Karriere : Die Besten finden

Kleine und mittelständische Unternehmen können für hochqualifizierte Akademiker durchaus attraktiv sein. An den Hochschulen lassen sich erste Kontakte knüpfen

Die Berliner Unternehmungsberatung 4Flow gibt sich im Wettbewerb um Talente selbstbewusst: „Wir suchen die Besten“, heißt es schlicht wie anspruchsvoll auf der Homepage. Die Firma ist auf Logistiksysteme spezialisiert, beschäftigt 50 Mitarbeiter und ist dauerhaft auf der Suche nach neuen Beratern, nach jungen Hochschulabsolventen, die nicht nur über hervorragende IT- und BWL-Kenntnisse verfügen, sondern auch über Beraterqualitäten wie ein gewinnendes Auftreten. „Wir befinden uns im Krieg um Talente“, sagt die für Personalfragen zuständige Managerin Susanne Moosdorf. „Die großen wie McKinsey wollen dieselben Absolventen wie wir.“

Nicht nur die gute Konjunktur, zu wenige Hochschulabsolventen in gefragten Fächern wie dem Ingenieurwesen und Abwerbungen aus dem Ausland machen Firmen wie 4Flow zu schaffen. Für die kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) kommt noch ein ganz anderes Problem dazu. Die KMUs sind oft bei Absolventen kaum bekannt und nur wenige klicken sich bis zu deren Stellenangebot im Internet durch. Außerdem sind große Konzerne für viele Bewerber attraktiver als Mittelständler. Dabei gibt es einiges, mit dem auch die „Kleinen“ durchaus punkten können.

„Sie bieten flachere Hierarchien, in denen Neueinsteiger von Anfang an viel Verantwortung übernehmen“, sagt Jens Plinke von der Personalmarketing-Beratung Terra. Und: Auch Mittelständler sind heute Global Player. Der Kongress im Ausland kann dort genauso auf dem Programm stehen wie bei internationalen Konzernen. Auch mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und Forschungsprojekten gehen die KMUs oft zukunftsweisende Wege. Doch bevor die Talente die Qualitäten des Mittelstandes entdecken, müssen sie die oft unbekannteren Unternehmen erst einmal kennenlernen.

Chancen hierzu bieten die Hochschulen. Mit verschiedenen Angeboten versuchen sie Wissenschaft und Wirtschaft zusammenzubringen. So lädt zum Beispiel die von Studenten organisierte Bonding-Messe in jedem Jahr Unternehmer ein, sich vorzustellen. Rund 100 kleine und große Firmen haben Anfang November in Berlin teilgenommen und es sich 1300 Euro Standmiete am Tag kosten lassen, um mit Praktika, Diplomandenstellen und Einstiegsposten um die Leistungsträger von morgen zu werben.

Wie erfolgreich die frühe Kontaktaufnahme zu Talenten ist, zeigen Studien: Inzwischen werden laut Terra Personalmarketing bis zu 50 Prozent der Top-Einstiegspositionen mit ehemaligen Praktikanten oder Diplomanden besetzt. Bis zu 30 Prozent der Top-Absolventen sind bereits vor ihrem Studienabschluss nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt verfügbar.

Wie auch Mittelständler effektives Hochschulmarketing betreiben können, macht die Unternehmensberatung 4Flow vor. Vorstand Stefan Wolff leitet als Dozent eine Veranstaltungsreihe zum Thema Logistik an der Technischen Universität (TU) Berlin, um die Firma bei den Studenten bekannt zu machen. Zugleich recherchiert die 4Flow-Personalabteilung bundesweit hochtalentierte Studenten und interessante Diplomarbeiten zum Thema Logistik.

Wie das praktisch aussehen kann, hat der Wirtschaftsingenieur Felix Delpy erfahren. Die Berliner Berater hatten im Absolventenbuch der Universität Karlruhe von seinen sehr guten Qualifikationen gelesen. Zum Ende seines Studiums bekam er dann von 4Flow einen Brief – mit dem Vorschlag, sich zu bewerben. Seit zwei Jahren arbeitet er nun als Berater bei 4Flow. Viele KMUs können sich eigene Personalabteilungen oder die Freistellung der Mitarbeiter für Vorlesungen aber nicht leisten. Darüber hinaus sind sie oft nicht in der Lage, die hohen Gehaltserwartungen der gefragten Talente zu erfüllen. Nach einer Kienbaum-Studie liegen die Einstiegsgehälter im Schnitt bei 47 500 Euro im Jahr. Das sind 7000 Euro mehr als durchschnittliche Hochschulabsolventen erhalten.

Doch viele Mittelständler suchen nach anderen Wegen, um die gefragten Akademiker zu gewinnen. Die Köpenicker Firma Micro Resist Technologies zum Beispiel, ein Chemieunternehmen mit 38 Mitarbeitern, holt sich junge Talente noch vor der Promotion in die Firma und spezialisiert sie nach dem eigenen Bedarf. So ist auch die 24-jährige Diplomchemikerin Andrea Bülow zu dem Unternehmen gekommen. Sie gehört zu den besten ihres Jahrgangs. Seit Oktober arbeitet sie im Labor der Chemiefirma an der Entwicklung neuer Produkte.

Sollte sie in der Forschungsabteilung ihren Doktor machen, hat sie gute Chancen in dem Unternehmen Karriere zu machen, sagt Geschäftsführerin Gaby Grützner. Micro Resist Technologies bietet talentierten Neueinsteigern bereits nach wenigen Jahren Positionen als Produktmanager oder Projektleiter an. Die Unternehmerin muss nicht befürchten, dass die neue Nachwuchskraft nach ihrer Spezialisierung zu einem Großkonzern wechselt. „Mir gefällt die familiäre Atmosphäre hier“, sagt Andrea Bülow. Die Chemie-Riesen, die sie während des Studiums kennengelernt hat, kamen ihr dagegen schrecklich groß und anonym vor.

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