Chefs : Nicht ohne meine Brüder

Sind die Älteren in der Rangfolge tatsächlich die besseren Chefs und die Jüngeren die Kreativen? Was dran ist an solchen Klischees und warum man Schwestern und Brüder besser nicht im Lebenslauf erwähnt.

Marion Hartig
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Soziale Spielwiese. Unter Geschwistern kann man experimentieren, die Ellenbogen ausfahren oder Kompromisse schließen. Foto:...

Sie waren drei Jungs zuhause. Der Älteste, Dietrich, ist ein erfolgreicher Arzt geworden, ein Tumorexperte und außerplanmäßiger Professor an der Privat-Universität Herdecke. Der Mittlere, bereits verstorbene Bruder Wilhelm war Galerist. Der Jüngste in der Reihe, Herbert Grönemeyer, hat sich als Sänger mit Liedern wie „Alkohol“ oder „Flugzeuge im Bauch“ bekannt gerockt. Heute ist er nicht nur Musiker, sondern auch Schauspieler.

Der Älteste eine Führungspersönlichkeit, der Jüngste ein Kreativer. Immer wieder werden Geschwistern bestimmte Charaktereigenschaften zugeschrieben, je nach ihrer Position in der Rangfolge. Aber ist da überhaupt etwas dran? Beeinflusst es tatsächlich gravierend die Persönlichkeit und damit auch die Berufswahl und die Karriere, ob man das erste oder dritte Kind in der Familie ist? Und kann man das vielleicht sogar für sich nutzen?

Nach der gängigen Theorie soll der Erstgeborene eher ehrgeizig, gewissenhaft und zuverlässig sein und oft lebenslang eine Chefrolle einnehmen. Das so genannte Sandwichkind in der Mitte gilt als kontaktfreudig, hat einen großen Freundeskreis, auch weil es in der Familie keinen rechten Platz findet, und ist ein Künstler der Diplomatie. Schließlich hat es schon früh gelernt, es allen Seiten recht zu machen. Das jüngste Kind wiederum spielt eine Sonderrolle. Es bekommt Trost von allen Seiten. Ihm wird oft geholfen, was es unselbstständig macht. Es ist häufig sehr lebhaft und um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, entwickelt es einen „grandiosen Charme“. Vorurteil hin und her. Das alles kann man auf der Seite ElternimNetz.de des bayerischen Landesjugendamtes nachlesen.

Muss man die Menschheitsgeschichte danach etwa aus anderer Perspektive betrachten? Waren Kopernikus, Darwin, Einstein und Freud, die durch ihre Erkenntnisse die Welt veränderten, nur Spätgeborene, die um die Aufmerksamkeit der Eltern buhlten? Wurde Angela Merkel Bundeskanzlerin, weil sie die verantwortungsvolle, älteste von drei Geschwistern war?

Die Wissenschaft jedenfalls hält nichts von solchen Theorien. „Die empirische Forschung bestätigt solche Zusammenhänge kaum“, sagt der Psychologieprofessor der Universität Bielefeld, Rainer Riemann. Die Ideen gehen auf den Wiener Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler, zurück, der damit bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf die Dynamiken in der Familie hinwies, sagt er. Doch mit diesen Zuweisungen sei es wie mit den Sternzeichen und der Persönlichkeit. Im Sinne der sich selbst erfüllenden Prophezeiung entdecke plötzlich jeder Dinge an sich, die diesen Vorstellungen entsprechen.

Dass der älteste Sohn in der Regel die Kanzlei, den Hof, das Unternehmen oder die Praxis der Eltern übernimmt und grundsätzlich eher Führungspersönlichkeit ist, wie der dänische Psychiater Oluf Martensen-Larsen beobachtet haben will, habe möglicherweise so noch nie gestimmt. Genauso wenig wie die Theorie, dass die große Schwester oft Sozialarbeiterin, Krankenschwester oder Psychologin wird, weil sie als Kind ihre Geschwister umsorgen musste.

„Hin und wieder mag es das noch geben, dass man Menschen aufgrund ihrer Position in der Geschwisterfolge bestimmte Eigenschaften zuschreiben kann“, meint dagegen der Familienforscher und Psychologieprofessor an der Ludwig Maximilian Universität in München, Hartmut Kasten. In konservativen Familien etwa, die patriarchalische Denkmuster forttragen, die den ältesten Sohn noch als Stammhalter sehen und entsprechend fördern. Ansonsten aber könne man solche Geschichten getrost auf dem Friedhof der Psychologie beerdigen. Das, worauf diese Theorie fuße, gebe es heute überdies so kaum noch: die klassische Familie mit klassischen Geschwisterverhältnissen. Familie heißt heute meistens Ein-Kind-Familie und oft Patchworkfamilie oder alleinerziehende Mutter oder Vater mit Kind. Nur noch rund jede dritte Familie hat mehr als ein Kind. „Dazu kommt, dass Eltern ihre Kinder heute individueller und partnerschaftlicher als früher erziehen“, erklärt der Psychologe. Alte familiäre Rollenbilder greifen da nicht mehr.

