Bachelorstudiengang : Praktikum light

Praxisnah sollen sie sein, die neuen Bachelorstudiengänge. Doch für längere Praktika bleibt in den straff organisierten Kurzprogrammen wenig Zeit. Nur langsam stellen sich die Unternehmen auf eine neue Studentengeneration ein.

Dorothee Fricke

Wer bei Masterfoods hinter die Kulissen schauen möchte, sollte Zeit mitbringen: Ein Praktikum beim Hersteller von Mars, Snickers, Uncle Ben's Reis oder auch Tierfutter wie Whiskas dauert mindestens vier, besser sechs Monate. Schließlich, so Friederike Koll, bei Masterfoods zuständig für die Rekrutierung von Praktikanten und Diplomanden, werde den Hospitanten zwar viel geboten, aber auch einiges abverlangt: „Unsere Praktikanten werden vom ersten Tag an in ein Projekt eingebunden und sollen Verantwortung übernehmen“, so Koll, „dafür ist es von Vorteil, wenn sie schon eine gewisse Vorerfahrung mitbringen.“ Bewährt habe sich, vorwiegend Studierende einzustellen, die das Vordiplom schon in der Tasche haben. Dass die dafür in der Regel ein Urlaubssemester nehmen müssen, sei bei den Diplomstudiengängen kein Problem, berichtet Koll.

Die passenden Studienschwerpunkte, ein überdurchschnittliches Vordiplom und – wenn möglich – bereits absolvierte Praktika: Vor allem größere Unternehmen sind bei der Besetzung von Praktikumsplätzen ähnlich anspruchsvoll wie Masterfoods. Praktika gelten als wichtiges Rekrutierungsinstrument. Die Zeiten, in denen Hospitanten vor allem für den Kaffeenachschub sorgen sollten, sind vorbei. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Kienbaum übertragen 40 Prozent der deutschen Unternehmen ihren Praktikanten eigene Projekte, ebenso viele lassen sie zumindest aktiv in Projekten mitarbeiten.

Doch mit der Einführung von Bachelorstudiengängen, in die sich im letzten Wintersemester schon fast die Hälfte aller Erstsemester eingeschrieben haben, müssen die Unternehmen umdenken und sich auf Praktikanten einstellen, die jünger sind und noch nicht so viel Erfahrung mitbringen. Sechs Semester – so lange dauert ein Bachelorstudiengang in der Regel – sind schnell vorbei und lassen wenig Freiräume für längere Praxisphasen außerhalb der Semesterferien. Die Studienpläne geben oft relativ genau vor, welche Kurse im zweiten, dritten oder vierten Semester absolviert werden sollen. Wer freiwillig ein Semester aussetzt, riskiert möglicherweise, ein ganzes Jahr zu verlieren. Grund: Oft werden die entsprechenden Vorlesungen und Seminare nur in Jahreszyklen angeboten.

Spezielle Praktikumsangebote für die Bachelors sind allerdings bisher rar: Die Praktikumsbörse Praktika.de führt nach eigenen Angaben mehr als 6800 Praktikumsstellen. Unter dem Suchbegriff „Bachelor“ listet sie jedoch gerade einmal 46 Treffer – nur: 22 davon sind keine echten Praktika, sondern eigentlich Anzeigen, die für duale Studiengänge bei DaimlerChrysler werben. Selbst Unternehmen, die die Erklärung „Bachelor welcome“ unterschrieben haben, sind kaum weiter. Federführend bei dieser konzertierten Aktion, die sich zu den neuen Studienabschlüssen Bachelor und Master bekennt, sind zum Beispiel die Deutsche Bahn und der Automobilzulieferer Continental.

Immerhin spricht die Deutsche Bahn in ihren Praktikumsausschreibungen gezielt Bachelorstudenten an – bewerben kann man sich jedoch erst ab dem vierten Semester. Volker Westedt, Leiter der Nachwuchsgewinnung der Deutschen Bahn, verteidigt dies: „Praktikanten sollen bei uns mitarbeiten und nicht nur zuschauen. Die Besten unserer Praktikanten nehmen wir in ein festes Bindungsprogramm auf. Deswegen stellen wir gewisse Anforderungen an die fachlichen Grundkenntnisse und an die persönliche Entwicklung, die erst im Laufe des Studiums erworben werden können.“ Eine Hospitanz bei der Bahn dauert zwischen zwei und sechs Monate, wobei längere Praxisphasen natürlich lieber gesehen werden.

