Chancen : Bachelor: Perspektive Beruf

Die Studienbedingungen sind für viele Bachelorstudenten nicht besonders gut. Die Karrierechancen schon, sagen Hochschulexperten und Berliner Arbeitgeber.

Marion Hartig
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Wetterfrau. Mandy Freund schreibt bald ihre Bachelorarbeit in Meteorologie. Einen Praxisbezug hat sie in ihrem Studium an der...

Es bläst stürmischer Wind über Berlin, 6,2 Meter pro Sekunde fegt er am Donnerstag um 11.50 Uhr durch die Stadt, bei einer Luftfeuchtigkeit von 57 Prozent. Doch das interessiert Mandy Freund nicht besonders. Sie studiert im 6. Semester Meteorologie an der Freien Universität und befasst sich lieber mit dem Wetter wie es früher war. Ihre Bachelorarbeit wird sie in Paleoklimatologie schreiben, erzählt sie. An Baumringen wird sie dann ablesen, wie viel Regen es in der Vergangenheit gab und wie warm es damals war. Wohin das beruflich führen soll? Die 22-Jährige zuckt mit den Schultern.

Wie ihr geht es vielen Bachelorstudenten. Wohin sie der Abschluss führt, den die Bildungsminister der Europäischen Union 1999 mit dem Bologna-Prozess auf den Weg gebracht haben, ist ein großes Fragezeichen. Bis 2010 soll der Bachelor zum Regelabschluss an europäischen Hochschulen werden. Er soll das projektbezogene Studieren fördern und mit speziellen Angeboten die „Arbeitsmarktfähigkeit“ der Absolventen und damit auch ihre Karrierechancen verbessern. Doch geht das Konzept tatsächlich auf?

Zumindest die Art und Weise wie der Bachelor umgesetzt wird, stößt auf Protest. In mehr als 70 deutschen Städten sind Studenten im Juni auf die Straße gegangen, um gegen die neuen Studienabschlüsse zu protestieren. Zu volle Hörsäle, zu viel Lernstoff, zu wenig Freiraum für fachliche Nebenwege, schimpfen die Kritiker. Hochschulen und Politiker versprechen nachzubessern. Dabei sind die Karriereexperten an den Hochschulen und auch die Firmen relativ zufrieden mit dem, was die EU ihnen beschert hat.

So hat etwa die regelmäßige Absolventenbefragung der HIS Hochschul-Informations-System ergeben, dass die bisherigen Absolventen auf dem Arbeitsmarkt gut untergekommen sind. „Die neue Praxisorientierung der Studiengänge zahlt sich für Kulturwissenschaftler ebenso aus wie für Techniker und Betriebswirtschaftler“, sagt HIS-Experte Kolja Briedis.

Jedes vierte deutsche Unternehmen hat inzwischen Erfahrungen mit Bachelorabsolventen. „Und zwar weitgehend gute – sowohl was Wissenskompetenzen, als auch was Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und Einsatzbereitschaft betrifft“, berichtet Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Deutschen Telekom und Vorsitzender des hochschulpolitischen Arbeitskreises der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Es gebe ähnliche Entwicklungsmöglichkeiten wie mit dem Diplom. Das Einstiegsgehalt liege ungefähr auf dem Niveau von Fachhochschulabsolventen mit Diplom.

„Die Resonanz der Berliner Arbeitgeber auf die Bachelorabsolventen ist ausgezeichnet“, sagt auch die Leiterin des Career Centers der Humboldt-Universität, Rosmarie Schwartz-Jaroß. Das gelte für alle Studiengänge. Eine Reihe von Firmen bieten inzwischen spezielle Programme für Bachelorstudenten an.

„Wir befürworten den Bachelor“, lobt etwa der Sprecher der Dussmann-Gruppe, Steffen Ritter. Für das internationale Unternehmen für Gebäudemanagement und Altenpflege, das auch das Kulturkaufhaus in der Friedrichstraße betreibt, sei eine wissenschaftsspezifische Ausbildung weniger wichtig als praktische Fähigkeiten und Sozialkompetenzen, wie sie im Bachelorstudium vermittelt würden. Auch bei den BMW Motorradwerken Berlin kommt der schnelle Abschluss gut an. „Die Einsteiger wissen bereits, wie man verhandelt oder Vorträge hält“, sagt Sprecherin Doerte Einicke. Wer den Bachelor hat, kann bei BMW auch gleich weiterstudieren und berufsbegleitend oder im Vollzeitstudium den Master machen.

Ähnliche Angebote gibt es bei Siemens und ab 2010 startet auch der Triebwerkproduzent Rolls-Royce in Dahlewitz für Bachelorabsolventen ein berufsbegleitendes Studienprogramm. Die Programme richten sich vor allem an Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler und Techniker.

„Der Bachelor hat den Vorteil, dass wir den Nachwuchs schneller an uns binden, bevor er uns von anderen Firmen weggefangen wird“, sagt Norbert Giesen. Er ist bei Siemens für das Bewerbermarketing zuständig. Der Konzern setzt auf die Qualifizierung im und neben dem Job. „Am Ende der Ausbildung können die Einsteiger dann zu 100 Prozent losarbeiten und müssen nicht noch in firmeninterne Fortbildungen geschickt werden.“ Trotz Krise sucht Siemens Absolventen klassischer Studiengänge wie Elektrotechnik, Maschinenbau und BWL. Bei Bayer Schering Pharma wiederum haben Bachelorabsolventen gute Einstiegschancen im kaufmännischen und technischen Bereich.

Das die Absolventen bisher so gut unterkommen sind, liegt nicht nur am praxisorientierten Studium. „Wenige Absolventen haben auch gute Chancen“, sagt HIS-Experte Briedis. Bisher nämlich geht nur eine Minderheit der Absolventen in den Beruf. An Unis ist es nicht mehr als jeder Vierte. An Fachhochschulen immerhin jeder zweite. Danach ließen sich aber künftige Karrierechancen kaum voraussagen. Zumal es bald bedeutend mehr Jobsuchende Bachelor geben wird als bisher.

Auch Mandy Freund wird nach dem Bachelor den Master anhängen. „Ich weiß noch nicht genug“, sagt die Studentin. Außerdem habe sie als Meteorologin mit dem Bachelor kaum Chancen auf einen Job. Eigentlich möchte sie aber sowieso lieber in die Forschung gehen. Im Praktikum hat sie am Geoforschungszentrum in Potsdam in der Baumprobenabteilung gearbeitet. „Das war super“, sagt sie. Mit dem Bachelor würde sie in der Wissenschaftswelt aber nicht weit kommen.

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