War der jahrelange Zoff etwa doch umsonst? Lernt man nicht viel besser unter Geschwistern seine Interessen durchzusetzen, Rücksicht zu üben und Verantwortung zu zeigen? „Das Aufwachsen unter Geschwistern ist eine Spielwiese, auf der man mit verschiedenen Arten der sozialen Interaktion experimentieren kann“, sagt Kasten. Man lerne, seine Ellenbogen zu gebrauchen, finde Wege, seine Interessen durchzusetzen und Kompromisse zu schließen, Sozialkompetenzen also, die auch im Berufsleben gefragt seien.

Doch: Letztlich spielt es heute für die Persönlichkeitsentwicklung fast keine Rolle mehr, ob ein Kind Geschwister hat oder als Einzelkind aufwächst: „Die Unterschiede im Verhalten belaufen sich auf weniger als fünf Prozent“, sagt der Familienforscher. Viel wichtiger als die Geschwister seien für das soziale Lernen die Eltern, die Freunde, die soziale Umgebung, in der ein Kind aufwachse. „Durch sie lernt man, was für eine Karriere wichtig ist: ehrgeizig zu sein, sich anzustrengen, sich durchzusetzen und Konflikte zu lösen.“

Ob ohne Geschwister aufgewachsen oder mit – spätestens im Berufsleben spielt das sowieso keine Rolle mehr. „Die Unternehmen wollen das gar nicht wissen“, sagt Ina Voigt von der Deutschen Gesellschaft für Personalwesen in Berlin. Im Lebenslauf tue das nichts zu Sache. Auch im Bewerbungsgespräch sei das Thema mit Vorsicht zu genießen. Es baue auf Klischees auf, die in der Wissenschaft längst widerlegt seien und berühre außerdem die Persönlichkeitsrechte der Bewerber. „Wer belegen will, dass er eine verantwortungsvolle Führungskraft ist, sollte von handfesten Beispielen aus dem Arbeitsleben berichten“, rät Voigt.

Das sieht auch der Berliner Karriereberater Gerhard Winkler so. „Teamfähigkeit zeigt man nicht dadurch, dass man mit fünf Geschwistern groß geworden ist“, sagt er. Wer sich in der Berufswelt auf solche Klischees beziehe, bewege sich im Bereich der „Vulgärpsychologie“. Es gibt allerdings eine Ausnahmesituation: jugendliche Bewerber, die direkt nach der Schule einen Job oder eine Ausbildung suchen. Sie können noch nicht mit Berufserfahrung punkten und müssen deshalb alles ins Spiel bringen, was ihnen nützen könnte, um sich von Konkurrenten abzusetzen. „Das kann dann auch schon mal die Schwester sein, die seit ein paar Jahren in dem Bereich arbeitet und immer wieder von ihrem spannenden Alltag erzählt hat.“

Die Geschwisterfolgen-Theorie kann man also ad acta legen. Die Forscher begegnen heute ganz individuellen Konstellationen. „Jede Geschwisterbeziehung ist ein eigenes Universum“, sagt Kasten. Gerade deshalb lohnt es sich, zu prüfen, ob das Selbstbild, dass man oft seit der Kindheit mit sich herumträgt, tatsächlich noch stimmt – und das kann auch für die Karriere nützlich sein. Stellt man etwa an sich fest, dass man bei der Ausstattung von Selbstbewusstsein schlechter weggekommen ist, als die Geschwister, kann man Kurse belegen, in denen man lernt, sich durchzusetzen, rät Kasten. Auch emotionale Intelligenz sei lernbar oder Ehrgeiz.

Beziehungen, Familie, Berufsalltag, die Gesellschaft – all das formt ständig unseren Charakter. Als 15-Jähriger sei man ein ganz anderer Mensch, als mit 35. „Wir wandeln uns ein Leben lang“, sagt Kasten. Die Richtung kann man mitbestimmen. Wenn auch nicht jeder es irgendwann, wie die Grönemeyers, bis zum Rocksänger, Galeristen oder Professor schafft.

Zum Weiterlesen: Hartmut Kasten: „Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Vertraute“, 5. Auflage, Reinhardt Verlag, München 2003. 192 Seiten, 17,90 Euro; Horst Petri: „Geschwister. Liebe und Rivalität“, Kreuz Verlag, Freiburg 2006, 200 Seiten, 14,95 Euro; Marcel Rufo: „Geschwisterliebe Geschwisterhass. Die prägendste Beziehung unserer Kindheit“, Piper Taschenbuchverlag, München 2005, 256 Seiten, 8,90 Euro

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