Berufschancen : Mit anpacken

70-Stunden-Wochen, rauer Umgangston: Nicht jedem Hochschulabsolventen liegt es, im Lebensmittel-Einzelhandel zu arbeiten. Aber: Wer zupacken kann, steigt schnell auf und wird mit guten Einstiegsgehältern belohnt

Katja Stricker,Gero Lawecki
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Bei der Karriere im Supermarkt bleibt man auch nicht vom Paletten auspacken verschont. -Foto: dpa

Paprika statt Paragrafen – der erste Arbeitstag der Wirtschaftsjuristin Judith Paul begann um sechs Uhr morgens in der Obst- und Gemüseabteilung bei Real. Ihre Aufgabe: Salat, Möhren, Äpfel und Co. einräumen. Sechs Wochen lang. Danach waren der Fischmarkt, die Wurst- und Käsetheke und schließlich die Elektroabteilung dran. Während ihres 18-monatigen Traineeprogramms bei der Metro-Tochter Real arbeitete die junge Akademikerin in allen Abteilungen des Warenhauses mit. „Das war eine harte Zeit“, sagt die heute 34-Jährige. „Am Anfang hatte ich Blasen an den Füßen – als Student, der ständig nur am Schreibtisch sitzt, ist man körperliche Arbeit einfach nicht gewohnt.“

Dazu ein eher rauer Umgangston und zehrende Arbeitszeiten im Schichtdienst. Bei den offiziellen 37,5 Stunden ihres Trainee-Vertrags blieb es nur selten. „Meist habe ich viel mehr gearbeitet“, erzählt Paul. Schließlich gehörten zur Ausbildung neben der Arbeit in der Filiale noch Sonderaufgaben wie das Planen von Werbeaktionen, mit denen die künftigen Führungskräfte auf ihren späteren Job vorbereitet werden sollen.

An so manchen Tagen, wenn sie mal wieder palettenweise Konserven stapelte, habe sie sich schon gefragt: „Wieso tue ich mir das an, habe ich dafür studiert?“ Heute weiß es die 34-Jährige besser. Direkt nach ihrem Trainee stieg sie zur Geschäftsleiterin bei Real auf, ist seit drei Monaten für die Filiale in Erftstadt-Liblar und 126 Mitarbeiter zuständig. Und das nur gut zweieinhalb Jahre nach dem Examen. „Keiner meiner Mitstudenten hat in so kurzer Zeit jobmäßig so viel erreicht wie ich. Darauf bin ich schon sehr stolz, auch wenn ich einen echten Knochenjob habe“, gibt Paul zu.

Eine Karriere im Lebensmittel-Einzelhandel ist nichts für Warmduscher. Der Jobeinstieg ist hart, denn auch Hochschulabsolventen müssen ganz unten anfangen – sich mit weißem Kittel in den Laden stellen, Paletten auspacken, kassieren. Belohnt wird der Einsatz mit sehr guten Aufstiegschancen wie bei Judith Paul. Die Handelsriesen in Deutschland, dazu gehören Edeka, Metro, Lidl, Aldi, Tengelmann und Rewe, versuchen aktuell verstärkt, junge Akademiker für eine Karriere im Einzelhandel zu begeistern. Der Branche fehlt es an Führungsnachwuchs. Einen Grund nennt Jürgen Panke, Handelsexperte und Senior-Berater bei Panke Personalconsulting: „Im Handel mangelt es an qualifizierten Azubis, die später das Zeug zur Führungskraft haben. Deshalb findet eine Akademisierung statt.“

Doch für die meisten Hochschulabsolventen ist der Lebensmittel-Einzelhandel allenfalls „Second Choice“, zweite Wahl, sagt Armin Gerneth, Personalberater bei Heidrick & Struggles. Die Branche kämpft mit gewaltigen Imageproblemen. Bei Real, Edeka, Aldi und Co. zu arbeiten, erscheint vielen Jobeinsteigern weit weniger glamourös als der Einstieg bei einem der großen Markenhersteller. „Man erzählt im Freundeskreis einfach lieber, dass man bei Porsche, McKinsey oder Microsoft arbeitet als für Lidl“, sagt Gerneth.

