Beruf : Pionierinnen in der Männerwelt

Frauen in Männerberufen brauchen ein dickes Fell. Studien zeigen: Den Unternehmen tut mehr Weiblichkeit gut.

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Maria Walter, Auszubildende zum Stuckateur im 1. Lehrjahr; fotografiert auf dem Lehrbauhof, Belßstraße 12 in Berlin-Marienfelde. -Foto: Thilo Rückeis

Hier herrscht gerechte Geschlechterverteilung – zumindest auf dem Papier. Auf den Ausbildungsflyern, die im Lehrbauhof der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg ausliegen, haben alle Berufsbezeichnungen eine weibliche Endung. Junge Frauen können sich hier zur Beton- und Stahlbauerin, zur Zimmerin oder zur Stuckateurin ausbilden lassen. Was sich gut liest, sieht in der Praxis allerdings völlig anders aus.

Die Baubranche ist eine Männerdomäne. Frauen, die mit Mörtel und Putz oder an Dachstühlen arbeiten, sind die Ausnahme. Nur in der Buchhaltung und Verwaltung von Baufirmen sind sie zahlreicher zu finden - oft sind es die Ehefrauen der Unternehmer. Wenn man sich den Nachwuchs anschaut, wird klar, dass sich das so bald auch nicht ändern wird. Von 689 Auszubildenden auf dem Lehrbauhof sind nur 14 junge Frauen. Geschäftsführer Roland Bank sieht verschiedene Gründe dafür. Einerseits seien Bauberufe in der Vorstellung vieler Menschen nun mal reine Männersache. „Das ist historisch so gewachsen“, erklärt er. Sowohl Männer als auch Frauen dächten so. „Obwohl wir versuchen, die Berufe auch für Frauen interessant zu machen, Praktika für Schülerinnen vergeben und am Girls‘ Day teilnehmen, interessiert sich nur eine verschwindend geringe Zahl für eine Ausbildung im Baugewerbe“, sagt er. Andererseits hätten Bauberufe viele Eigenschaften, die junge Menschen abschreckten – also Männer und Frauen. „Man muss früh aufstehen, es ist körperlich anstrengende Arbeit und man ist sehr viel unterwegs“, erklärt Bank.

Genau aus diesem Grund könnte die Branche in Zukunft aber darauf angewiesen sein, mehr Frauen zu beschäftigen. Denn die geringe Attraktivität der Bauberufe sorgt für Nachwuchsprobleme im Baugewerbe. „Die Mädchen außen vor zu lassen, können sich die Betriebe in Zukunft nicht mehr leisten“, prophezeit Bank.

Diskriminierung wirkt demotivierend

Doch einmal als Männerdomäne gebrandmarkt, ist es ein langer Weg für eine Branche, sich zu öffnen. Frauen, die in diese maskuline Welt eindringen, werden nicht selten mit Argwohn betrachtet. „Eine Frau ist als Außenseiterin besonders sichtbar und jeder Schritt, den sie tut, wird beobachtet“, beschreibt Gertraude Krell das Phänomen. Krell, bis 2007 Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Freien Universität, hat viele Jahre zum Thema Chancengleichheit von Frauen und Männern im Beruf geforscht. Dabei untersuchte sie auch, welche Folgen es hat, wenn mehr und mehr Frauen in ein Berufsfeld kommen. „Das kann auch nachteilige Auswirkungen haben“, sagt Krell. So sei erwiesen, dass höhere Frauenanteile in einem Beruf mit niedrigeren Durchschnittsgehältern einhergingen. Das betreffe dann auch die dort tätigen Männer. Männer befürchteten wiederum eine Entwertung ihrer Domäne durch „zu viele“ Frauen. „Nehmen Sie das Beispiel der Psychologie. Da äußerten Professoren in Fachzeitschriften ihre Sorge um einen Reputationsverlust durch eine Feminierung des Berufsfeldes.“

Auf der Vorteilsseite lässt sich allerdings auch einiges in die Waagschale werfen. Einerseits stellen Frauen einen großen Teil an Arbeitskräften. Je drängender das Problem des Fachkräftemangels wird, desto mehr werden Firmen darauf angewiesen sein, auch weibliche Mitarbeiter zu rekrutieren – vor allem in der Führungsetage. Auch sorgt ein frauenfreundliches Umfeld für ein besseres Arbeitsklima. „Diskriminierung wirkt sich immer demotivierend auf die Betroffenen aus, das geht auf Kosten der Leistung“, erklärt die Professorin. Nicht zuletzt haben Unternehmen, die Diskriminierungen durch die Personalpolitik entgegenwirken, ein besseres Image und auch mehr Möglichkeiten auf den Finanzmärkten. „Und zwar sowohl bei Fondsgesellschaften, die soziale Kriterien berücksichtigen, als auch bei Banken“, erklärt Krell.

Die ökonomischen Vorteile für ein Unternehmen überwiegen also. Weil das inzwischen bekannt ist, gibt es in vielen Firmen Fachleute, die sich darum kümmern, dass niemand diskriminiert wird – Menschen wie Birgit Reinhardt, Diversity-Beauftragte bei der Deutschen Bahn AG. „Meine Aufgabe ist es, Ausgrenzung nicht zuzulassen“, sagt sie.

