Bio-Produkte : Im grünen Bereich

Im vergangenen Jahr haben mehr als 100 neue Bio-Fachgeschäfte in Deutschland eröffnet. Wer in die Branche einsteigen will, kann sich zum Naturkostexperten weiterbilden

Sina Tschacher

Welches Gemüse enthält besonders viel Vitamin A? Was sollte man bei der Verarbeitung von Bio-Beeren beachten und darf man Pilze eigentlich einfrieren? Mit solchen Fragen sehen sich die Teilnehmer der Fortbildung zur „Naturkostfachkraft“ konfrontiert, die das Forum Berufsbildung in Berlin anbietet. Der Lehrgang für angehende Bio-Spezialisten dauert siebeneinhalb Monate und enthält zwei Theorie-Module mit Seminaren sowie ein sechswöchiges Betriebspraktikum.

„Die meisten unserer Teilnehmer arbeiten bereits im Einzelhandel und möchten sich durch eine Fortbildung auf den Bereich Naturkost spezialisieren“, sagt Jutta Kordes vom Forum Berufsbildung. Gerade in diesem Geschäftszweig seien aber auch viele Quereinsteiger tätig. Auch für sie sei das Angebot gedacht.

Sich beruflich in Richtung „Bio“ zu orientieren, scheint erfolgversprechend: Nach Auskunft des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren Einzelhandel (BNN) zeigt sich die Branche selbst in der gegenwärtigen Finanzkrise stabil. Das Interesse der Verbraucher an naturbelassenen Produkten ist offenbar ungebrochen. Im Jahr 2008 erzielte der Naturkostfachhandel in Deutschland einen Umsatz von 1,85 Milliarden Euro und wuchs um 7,4 Prozent. Bundesweit eröffneten mehr als 100 neue Naturkostfachgeschäfte und Bio-Supermärkte. Auch für das Jahr 2009 rechnet der Verband mit einer positiven Entwicklung.

Der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften für die Öko-Branche ist daher hoch – sowohl im Verkauf, als auch in der Prüfung, Verarbeitung und im Vertrieb von Bio-Lebensmitteln.

„Wir brauchen Leute, die sich mit den sensiblen Produkten auskennen und eine entsprechende Ausbildung haben“, sagt Robert Erler, Sprecher der Supermarktkette Bio Company, die in Berlin mit 13 Filialen vertreten ist.

So sieht das auch Michael Wimmer von der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg. Der Naturkost-Fachhandel muss sich gegenüber den konventionellen Supermärkten und Discountern, die ebenfalls zunehmend Bio-Produkte im Sortiment haben, profilieren, betont er. „Das geht nur, indem man den Kunden eine besonders gute Beratungskompetenz bietet.“

Menschen, die im Naturkost-Fachgeschäft einkaufen, interessieren sich für gesunde Ernährung und legen Wert auf eine fundierte Beratung. Als Verkäufer müsse man auf spezielle Nachfragen vorbereitet sein. „Bewerber mit einer Zusatzausbildung im Bereich Naturkost haben bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz im Bio-Laden als jemand, der nur eine Ausbildung im Einzelhandel absolviert hat“, schätzt Harald Wurm vom BNN.

Beim Forum Berufsbildung ist die Nachfrage nach Fortbildungen im Bio-Bereich groß. Neben den Seminaren vor Ort kann man sich auch in einem Fernlehrgang zum Naturkostfachberater, Ernährungscoach oder Gesundheitsberater weiterbilden. Gelernt wird in Voll- oder Teilzeit. Neben Warenkunde werden auch kaufmännische Grundlagen vermittelt, etwa Buchführung und Finanzierung, Marketing und Betriebswirtschaft. Wer die interne Abschlussprüfung besteht, erhält ein Zeugnis. Die Kosten betragen rund 2200 Euro, eine Förderung durch die Arbeitsagentur ist möglich.

Neu im Angebot ist die Weiterbildung zur Naturkosmetik-Fachberaterin. Auch dieser Markt verzeichnet laut Bundesverband deutscher Industrie- und Handelsunternehmen ein stabiles Wachstum von etwa zehn Prozent jährlich. Auch in diesem Kurs wird im Fernstudium gelernt.

Doch: Wie sinnvoll ist es überhaupt, solche Berufe im Fernunterricht zu erlernen? „Den richtigen Umgang mit Kunden, etwa bei Reklamationen, lernt man nur durch die Praxis“, sagt Michael Wimmer von der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau. Es komme daher darauf an, wie viel Vorwissen der Teilnehmer mitbringe. „Falls jemand noch keine Erfahrung im Verkauf hat, empfehlen wir ihm, den Fernlehrgang durch ein Praktikum zu ergänzen“, sagt Jutta Kordes vom Forum Berufsbildung.

Alexander Diez, Leiter des Bereichs Weiterbildung bei der IHK Berlin, sieht kein Problem darin, Fachwissen per Fernstudium zu erwerben, sofern der Teilnehmer bereits durch eine vorherige Ausbildung im Umgang mit Kunden geschult ist. „Ein Fernlehrgang eignet sich gut für Menschen, die im Berufsleben stecken und sich nebenbei fortbilden wollen.“

Wer gerade von der Uni kommt, hat in der Bio-Branche ebenfalls eine Chance. Um den Bedarf in den Bereichen Prüfung und Vertrieb zu decken, führt die Stiftung Ökologie und Landbau im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz seit 2002 ein einjähriges bezahltes Traineeprogramm durch.

Es richtet sich an Hochschulabsolventen aus den Studiengängen Agrarwissenschaften, Gartenbau, Ernährungswissenschaft und Lebensmitteltechnologie. Stationen sind Öko-Beratungseinrichtungen, Kontrollstellen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen der ökologischen Lebensmittelverarbeitung und -vermarktung. Ergänzt wird das Training durch vier einwöchige Seminare.

„Fast alle Absolventen fanden nach dem Programm einen Arbeitsplatz in der ökologischen Lebensmittelwirtschaft“, sagt Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft. Was die beruflichen Aussichten angeht, so befindet sich die Bio-Branche offenbar im grünen Bereich.

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