Burnout : Unter Druck

Wer ständig überfordert ist, gemobbt wird oder sich zu sehr mit der Arbeit identifiziert, kann depressiv werden. Ein Jurist erzählt, warum er die Notbremse ziehen musste – und jetzt einen neuen Job sucht.

Marion Hartig
268150_0_130f9dbe.jpg
Kopfweh. Stress kann auch körperliche Auswirkungen haben. So wie auf diesem Foto geht es in vielen Büros zu. Foto:...

Es begann mit einem Flimmern vor den Augen. Der Rechtsanwalt Jan R.* arbeitete sich durch einen Turm von Akten. Die Zeit saß ihm im Nacken. Der Gerichtstermin drängte, als ihm plötzlich schwarz vor Augen wurde. Es dröhnte in seinem Kopf. Er presste die Hände gegen die Ohren. Doch das half nicht. Zehn Minuten dauerte der Horror-Tripp beim ersten Mal. Später verschwand der großgewachsene Mann mit den grauen Locken bis zu einer Stunde auf der Toilette und wartete, dass „es“ endlich aufhörte – und er weiter arbeiten konnte.

Wahrscheinlich hätte der Wirtschaftsjurist noch Jahre so weiter gemacht: Er wäre morgens um 7 Uhr in die Kanzlei in der Frankfurter City gefahren, hätte bis spät abends am Schreibtisch gesessen, sich die Pausen gestrichen, Kino und Fitnessclub verboten und am Wochenende gearbeitet – um die Schriftsätze termingerecht fertig zu stellen. Doch irgendwann ist er zusammengebrochen. Eines morgens versagte der Kreislauf. Vor seinen Augen begann wieder das Flimmern. Ihm wurde übel. Das Herz raste. Im Kopf das Dröhnen. Doch anders als sonst bekam er die Situation nicht mehr in den Griff, nicht nach einer halben Stunde und auch nicht nach zwei Stunden.

Das war der Tag, an dem Jan R. seinen Hausarzt einweihte. Der machte ihm Vorwürfe – und drückte ihm eine Überweisung zum Psychologen in die Hand. Der diagnostizierte eine mittlere bis schwere Depression, ausgelöst durch Stress am Arbeitsplatz, auch „Burnout“ genannt. „Das ist jetzt fast ein Jahr her“, erzählt der 52-jährige Anwalt. Er sitzt in einem Café mit Blick auf den Main. Die Stimme klingt jetzt wieder fest. Lange genug hat er kaum mehrere klare Sätze hintereinander herausbekommen.

Es gibt keine Statistik darüber, wie oft es zum Burnout, dem sprichwörtlichen Ausgebranntsein kommt. Doch das immer mehr Menschen wegen psychischer Probleme nicht zur Arbeit gehen, belegt etwa der Fehlzeitenreport der AOK Krankenkasse von 2008. Demnach ist die Zahl der auf psychische Symptome zurückgehenden Krankschreibungen seit 1996 um fast 85 Prozent gestiegen. Dieser enorme Zuwachs lasse sich nur zum Teil darauf zurückführen, dass die Arztpraxen seit dem Jahr 2000 andere Diagnoseschlüssel verwenden, sagen die Experten.

Zur Hauptrisikogruppe zählen Manager, die täglich unvorhersehbaren, hohen Stresssituationen ausgesetzt sind. „Doch auch eine Sekretärin, ein Webdesigner oder ein Autor kann unter einem Burnout leiden“, erklärt Mazda Adli. Er ist Oberarzt der Psychatrischen Klinik der Charité, wo sich Betroffene ambulant oder stationär helfen lassen können.

„Ein Burnout-Patient hat oft die üblichen Symptome einer Depression“, erklärt Adli. Er fühlt sich niedergeschlagen und gefühlsleer. Er ist lustlos, kann nicht schlafen, grübelt, ist oft unruhig und nervös. Seine Arbeit schafft er nicht mehr, selbst die einfachsten Handgriffe misslingen. Dazu können körperliche Beschwerden kommen, Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen, Schmerzen im oberen Bauchbereich oder in den Muskeln. Doch oft werden die Zeichen nicht früh genug erkannt. „Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, woher das Flimmern vor den Augen kommt“, sagt auch Jan R. Als die Konzentrationsschwächen zunahmen und er nicht mehr in der Lage war, einen kurzen Zeitungsartikel zu lesen oder Kaffee zu kochen, fürchtete er, an Alzheimer zu erkranken.

Noch heute fragt sich der Anwalt, wie es so weit kommen konnte. Eigentlich hatte er keine große Karriere mehr vor Augen, als er vor fast zehn Jahren in der Kanzlei einstieg. Er hatte viel erreicht, Abteilungen geleitet, Unternehmen beraten. „Ich musste mir nichts mehr beweisen.“ Trotzdem hat er plötzlich nur noch für den Job gelebt. Ein Kollege wurde dauerhaft krank. Schritt für Schritt übernahm Jan R. die zusätzliche Arbeit. Jahrelang stand er ohne Vertretung da, musste auch im Urlaub erreichbar sein. Kein Strandspaziergang, an dem er das Handy nicht dabei hatte.