Vor einigen Jahren war auch die Bahn noch fast ausschließlich ein Männerbetrieb – jedenfalls im Westen. Die Bundesbahn hatte einen Frauenanteil von lediglich sechs bis sieben Prozent, erzählt Birgit Reinhardt. Frauen waren hauptsächlich in den Büros tätig. Lokführerinnen gab es nicht. Anders sah es bei der Reichsbahn im Osten aus. Hier arbeiteten schon 36 bis 37 Prozent Frauen. „In der DDR war das ja ganz normal, dass Frauen all das machen, was die Männer auch machen“, sagt Reinhardt. 1994 wurden Ost- und Westbahn zur Deutschen Bahn zusammengeführt. Heute sind 21 Prozent der Mitarbeiter weiblich. „Das Klima hat sich definitiv gewandelt“, sagt Reinhardt. Es sei viel selbstverständlicher geworden, dass Frauen bei der Deutschen Bahn arbeiteten. So gebe es mittlerweile 330 weibliche Lokführer von insgesamt etwa 19 000. „Das ist in anderen europäischen Ländern noch lange nicht der Fall“, sagt Reinhardt.

Manche Männer fühlen sich gestört

Eine andere ehemalige Männerdomäne hat die Marburger Forscherin Maria Funder unter die Lupe genommen. In einer Studie zur Informations- und Telekommunikationsindustrie fand sie heraus, dass es Frauen, obwohl sie in den Unternehmen noch immer eine Minderheit darstellen, durchaus gelungen ist, sich in den Unternehmen zu positionieren und auch in Führungspositionen vorzudringen. „Allerdings erweist sich das häufig vorzufindende Statement, dass in Unternehmen der Wissensökonomie das Geschlecht keine Rolle mehr spielt, als weit überzogen“, schränkt Funder ein. Wenn es um Karriere, Gehälter und Anerkennung gehe, zögen Frauen auch in der als modern geltenden Branche noch immer den Kürzeren. Bis zur angestrebten Gleichberechtigung ist es also auch dort noch ein weiter Weg.

Wie man sich als Frau in einem männerdominierten Berufsfeld durchsetzt, muss Maria Walter täglich beweisen. Die 20-Jährige lässt sich am Lehrbauhof der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg zur Stuckateurin ausbilden. Die gesamte Palette an Bautechniken vom Mörteln bis zum Trockenbau stehen auf ihrem Ausbildungsprogramm. Dass sie auf den Bau will, stand für die Berlinerin schon früh fest. „Das erste Mal habe ich in der neunten Klasse von diesem Beruf gehört“, erzählt sie. Bei einem Klassenausflug in die Komische Oper habe sie Stuckateure beobachtet und konnte sich spontan für deren Arbeit begeistern. In der zehnten Klasse machte sie dann ein Praktikum in einem Stuckateurbetrieb. „Für mich war immer klar, dass ich irgendwas mit körperlicher Arbeit machen muss“, sagt Maria Walter. Aus ihrer Familie bekam sie dafür volle Unterstützung – sogar von Seiten, von denen sie es gar nicht erwartet hätte. „Mein Opa ist eigentlich eher ein konservativer Typ, aber er findet es total toll, was ich mache.“ Firmeninfo

Dass sie von manchen Männern auf der Baustelle schief angeguckt werde, störe sie nicht. „Es stimmt schon, manche Männer fühlen sich von uns Frauen gestört. Aber man muss sich daran gewöhnen“, sagt die 20-Jährige. Sie habe sich inzwischen ein dickes Fell zugelegt. „Ich sage denen, okay, das ist deine Meinung. Aber was ich mache, ist noch immer meine Sache.“ Wichtig sei, so sagt die Auszubildende, dass frau sich anpasse. „Manche Mädchen lassen sich immerzu von den Männern helfen oder ekeln sich davor, wenn es auf der Baustelle nur ein Dixiklo gibt. Ich finde, da darf man nicht so zimperlich sein, sonst hat man ganz schnell diesen Zickenruf weg.“

Absolute Anpassung: Bei einem Frauenanteil von unter 20 Prozent ist das laut Studien tatsächlich die einzige Überlebensstrategie für weibliche Mitarbeiter. Der so genannte „Token-Effekt“ besagt, dass Außenseiter – in diesem Falle Frauen – in einem Betrieb gesondert wahrgenommen werden. Die einen versuchen deshalb, so wenig wie möglich aufzufallen, und ziehen sich zurück.

Die anderen arbeiten besonders hart, um den Kollegen zu beweisen, dass sie genauso gut oder besser sind. Das kann ihnen zwar Anerkennung einbringen, lässt sie vielleicht aber auch als harte Karrierefrauen erscheinen. „Wenn Frauen es sich erlauben können, genauso viele Fehler zu machen wie Männer, dann sind sie gleichberechtigt“, zitiert Gender-Forscherin Krell eine Kollegin. In einigen Männerdomänen ist es bis dahin noch ein weiter Weg.

Mit freundlicher Genehmigung von "Berlin Maximal"

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