Bei Aldi kann dann aber das üppige Einstiegsgehalt ein schlagkräftiges Argument für die Karriere bei einem Discounter sein: Aktuell zahlt Aldi Süd seinen Trainees 60 000 Euro brutto jährlich plus Dienstwagen. Branchenüblich sind solche Einstiegsgehälter aber nicht. Real etwa zahlt seinen Trainees jährlich rund 33 000 Euro brutto. Laut der Hamburger Vergütungsberatung Personalmarkt steigen Filialleiter im Einzelhandel zwischen 30 000 und 36 000 Euro ein; als Betriebsleiter mit Personalverantwortung sind 40 000 bis 52 800 Euro pro Jahr drin.

Zunächst erwartet Berufseinsteiger bei Real, Tengelmann, Aldi und Co. die harte Schule der Filiale. Da sind sich die Trainee- und Einstiegsprogramme von Handelskonzernen und Discountern sehr ähnlich. Ein großer Vorteil, findet Geschäftsleiterin Judith Paul: „Da ich alle Food- und Nonfood-Abteilungen selber durchlaufen habe, kann ich jetzt als Führungskraft viel besser einschätzen, wie lange eine Arbeit dauert – und was ich von meinen Mitarbeitern erwarten kann.“

Auch heute noch packt die 34-Jährige in ihrer Filiale regelmäßig mit an und steht pünktlich um sechs Uhr im Laden, um einen Rundgang durch den kompletten Markt zu machen. Die Ärmel hochzukrempeln und bereit zu sein, sich auch mal die Finger schmutzig zu machen – davor schrecken viele junge Akademiker zurück. „Mit Hosenanzug und Stöckelschuhen kommt man hier nicht weit“, sagt Judith Paul. Nicht jeder Absolvent wird in der eher hemdsärmeligen Branche seinen Traumarbeitsplatz finden. „Ob man da reinpasst, ist sehr typabhängig“, sagt Marion Weber, Projektleiterin der Handelsstudie 2007 bei Kienbaum in Wien.

Martin Stoltnow ist so ein Typ. Schon als Kind, erzählt der heute 26-Jährige, habe er seine Mutter immer zum Einkaufen begleitet – und sei vom Einzelhandel fasziniert gewesen. „Toll war die Wursttheke, denn für mich als Knirps gab es da immer ein Stück Fleischwurst“, erinnert sich Stoltnow, der heute als Fachtrainer bei Kaiser's Tengelmann Filialmitarbeiterinnen an Wurst-, Fleisch- und Käsetheke in Warenkunde und Verkaufsstrategie schult. Früh stand für Stoltnow fest: „Ich will mit Lebensmitteln und am liebsten im Einzelhandel arbeiten.“ Nach einer Ausbildung zum Koch machte Stoltnow sein Fachabitur und studierte anschließend Ökotrophologie an der Fachhochschule Niederrhein. Sein Praxissemester absolvierte er bereits bei seinem heutigen Arbeitgeber Tengelmann.

An den manchmal etwas ruppigen Umgangston und die zehn bis zwölf Stunden dauernden Arbeitstage hat sich der 26-Jährige längst gewöhnt. „Da darf man nicht zart besaitet sein“, sagt Martin Stoltnow, etwa wenn es Meinungsverschiedenheiten mit dem Metzgermeister gibt, der seit 35 Jahren seinen Job macht und sich nicht unbedingt von einem Jungspund sagen lassen will, wie die Theke auszusehen hat. „Aber so was muss man mit Humor nehmen“, sagt Stoltnow. Der Umgang mit den unterschiedlichen Mitarbeitern vom Teamleiter bis zum Lagerarbeiter macht für Real-Geschäftsleiterin Judith Paul gerade den Reiz ihres Jobs aus. „Ich muss ständig meinen Führungsstil wechseln, je nachdem, mit wem ich rede.“

Personalarbeit, etwa Einsatzpläne für die Filiale oder Krankheitsvertretungen organisieren und mit dem Betriebsrat Vereinbarungen schließen, gehört zu den Hauptaufgaben der jungen Führungskraft bei Real. Dabei kommt der Wirtschaftsjuristin ihr Studium zugute. Vieles andere war Learning by doing, etwa die Gestaltung von Sonderwerbeaktionen oder die geschickte Platzierung von Produkten. Dass Paul meist eine 70-Stunden-Woche hat, nimmt sie für ihren Job gerne in Kauf.

Beitrag aus „Junge Karriere“

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