Berufschancen : Die Chemie stimmt wieder

Zum ersten Mal seit Jahren nimmt die Beschäftigtenzahl in der Chemiebranche wieder zu. Chemiker sind bei den Unternehmen begehrt - wenn sie Auslandserfahrung und Sozialkompetenz mitbringen.

Katja Wilke
Chemiker
Chemiker gehören inzwischen zu den am meisten gesuchten Naturwissenschaftlern. -Foto: Rückeis

Die Frage kommt, unausweichlich. Irgendwann im Studium stellt sie sich für jeden Chemiker: Will ich meine Zukunft lieber mit Labormäusen und Reagenzgläsern verbringen – oder mit Kollegen aus Fleisch und Blut? Bislang hatten Chemiestudenten ausreichend Zeit, um die Antwort für sich zu finden: Erst bei der Promotion, also nach dem Diplom, spezialisierten sie sich – und legten sich damit mehr oder weniger auf eine Karriererichtung fest. Nachdem nun aber fast flächendeckend Bachelor- und Masterabschlüsse eingeführt sind, ist diese Entscheidung weit vorgezogen.

„Jetzt müssen sich Studenten schon nach dem Bachelorabschluss, also nach drei Jahren, auf eine Fachrichtung festlegen“, sagt Carsten Bolm, der Chemie an der RWTH Aachen lehrt. „Das ist schade, denn das Chemiestudium zeichnete sich in Deutschland immer dadurch aus, dass die Absolventen breit einsetzbar waren.“

Breit einsetzbar zu sein – das erwarten die Arbeitgeber aber nach wie vor von Berufseinsteigern, ob sie nun mit Masterabschluss oder Diplom ins Berufsleben starten. Ein großer Teil der Absolventen geht in die Pharmabranche, viele kommen auch in der Ölbranche oder bei Farb-, Reinigungsmittel-, Kunststoff- oder Düngemittelherstellern oder bei Kosmetik- oder Lebensmittelzusatzproduzenten unter.

Gemein haben fast alle der Chemieunternehmen, dass sie nun wieder verstärkt Chemiker suchen. „Junge Chemiker treffen zurzeit auf einen relativ entspannten Arbeitsmarkt. Die Unternehmen stellen verstärkt ein und gleichzeitig gibt es weniger Absolventen als in den vergangenen Jahren“, sagt Karin Schmitz aus der Abteilung Karriereservice bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Lange Zeit hatte sich nur wenig getan. In der letzten Boomphase um die Jahrtausendwende ging die Zahl der Beschäftigten in der Chemiebranche stark zurück. Jahrelang sank sie anschließend – zwar nur leicht, aber stetig.

Der Präsident des Verbandes der chemischen Industrie (VCI) und Bayer-Chef Werner Wenning beurteilte die Lage der Branche „so positiv und stabil wie schon lange nicht mehr“. Die Chemieunternehmen profitieren sowohl von der Nachfrage in Deutschland als auch von der wachsenden Nachfrage in Schwellenländern wie China und Indien.

Kein Wunder, dass die Konzerne dringend gute Absolventen suchen. Wichtigstes Einstellungskriterium ist die Promotion. In der Chemiebranche geht kaum etwas ohne den Doktortitel. Gerade in den Forschungsabteilungen, in die ein Großteil der Absolventen einsteigt, wird er für unverzichtbar gehalten. „In den nächsten Jahren wird sich an der Bedeutung der Promotion nichts ändern“, sagt Carsten Bolm. Doch ob die Promotion wirklich unbedingt erforderlich ist, darüber streiten sich Experten. Tatsächlich ziehen – laut Angaben der Gesellschaft Deutscher Chemiker – nur knapp neun Prozent der diplomierten Chemiker einen Berufseinstieg dem weiteren Verbleib an den Universitäten vor. Von diesen neun Prozent haben aber immerhin zwei Drittel im ersten Jahr einen Arbeitsplatz, vorzugsweise in der chemischen Industrie, gefunden. Ein Einstieg in den Arbeitsmarkt gelingt scheinbar also auch ohne Doktorhut – mit ein wenig Mut und natürlich der Bereitschaft, beim Gehalt Abstriche zu machen. Nach der aktuellen Vereinbarung des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC) und des Verbands angestellter Akademiker und leitender Angestellter der chemischen Industrie (VAA) verdienen Chemiker mit Diplom im zweiten Beschäftigungsjahr mindestens 49 930 Euro. Promovierte Chemiker gehen dagegen am Monatsende mit mindestens 58 180 Euro nach Hause.