Sechs Monate hält auch Sehnaz Özden, verantwortlich für das konzernweite Recruiting bei Continental, für eine optimale Praktikumszeit. „Bei einem längeren Praktikum lernt man einfach mehr. Sonst sind die Leute schon fast wieder weg, wenn sie eingearbeitet sind und die Zusammenhänge im Arbeitsprozess verstehen.“ Doch Özden weiß, dass solche langen Praktika für Bachelorstudenten kaum mehr möglich sind: „Ich schaue mir alle Bewerbungen an. Wenn jemand gut ist, ermöglichen wir auch kürzere Praktika.“ Gerade erst habe sie eine Bachelorstudentin für drei Monate eingestellt.

Für die Zukunft müsse sich das Unternehmen jedoch neue Formen der Praxiserfahrung überlegen: „Wir werden wohl noch stärker als bisher auf einzelne Hochschulen zugehen und gemeinsame Praxisprojekte anbieten“, sagt Recruiterin Özden. Eine solche Zusammenarbeit gibt es zum Beispiel mit der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Hannover: Die Studenten arbeiten an mehreren Tagen im Unternehmen, um dort direkten Kontakt mit dem Management zu bekommen. Im Gegenzug bearbeiten sie für Continental praxisorientierte Fallstudien und präsentieren ihre Ergebnisse am Ende vor Conti-Experten. Auch bei Friederike Koll von Masterfoods trudeln die ersten Bewerbungen von Studenten in Bachelorstudiengängen ein. „Um auf die Umstellungen zu reagieren, werden wir wahrscheinlich auch kürzere Praktika anbieten und auf einschlägige Vorkenntnisse verzichten“, sagt die Personalerin.

Kürzere Praktika, neue Formen der Zusammenarbeit mit Hochschulen: Oliver Maassen, Vorstand des Arbeitskreises Personalmarketing (DAPM), einem Zusammenschluss von Personalverantwortlichen großer deutscher Unternehmen, beobachtet ein Umdenken bei vielen Unternehmen: „Das ist ein Lernprozess, der in den Personalabteilungen schon begonnen hat, sich aber in den Fachabteilungen noch durchsetzen muss.“ Der DAPM hat Richtlinien erarbeitet, wie der Praxisbezug in das kürzer gewordene Studium integriert werden kann: So genannte Orientierungspraktika sollen bereits ab dem ersten Semester möglich sein, in Fachpraktika ab dem dritten Semester sollen die angehenden Bachelors Projekte eigenständig bearbeiten.

Gleichzeitig erwartet der DAPM von den Hochschulen, ihre Programme so zu strukturieren, dass die Zeit, die während des Bachelorstudiums in der Praxis verbracht wird, mindestens sechs Monate beträgt, von denen mindestens drei Monate am Stück absolviert werden sollten. Dass hier speziell die Universitäten noch einiges aufzuholen haben, zeigt ein Bachelorrating, das der DAPM in Auftrag gegeben hat (siehe www.karriere.de/bachelor). Auf die neue Situation reagieren, so fordert Oliver Maassen, müssten aber auch die Studierenden: „Die müssen Praktika ab dem ersten Semester auch einfordern.“ Wenn Unternehmen sehr lange Praktika und viel Vorerfahrung erwarten, sei manchmal Überzeugungsarbeit nötig.

Praktika nach dem Studium – vor allem dann, wenn im Anschluss kein Masterstudium geplant ist – sollten auch für Bachelors die absolute Ausnahme bleiben. Im Zweifelsfall, da sind sich alle Experten einig, sei es besser, eine Verlängerung des Studiums in Kauf zu nehmen, als sich ohne jegliche Praxiserfahrungen auf den Bewerbermarkt zu stürzen. Karriere

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