbietern haben. Doch auch die Privaten bereiten auf die Prüfung zum staatlich anerkannten Betriebswirt vor – wenn auch gegen Gebühr. Das Bildungswerk der Wirtschaft (bbw) bietet einen Lehrgang für 6000 bis 7000 Euro an. Der Vorteil: Die Schüler können im Fernunterricht mit Studienbriefen lernen. Ein Teil der Kosten wird über das Meister-BaföG gefördert.

LEHRGÄNGE BEI DER IHK

Im Gegensatz zu den Kursen an den Oberstufenzentren sind die betriebswirtschaftlichen Fortbildungen an der Industrie- und Handelskammern (IHK) modular aufgebaut. Das bedeutet: Bevor man als ausgebildeter Kaufmann den Abschluss als geprüfter IHK-Betriebswirt in der Tasche hat, muss man eine Fortbildung zum Fachkaufmann oder Fachwirt absolvieren. Diese erste Qualifikation dauert etwa zwölf Monate in Teilzeit, der zweite Abschluss weitere zwei Jahre. Bei der Prüfung zum Fachkaufmann legen sich die Teilnehmer von vornherein auf einen speziellen Wirtschaftszweig fest: zum Beispiel Marketing, Vertrieb oder Immobilienwirtschaft.

Der Unterricht findet an zwei bis drei Tagen in der Woche statt – und ist dabei ein Jahr kürzer als die staatliche Ausbildung am OSZ. Außerdem haben die Teilnehmer nach nur einem Jahr einen weiteren berufsqualifizierenden Abschluss. Das hat allerdings seinen Preis: Rund 3300 Euro kostet die Fortbildung zum Fachkaufmann, der IHK-Betriebswirt schlägt mit weiteren 3500 Euro zu Buche. Auch hier ist ein Abitur keine Voraussetzung für die Teilnahme an den Lehrgängen. Eine kaufmännische Berufsausbildung und Praxiserfahrung reichen aus. Quereinsteiger haben ebenfalls Chancen. Wer sich später für ein Studium entscheidet, hat mit den IHK-Abschlüssen jedoch keinen Vorteil: Eine Fachhochschulreife zum Abschluss gibt es nicht. Und: „Bislang werden in Berlin Leistungen aus den IHK-Lehrgängen nicht von den Hochschulen anerkannt“, sagt IHK-Teamleiterin Grit Markert.

BETRIEBSWIRTE MIT DIPLOM

Von den staatlichen Hochschulen bietet bislang nur die Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) ein akademisches Abendstudium in acht Semestern zum Betriebswirt an. Weitere Angebote zum Abendstudium stammen von privaten Hochschulen wie der Fachhochschule für Ökonomie und Management (FOM). Dort gibt es die Möglichkeit, einen Abschluss als Diplom-Kaufmann (FH) oder einen „Bachelor of Business Administration“ in sieben Semestern zu absolvieren. Die Kosten betragen rund 12 500 Euro.

Auch die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) bietet berufsbegleitende BWL-Lehrgänge an, die nach eigener Aussage Hochschulniveau haben. Die internen Zertifikate der Akademie stellen jedoch keinen akademischen Grat dar, sie konkurrieren daher eher mit der Industrie- und Handelskammer und den Oberstufenzentren.

DAS SAGEN DIE PERSONALER

„Der akademische Abschluss macht sich immer noch sehr gut“, meint Tanja Siegmund vom Personaldienstleister Adecco. „Die IHK-Kurse sind dagegen ideal für Angestellte von kleineren, mittelständischen Unternehmen.“ Für sie bieten die Kurse eine branchenspezifische Übersicht. „Die Kurse zum staatlich geprüften Betriebswirt sind dagegen etwas breiter angelegt.“ Für Bewerbungen spielen die unterschiedlichen außeruniversitären Abschlüsse keine große Rolle. „Bei uns gibt es keine unterschiedlichen Bewertungen, der Gesamteindruck muss passen“, sagt Sprecherin Claudia Löffler vom Berliner Flugunternehmen Air Berlin. Mike Seeger von der Berliner Bank gibt Assessmentcentern und persönlichen Gesprächen den Vorrang: „Generell honorieren wir jedoch die hohe Belastung einer nebenberuflichen Weiterbildung“, sagt er.

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