Chancengleichheit : Das neue Männer-Ideal

Wenn Unternehmen väterfreundlich sind, profitieren alle davon.

Zeit für den Nachwuchs. Viele Männer würden gerne ihre Arbeitszeit reduzieren, um sich ihren Kindern widmen zu können.
Zeit für den Nachwuchs. Viele Männer würden gerne ihre Arbeitszeit reduzieren, um sich ihren Kindern widmen zu können.Foto: picture alliance

Chancengleichheit bedeutet heute nicht mehr nur, dass Frauen gleichberechtigten Zugang zu Karriereschritten oder Führungspositionen haben. Chancengleichheit heißt auch: Männer sollten gleichberechtigten Zugang zu flexiblen Arbeitsmodellen haben. Zunehmend fordern Männer eine stärkere Väterfreundlichkeit in der Wirtschaft und einen Wandel der Arbeitskultur in deutschen Unternehmen. Davon profitieren nicht nur die Väter und Mütter, sondern am Ende auch die Unternehmen selbst.

Bereits die erste große Väterstudie in den 1990er Jahre zeigte, dass sich zwei Drittel der Väter mehr als Erzieher denn Ernährer sahen. Die Trendstudie der Väter gGmbH aus dem Jahr 2012 bestätigte dieses veränderte Rollenverständnis: Statt das Leben um die Karriere herum zu bauen, stellen Väter immer häufiger Privatleben und Kinder ins Zentrum ihrer Lebensplanung. Während Frauen neben der Kindererziehung beruflich erfolgreich sein wollen, wünschen sich Väter im Gegenzug, neben dem Beruf aktiv am Familienleben teilzuhaben. Auch Männer tappen dadurch in die Vereinbarkeitsfalle – nur in umgekehrter Richtung. Mehr Zeit für die Familie bedeutet weniger Zeit für die Arbeit.

Das zieht neue Anforderungen an die Arbeitgeber nach sich. Bereits heute kann sich mehr als die Hälfte der Männer vorstellen, finanzielle Einbußen im Beruf hinzunehmen, um mehr Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen. Laut dem Wunschväter-Report 2014 der Besser betreut GmbH und Väter gGmbH sind vier von fünf Vätern sogar bereit, in Teilzeit zu gehen. Der Teilzeit arbeitende, partnerschaftlich organisierte Mann wird zum Ideal.

Nur sieben Prozent der Väter arbeiten in Teilzeit

Die Realität hinkt diesem allerdings hinterher: Die zwei so genannten Vätermonate sind zwar weitestgehend akzeptiert, und seit Einführung des Elterngeldes hat sich die Anzahl der Väter in Elternzeit auf jeden Dritten erhöht. Dies ist in vielen Unternehmen aber der Gipfel der Väterfreundlichkeit. Wie eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens A.T. Kearney zeigt, haben bisher weniger als die Hälfte der Väter familienfreundliche Angebote in Anspruch genommen. Grund dafür seien tradierte Rollenbilder und väterfeindliche Unternehmenskulturen.

So arbeiten nur sieben Prozent der Väter in Teilzeit – bei den Müttern liegt der Wert bei circa zwei Drittel. Doppelt so viele Männer wie Frauen befürchten bei der Inanspruchnahme familienfreundlicher Leistungen schlechtere Beurteilungen seitens Kollegen und Vorgesetzten. Im Gegensatz zu Frauen werden Männer am Arbeitsplatz nicht als Väter, sondern ausschließlich als Arbeitnehmer wahrgenommen. Vorbilder für die Väter-Vereinbarkeit sind Mangelware.

Einzelne Beispiele aus der Wirtschaft zeigen aber, wie Unternehmen neue Wege hinsichtlich einer gleichberechtigten Vereinbarkeitsstrategie beschreiten können: Die Commerzbank, Axel Springer, Lufthansa, Deutsche Bahn, Ernst & Young sowie HSH Nordbank haben ein Väternetzwerk implementiert, das männliche Mitarbeiter in ihrer Vaterrolle stärkt und Vatersein im Unternehmen sichtbar macht. Die Robert Bosch GmbH, ohnehin eines der familienfreundlichsten Unternehmen Deutschlands, fördert flexible Arbeitszeitmodelle für Frauen sowie Männer und richtet sich mit dem Teilzeit-Projekt MORE insbesondere an seine Führungskräfte.

Familieneinsatz von Vätern beeinflusst positiv ihre Gesundheit

Die Hamburger Beratungsgesellschaft Väter gGmbh entwickelt ein Programm, in dem Mentoren junge Fachkräfte bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf begleiten. Sowohl Väter als auch Mütter aus demselben Unternehmen übernehmen eine Vorbildfunktion. Eine neue Initiative holt derzeit das in der Schweiz bereits erfolgreiche Projekt „Teilzeitmann“, im Kern eine Internetplattform mit Teilzeitstellen, nach Deutschland.

Diese Leistungen folgen den Präferenzen von so genannten Doppelkarriere-Paaren – das sind Paare, bei denen Mann und Frau durch ihre gute Ausbildung sowohl Karriere machen als auch viel Zeit mit der Familie verbringen wollen und in denen Partnerschaftlichkeit bereits heute gelebt wird. Laut einer neuen Studie kommt es vor allem auf die folgenden familienfreundlichen Maßnahmen an: mobile und flexible Arbeitsmodelle; ein nachhaltiges Workload- und Karrieremanagement, in dem Familienzeiten als Karrierepunkte gewertet werden; langfristig geltende Rückkehrregelungen in angestammte Positionen; sowie die Schaffung von Sichtbarkeit von neuen Role-Models.

Von solchen Leistungen profitieren ebenso die Unternehmen. Familieneinsatz von Vätern erhöht ihre physische und psychische Gesundheit. Fehlzeiten sinken, die Produktivität erhöht sich, die Bindung zum Unternehmen steigt. Ohnehin steigert Familienfreundlichkeit das Arbeitgeberimage. Folge ist eine geringe Wechselbereitschaft. Bei der Kindererziehung gewonnene Soft Skills eignen sich bestens für Führungskräfte.

Nicht zuletzt der demografische Wandel und der damit verbundene Fachkräftemangel zwingt Unternehmen zu neuen Wegen beim Recruiting. Die sogenannte Generation Y wird verstärkt die Chance nutzen, Arbeitgeber zu suchen, die eine ausgeglichene Work-Life-Balance garantieren. Väterfreundlichkeit ist so nicht nur ein Garant für bessere Karrierechancen für Frauen. Väterfreundlichkeit ist in Sachen Personalbindung und -recruiting der Hebel schlechthin für eine erfolgreiche Personalstrategie.

Volker Baisch ist Geschäftsführer der Väter gGmbH, einer gemeinnützigen Unternehmensberatung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf speziell für Väter. Die Gesellschaft entwickelt Konzepte zur Veränderung der Unternehmenskultur, von denen Frauen und Männer gleichermaßen profitieren.

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