Dabei hat er durchaus versucht, die Situation zu ändern. Mehrmals wies er den Chef darauf hin, dass das Arbeitspensum nicht von einer Person zu bewältigen ist, und er Unterstützung braucht. Immer wieder wurde er vertröstet.

Viele Ursachen können zu einem Burnout führen. „Wenn etwa die Anforderungen steigen und man keinen Spielraum sieht, sie in den Griff zu bekommen, kann ein Burnout die Folge sein“, erklärt Psychiater Adli. Das komme häufiger vor, wenn man auf der Karriereleiter nach oben steige. „Dann will man sich in der neuen Rolle beweisen und gibt wenige Aufgaben ab.“ Auch Mobbing kann einen Mitarbeiter bis zum Burnout stressen oder eben das ständige Gefühl, überfordert zu sein. Oft reagieren Menschen auf Stress, ähnlich wie Jan R., zunächst mit körperlichen Beschwerden. „Viele Patienten haben eine Ärzteodyssee hinter sich, bevor sie zu uns kommen“, berichtet Adli.

„Ich dachte jedes Mal, es ist nur ein Phase und ich bin erschöpft, weil ich überarbeitet bin“, erzählt der Frankfurter Anwalt. Warum er sich so lange in die Kanzlei gequält hat? „Ich bin ehrgeizig, gewissenhaft und verantwortungsvoll. Übernehme ich eine Aufgabe, dann mache ich sie richtig“, sagt Jan R. Es gebe einen gesellschaftlichen Druck zu funktionieren. Sich selbst hat er darüber vergessen.

In der Fliedner-Klinik am Berliner Gendarmenmarkt arbeitet der Psychotherapeut Jürgen Ortmann. Die Klinik ist privat und hat sich auf Burnout-Patienten spezialisiert. Hauptsächlich „ausgebrannte“ Lehrer werden dort behandelt, Beamte aus Bundeseinrichtungen und auch Manager. Ortmann sitzt oft Menschen gegenüber, die zunächst sehr engagiert waren und sich mit ihrer Arbeit stark identifizierten. Doch irgendwann haben sie das gesunde Maß überschritten und den Job zur einzigen Quelle für ihr Wohlbefinden gemacht. Das geht selten gut. „Läuft die Karriere nicht wie erwartet, steht man plötzlich ohne alles da“, warnt er.

Es gibt einige Anzeichen für eine Gefährdung, erklärt Ortmann. Haben Sie kaum noch Zeit für andere Dinge? Kommen Sie jeden Tag später nach Hause? Treffen Sie kaum noch Freunde und vernachlässigen Sie die Familie? Das kann auf ein nahendes Burnout hinweisen, so der Psychotherapeut. Noch bedenklicher wird es, wenn das Wochenende plötzlich nicht mehr reicht, um sich zu erholen, wenn man sich nicht mehr mit der Arbeit identifiziert, von Kollegen nur noch genervt ist und zynisch auf Kunden reagiert.

„Damit es nicht so weit kommt, sollte man stets auf sein Wohlbefinden achten, in Krisenzeiten Belastungssituation vermeiden und neben der Arbeit Dinge tun, bei denen man sich wohl fühlt“, rät er. Mindestens genauso wichtig aber sei es, die belastenden Konflikte zu lösen. Eventuell eben durch ein klärendes Gespräch mit dem Chef. „Das beste Entspannungstraining nützt nichts, wenn die Arbeitsbedingungen nicht stimmen.“

Gut beraten ist, wer lernt, Stress abzubauen – bevor er in Arbeit versinkt. Dafür gibt es spezielle Angebote. Im Charité-Präventionszentrum etwa kann man mehrtägige Kurse zur Burnout-Prophylaxe besuchen. „Die Teilnehmer werden für das Thema sensibilisiert. Sie lernen Entspannungstechniken, wie sie Stress regulieren können und wie sie erste Symptome erkennen“, erklärt Psychiater Adli. Das Programm richtet sich vor allem an Unternehmen, die ihr Führungspersonal zur Vorsorge schicken, aber auch an einzelne Interessenten. Techniken zur Stressbewältigung kann man außerdem bei privaten Trainern, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen lernen. Erste Ansprechpartner sind auch Krankenkassen und Hausärzte.

Jan R. hat sein Leben jetzt erst mal auf Zeitlupe gestellt. Bis er wieder alles im Griff hat. Auch heute noch gibt es Tage, an denen sich der Anwalt leer und antriebslos fühlt. Doch das lässt sich nicht vergleichen mit dem schwarzen Loch, in dem er sich mehrere Jahre lang befand, sagt er.

Die Aktenberge hat er aus seinem Leben verbannt, die Familie in den Mittelpunkt zurück gerückt. Er treibt jetzt wieder Sport, trifft sich mit Freunden. Einmal in der Woche geht er zur Therapie. Noch kann er sich nicht vorstellen, wieder in die Kanzlei zurückkehren. Wahrscheinlich wird er sich in ein paar Monaten einen neuen Job suchen.

*Name von der Redaktion geändert

Kontaktadressen für Burn-Out-Kurse in Berlin: www.charite.de/charite/presse/pressemitteilungen/artikel/detail/keine_chance_dem_burn_out/;

www.fu-berlin.de/weiterbildung/weiterbildungsprogramm/fuintern/gesundheitsfoerderung; www.aok-business.de; www.fliedner.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben