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Behinderungen : Jeder will normal sein

15.08.2010 02:00 Uhrvon
Unterschätzt. In dem Film „Me too-Wer will schon normal sein“ haben Figur und Schauspieler haben etwas Außergewöhnliches gemeinsam: Der 34-jährige Daniel (Pablo Pinada) hat als erster mit Downsyndrom in Spanien ein Hochschulstudium abgeschlossen. Im Büro verliebt er sich in die „normale“ Laura (Paola Dueñas).Foto: promoBild vergrößern
Unterschätzt. In dem Film „Me too-Wer will schon normal sein“ haben Figur und Schauspieler haben etwas Außergewöhnliches gemeinsam: Der 34-jährige Daniel (Pablo Pinada) hat als...

Menschen mit Behinderung können mit Weiterbildung und anderen Angeboten viel erreichen.

„Ich kann das“, sagt Bettina Unger und meint damit nicht nur das Bahnfahren zu Außenterminen, sondern auch die Kursleitung, Öffentlichkeitsarbeit und Betreuung von Partnern. Bettina Unger hat keine Zweifel, sie wüsste nicht, warum ein Rollstuhl sie daran hindern sollte, ihre Arbeit bei dem Bildungsträger Life e.V. zu machen.

So selbstbewusst war sie nicht immer im Umgang mit ihrer Behinderung. In ihrem Literaturstudium erkrankte sie, ihre Beine wurden immer schwächer. Und plötzlich war da dieser Rollstuhl, der nun ihre Beine ersetzen sollte. Nicht mehr gehen können, das ist für viele gleichbedeutend mit gescheiterter Lebensplanung, nicht mehr funktionieren können, sich umorientieren müssen.

Bettina Unger sitzt seit zehn Jahren in dem Ding, dass ihr die Beine ersetzt. Schwierig war es schon vorher, vor fünfzehn Jahren begannen die Beeinträchtigungen. „Der Rollstuhl war eigentlich das Ende der Beeinträchtigung“, sagt Bettina Unger. Die 42-Jährige arbeitet in dem Weiterbildungsprojekt „Mit Kraft und Perspektive“ für Frauen mit Behinderung bei Life e.V. in Berlin. Eigentlich wollte sie an dem Projekt teilnehmen, doch es lief bereits, als sie sich erkundigte. In der telefonischen Beratung kam heraus, dass sie perfekt auf eine offene Stelle passte und sie bewarb sich mit Erfolg.

Seit zwei Jahren gibt es das Projekt, das behinderte Frauen beim beruflichen (Wieder-)Einstieg unterstützt. Initiator und Träger des Projektes ist Life e.V., eine Bildungsorganisation, die seit mehr als 20 Jahren im Weiterbildungsbereich tätig ist. Kooperationspartner des Projekts ist das Beratungszentrum Kobra und das Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V. Sie werden von den Jobcentern in das Programm vermittelt oder bewerben sich von allein. Die Teilnahme ist kostenlos, im Vorfeld wird ein psychologisches Vorgespräch geführt, dann wird ausgewählt. Vorausgesetzt werden eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium, Berufserfahrung und eine offizielle Anerkennung der Behinderung.

„Es gibt eine doppelte Diskriminierung speziell Frauen betreffend“, sagt Projektleiterin Andrea Simon. Zudem seien Frauen sind im Hinblick auf Erkrankungen überdurchschnittlich häufig betroffen von einer Behinderung im Laufe des Erwerbslebens. Dem Statistischen Bericht „Schwerbehinderte Menschen in Berlin 2007“ zufolge lebten zum Ende des Jahres 2007 in Berlin insgesamt 180 020 schwerbehinderte Frauen. Insgesamt leben etwa zehn Prozent Schwerbehinderte in Berlin. „ Wir stellen uns immer den Rollstuhlfahrer oder die Blinde vor, wenn von Behinderten die Rede ist“, sagt Dorothee Czennia. Doch die meisten Behinderungen gingen auf chronische Erkrankungen wie Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf oder das Muskelskelett betreffend zurück. Nach dem Neunten Sozialgesetzbuch kann eine Behinderung sich auf körperliche Funktionen wie Sinneseinschränkungen und Empfindungen, zum Beispiel Schmerzerkrankungen, beziehen. Auch auf die geistigen Fähigkeiten oder die seelische Gesundheit, zum Beispiel Depressionen oder Antriebslosigkeit. Zum Kreis der Menschen mit anerkannten Behinderungen gehören auch chronisch Erkrankte – infolge eines Rückenleidens beispielsweise – und Menschen mit Suchterkrankungen.

Eine der elf Teilnehmerinnen des Programms „Mit Kraft und Perspektive“ von Life e.V. leidet an Multiple Sklerose. Sie ist Bildhauerin, die Diagnose und die Folgen der Krankheit stellen mittlerweile ihr komplettes Lebenskonzept auf den Kopf. Sie hält die Arbeit als Bildhauerin körperlich nicht mehr durch. Wie weiter? Diese Frage treibt alle der Frauen in das Programm. Sie alle suchen normale Jobs, die etwas mit ihren beruflichen Fähigkeiten zu tun haben, keine speziellen Nischenjobs für Behinderte.

Der Kurs dauert zehn Monate, nach einer Kompetenzanalyse kommt der praktische Teil mit einem Praktikum. „Anders als in den Berufsförderungswerken konzentrieren wir uns auf die Fähigkeiten der Teilnehmerinnen und nicht auf die Defizite“, sagt Simon. Es gehe nicht darum, die Frauen in eine neue Ausbildung oder eine Umschulung zu schicken, denn die Frauen seien schon qualifiziert. Eine wichtige Frage sei, was die Teilnehmerinnen jetzt noch können, nicht nur beruflich, sondern auch körperlich. Und welche Fähigkeiten sie auszeichnen. Im Praktikum könnten sie dann austesten, was und welche Belastung ihnen zusagt. „Die Teilnehmerinnen müssen lernen, mit ihrer Behinderung umzugehen. Je selbstverständlicher für sie die Behinderung ist, desto leichter ist es auch für andere“, sagt Bettina Unger. Das Praktikum soll den Frauen auch das nötige Selbstbewusstsein zurück geben. „Wir wollen die Frauen stärken und ihnen wieder Lust geben, ins Berufsleben einzusteigen“, sagt Projektleiterin Andrea Simon. Die Vermittlungsquote liegt bei 20-30 Prozent. Doch es sei auch ein Erfolgskriterium, dass Frauen längerfristig motiviert sind.

„Am erfolgsversprechendsten ist eine Weiterbildung, wenn Betroffene nach einer Erkrankung oder dem Eintritt einer Behinderung ihren erlernten Beruf nicht oder nicht mehr in der bisherigen Form ausüben können“, sagt Dorothee Czennia, Referentin Sozialpolitik beim Sozialverband VdK Deutschland e. V. Außerdem sei man nach einer Umschulung auf dem gleichen Level wie junge Berufsanfänger, mit denen man nun um die Stellen konkurrieren müsse. Auch in einer Bedarfs- und Angebotsanalyse des Frauen Computer Zentrum Berlin e.V. von 2008 wird die besondere Rolle der beruflichen Weiterbildung hervorgehoben. Czennia rät daher: Für einen Rehabilitanten sollte erstmal alles getan werden, um den Arbeitsplatz zu erhalten oder eine neue Einsatzmöglichkeit im Betrieb zu ermöglichen“, sagt Czennia. Beispiel: Weiterbildungen, technische Hilfen. Umorientierung: Gründungszuschuss.

Leider ist es oft der Fall, dass Menschen mit Behinderung geringer qualifizierten Jobs landen oder nach einer chronischer Erkrankung in einer Umschulung landen. „Viele Frauen – mehr als Männer – werden auch in Rente geschickt“, sagt Unger. Das Weiterbildungsangebot für behinderte Menschen sei sehr dünn. Und immer noch gebe es eine zu große Scheu bei Arbeitgebern, Menschen mit Behinderung einzustellen oder überhaupt zum Gespräch einzuladen - außer für Ausbildungen oder Praktika. Unwissenheit und die Angst vor Kosten seien Gründe. Dabei übernehmen die Integrationsfachdienste die Finanzierung, wenn Umbaumaßnahmen, Weiterbildungen oder technische Hilfen erforderlich sind. Der Sozialverband Deutschland organisiert daher Schulungen für Unternehmen, um über die Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten bei der Beschäftigung von Behinderten zu informieren.

Die Hürde ist die Einladung zum Bewerbungsgespräch. Die Chance, persönlich zu überzeugen – dazu kommt es für viele leider gar nicht erst. Darum ist es eine immer wieder aufkommende Diskussion, ob die Behinderung in der Bewerbung angegeben werden soll oder nicht. Experten raten eindeutig, es anzugeben und gebenenfalls mit einer dritten Seite zu erklären.

Arbeitgeber sind nur im öffentlichen Dienst verpflichtet, behinderte Menschen zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen. Sie müssen eingeladen werden, es sei denn, sie werden als offensichtlich ungeeignet eingestuft. Es gibt für Behinderte keinen Anspruch, die Stelle zu kriegen. Ein besonders behindertenfreundliches Unternehmen neben den Konzernen Siemens und Daimler ist der Einzelhandelskonzern Real. Seit Ende 2009 haben sie eine Beschäftigungsquote von sieben Prozent, vom Gesetzgeber erwünscht sind fünf Prozent. Wird die Quote nicht erfüllt, müssen Unternehmen eine Abgabe zahlen, die in die Töpfe der Integrationsämter fließt.

Eine, die von den Bemühungen des Unternehmens profitiert, ist Zasiria Tsagouria. Die 34-Jährige ist von Geburt an gebehindert. Sie arbeitet seit mehr als sieben Jahren in der Telefonzentrale der Filiale in Eschweiler. Die gelernte Industriekauffrau hatte zuvor jede Menge Bewerbungen verschickt – ohne Ergebnis. Daher war sie froh, über eine Bekannte für den Job bei Real empfohlen worden zu sein. Der Betrieb hat die komplette Telefonzentrale an die Bedürfnisse von Tsagouria mit Umbaumaßnahmen angepasst. Auch wenn sie nun nicht in ihrem gelernten Beruf arbeitet, ist sie zufrieden.

Bettina Unger wollte nicht so kompromissbereit sein. Nach dem Studium bewarb sich an der Universität Dortmund um eine Stelle im Bereich „Behinderung und Beruf“. Sie bekam die Stelle und pendelte von da an zwischen Berlin und Dortmund. „Das ging gut, warum sollte das nicht klappen?“ Es sei alles eine Frage der Organisation. In dem Projekt für Frauen mit Behinderung ist sie zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, Betreuung der Praktikumsgeber und das Bewerbungstraining. Natürlich hätte sie eine wahnsinnige Angst gehabt um ihre berufliche Zukunft, nachdem sie nicht mehr bei der Uni Dortmund beschäftigt und arbeitslos war. „Aber das größere Problem sind die Hemmungen im eigenen Kopf“, ist ihre Erfahrung. “Ich bin nicht meine Beine“, sagt sie. Jeder wolle doch normal sein.

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