Gefragt sind in allen Unternehmen Chemiker, die kommunikationsstark sind. Denn im Berufsalltag müssen sich Chemiker in den Großkonzernen mit den unterschiedlichsten Abteilungen – vom Marketing über die Patentabteilung bis zur Produktion – austauschen. Beim Mittelständler arbeiten sie oft auch eng mit den Kunden zusammen.

Für Bettina Sobotka ist Kommunikation sogar die Grundlage ihres Jobs. Als so genannter „Innovation Scout für Nanotechnologie“ bei BASF muss sie sich nicht nur ständig mit den unterschiedlichsten Abteilungen im Unternehmen austauschen, sondern auch mit externen Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen. Zurzeit arbeitet BASF zum Beispiel an einer neuen Generation von Schaumstoffen, deren Zellgröße nicht mehr im Mikro-, sondern im Nanometerbereich liegt. Durch sie könnte die Dämmwirkung von Schaumstoffen um mehr als 50 Prozent verbessert werden. Sobotka findet für solche und andere Vorhaben heraus, wie der Stand der Entwicklung ist, und sorgt dafür, dass die Forscher bei BASF mit entsprechenden Informationen versorgt werden.

„Wir achten bei Bewerbern darauf, dass sie strukturiert denken, wie und ob sie ihre Ziele erreichen und wie sie im Team arbeiten“, sagt Katja Kohl aus der Personalabteilung von Shell. Auch Rainer Bürstinghaus aus der Personalabteilung von BASF hält Fachkenntnisse und das Wissen, wie man sie anwendet, neben der überzeugenden Persönlichkeit des Bewerbers für ausschlaggebend.

Die eine „richtige“ Wahl der Fachrichtung im Master oder in der Promotion gibt es deswegen nicht. „Studenten sollten sich informieren, welche Kenntnisse in der Branche, für die sie sich interessieren, gefragt sind“, sagt Karin Schmitz.

Gefragt sind momentan zum Beispiel Chemiker in der Verfahrensentwicklung. Wurde in der Forschung eine neue Substanz synthetisiert, hat die Verfahrensentwicklung die Aufgabe, die Synthese vom Labormaßstab auf Produktionsmaßstab zu übertragen. Denn Synthesen aus dem Labor können nicht ohne weiteres auf die großtechnische Produktion umgesetzt werden.

Technische Chemiker entwickeln daher ein optimales Herstellungsverfahren oder optimieren laufende Produktionen. Wichtig für technische Chemiker ist interdisziplinäres Denken. In den Projektteams arbeiten sie häufig mit Verfahrens- und Maschinenbauingenieuren zusammen.

Martina Finke-Höppner pendelt zwischen diesen Welten. Die 39-Jährige hat Chemieingenieurwesen – also eine Mischung aus Chemie und Ingenieurwissenschaften – studiert und arbeitet heute bei Shell als Projektleiterin. Im Bereich Automotive entwickelt sie Getriebeöle. Ihr gefällt, dass sie und ihr Team eng mit den Kunden bei der Entwicklung zusammenarbeiten.

