Consulterbranche : Die Beraterprofis

80 Stunden Arbeit in der Woche, Top-Bezahlung, unterwegs auf der ganzen Welt – was an den Legenden über Consulter wahr ist, wie man in der Branche Karriere macht und wer derzeit neue Leute sucht

Benjamin Haerdle

Für den Berliner Olivier Hervé beginnt die Arbeitswoche in der Regel mit der Fahrt zum Flughafen Tegel. In aller Früh macht sich der Strategieberater der Unternehmensberatung Capgemini Consulting montags mit dem ersten Flieger auf in Richtung Westdeutschland, Österreich oder die Schweiz. Sein Ziel sind international agierende Unternehmen, die sich die externen Berater von Capgemini ins Haus holen. Über mehrere Wochen oder Monate hinweg arbeitet Hervé beim Kunden vor Ort, entwickelt Wachstumsstrategien oder berät Firmen nach Unternehmenszusammenschlüssen. Donnerstagabend nimmt er den letzten Flieger nach Berlin, denn Freitag ist – wie bei vielen Beratungsunternehmen – Office-Day; an diesem Tag arbeitet der 32-jährige Senior Consultant im Berliner Büro.

Ein klassischer „Nine to five“-Job ist der Beruf als Unternehmensberater beileibe nicht. 60 bis 80 Arbeitsstunden können für einen Consulter pro Woche zusammenkommen. „Mit der vielen Fliegerei und dem Leben in den Hotels ist der Job manchmal schon sehr anstrengend“, meint auch Hervé. Doch er hat sich daran gewöhnt. Seit drei Jahren arbeitet er für die Zentrale von Capgemini Deutschland am Kurfürstendamm.

Capgemini beschäftigt weltweit mehr als 82 000 Mitarbeiter. Das Beratungsunternehmen gehört zu den größten Europas, ist bundesweit an elf Standorten vertreten – und spielt mit seinem Hauptsitz in Berlin eine Sonderrolle in der Branche: München und Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt sind die klassischen Standorte für die Zentralen der großen Beratungsunternehmen hierzulande. McKinsey, Boston Consulting, Booz Allen Hamilton und Co. haben in der Hauptstadt zwar auch eine Niederlassung, die Zentralen aber liegen im Westen.

„In Berlin und dem Umland fehlen weitestgehend Industriebetriebe, die Beratungsbedarf anmelden könnten“, erklärt das der Sprecher des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU), Klaus Reiners. Unternehmen, die traditionell gerne Beratung in Anspruch nehmen, wie etwa das produzierende Gewerbe, Banken, Finanzdienstleister oder IT-Unternehmen, seien in Berlin nur schwach vertreten. Capgemini hat sich trotzdem nach Berlin gewagt und seit das Unternehmen 2002 seinen deutschen Hauptsitz in der Stadt eröffnete, wuchs die Zahl der Mitarbeiter von 200 auf aktuell über 300.

Diese Entwicklung passt zum bundesweiten Trend. Zwar gibt es noch keine konkreten Zahlen, doch der BDU schätzt, dass der Branchenumsatz der deutschlandweit mehr als 14 000 Beratungsgesellschaften im Jahr 2007 im Vergleich zu 2006 um zehn Prozent, auf rund 16 Milliarden Euro, gestiegen ist. Die Zahl der Consulter sei zeitgleich um fast sieben Prozent von rund 73 000 auf 80 000 geklettert. Auch im neuen Jahr wird bundesweit wieder kräftig um den Beraternachwuchs geworben. Capgemini zum Beispiel beabsichtigt 250, Roland Berger 150 und McKinsey zwischen 280 und 300 neue Berater einzustellen.

Dennoch ist es nicht leicht, eine solche Stelle zu bekommen. Die Beraterposten sind heiß begehrt. McKinsey etwa erhält eigenen Angaben zufolge jährlich 15 000 Bewerbungen. Auch die Anforderungen an die Bewerber sind gemeinhin sehr hoch. Hervorragende Universitätsabschlüsse werden ebenso vorausgesetzt wie ein Auslandsaufenthalt, Fremdsprachenkenntnisse sowie Kommunikations- und Teamfähigkeit.

„Beratungsunternehmen erwarten vor allem sehr hohe analytische Fähigkeiten und soziale Kompetenzen, weil die Berater gemeinsam mit dem Kunden firmeninterne Probleme lösen sollen“, sagt BDU-Pressesprecher Reiners. Ein Studium der Wirtschaftwissenschaften kann deshalb nie schaden, obwohl zunehmend auch Absolventen anderer Studiengänge in das Beraterwesen Eingang finden. So machen bei McKinsey Juristen, Physiker oder Mediziner Karriere. Von Vorteil ist zudem Praxiserfahrung: „Wer bereits im Projektmanagement oder in einer studentischen Unternehmensberatung tätig war, hat gute Voraussetzungen für den Karrierestart als Consulter“, so Reiners.

Dabei muss der Einstieg in die Branche nicht direkt nach dem Studium erfolgen. Auch Olivier Hervé wechselte zu Capgemini, nachdem er zunächst vier Jahre als Wirtschaftsingenieur in der Automobil- und später in der Energiebranche gearbeitet hatte. Was ihn an dem Consulter-Job reizte, waren „die Vielfalt und Internationalität der Projekte“. Er ist heute für Kunden aus den verschiedensten Branchen auch im Ausland unterwegs.

Auch die oft relativ hohen Gehälter locken viele Akademiker in die Beratungsbranche. So genannte Junior Consultants, die rund drei Jahre bei einem Beratungsunternehmen tätig sind, erhalten laut BDU ein Jahresgehalt von 35 000 bis 50 000 Euro; bei Deutschlands Top-Berateradressen sind je nach Qualifikation auch bis zu 70 000 Euro Einstiegsgehalt für Hochschulabsolventen möglich.

Das Gehalt auch entschädigt für manche Schattenseiten des Beraterjobs: Auf ein Privatleben müssen viele Berater unter der Woche weitestgehend verzichten. Familie und Freunde stecken oft zurück. Nicht jeder ist mit einem solchen Leben für den Job auf Dauer glücklich. Entsprechend hoch ist die Zahl der Mitarbeiterabgänge. Auf rund 15 Prozent beziffert man bei Capgemini die jährliche Fluktuation. Olivier Hervé ist verheiratet und hat einen zwölfjährigen Sohn. Er will noch ein paar Jahre als Berater dranhängen, sagt er – trotz des Stresses. „Wenn man seine Arbeit gut organisiert, kann man sich das Wochenende in der Regel freihalten.“

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