Shell sucht wie alle forschenden Unternehmen Chemiker, die in der Lage sind, vernetzt zu denken, um neue Produkte zu entwickeln, Marktlücken zu finden und Kundenwünsche umsetzen zu können. Denn im Gegensatz zur Hochschulforschung ist die industrielle Forschung stark an der Anwendung orientiert. Im Vordergrund steht die gezielte Entwicklung neuer Produkte oder die kostengünstigere Produktion. Die Absolventen bringen in diesen Gebieten gewöhnlich wertvolles Wissen über neueste Forschungsergebnisse mit. Für die Unternehmen ist das wertvolles Know-how. Deswegen werden die meisten Einsteiger für die Forschung und Entwicklung angeheuert. Nur wenige bleiben allerdings ihr gesamtes Berufsleben über in der Forschung. Die meisten Chemiker wechseln nach einigen Jahren in andere Bereiche.

Um das Know-how gleich an der richtigen Stelle einzusetzen, werden Absolventen häufig als Laborleiter eingestellt. Wie auch Mark Brönstrup bei Sanofi-Aventis in Frankfurt. Für ihn der ideale Einstieg: Er trug von Anfang an Verantwortung, bekam durch den Kontakt mit anderen Abteilungen einen guten Überblick über das Unternehmen und seine Entwicklungsmöglichkeiten. Mittlerweile ist er Leiter der Naturstoffforschung.

Marco Greb hatte sich dagegen nach seiner Promotion bewusst bei dem mittelständischen Unternehmen Eckart beworben. Der Chemiker ging davon aus, dass er dort weniger spezialisiert arbeiten würde. Er wollte möglichst breit in Prozesse eingebunden sein, statt nur in einer großen Abteilung eines Konzerns an Detailaufgaben zu arbeiten. Doch nachdem das Unternehmen in den Altana-Konzern integriert wurde, stellte er fest, dass die Arbeit auch – und gerade –in internationalen Großunternehmen viele Vorteile bietet. Insbesondere schätzt Greb, dass die Arbeit durch den unkomplizierten Austausch mit Kollegen aus den unterschiedlichen Abteilungen erleichtert wird.

Neben dem attraktiven Arbeitsumfeld bieten die Konzerne höhere Gehälter – und machen damit den kleineren Chemiefirmen das Leben schwer. „Kleine und mittelständische Unternehmen haben manchmal Probleme, passende Mitarbeiter zu finden“, beschreibt Karin Schmitz von der Gesellschaft Deutscher Chemiker das Dilemma. „Denn viele Absolventen wollen zu den großen Chemiekonzernen.“ Hier finden sie vielfältige Einsatzmöglichkeiten, auch jenseits von Forschung und Entwicklung – in der Patentabteilung, im Vertrieb und Marketing.

Eine Anforderung an Einsteiger bleibt in allen Abteilungen gleich: Die Englischkenntnisse müssen sitzen. Die Teams in den Konzernen sind in der Regel international zusammengewürfelt. „Shell ist ein internationaler Konzern. Auslandserfahrung und Sprachkenntnisse sind deshalb für uns unverzichtbar“, sagt etwa Katja Kohl von Shell.

Sprachkenntnisse sind auch bei den Unternehmensberatungen ein wichtiges Einstellungskriterium. McKinsey, Roland Berger & Co. stellen gerne Chemiker ein, um kompetente Berater für ihre Kunden aus der chemischen Industrie zu haben.

Für Chemieabsolventen, die die richtigen Kenntnisse und Sozialkompetenz haben, sind die Jobchancen gut. Kurz- und mittelfristig dürfte sich daran erst mal nichts ändern – zumindest, wenn es nach den Top-Managern in der Branche geht. Eine aktuelle Umfrage des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers unter 40 Chefs internationaler Chemiekonzerne zeigt: Die Hälfte der Topmanager ist davon überzeugt, dass der Umsatz ihres Unternehmens in den kommenden zwölf Monaten steigen wird. Die Chemie stimmt offenbar wieder. 

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