Karriere : Die Grauzone

Die Wirtschaft entdeckt die Bedürfnisse der Senioren und entwickelt spezielle Angebote. Wer von dem Wachstumsmarkt profitieren will, muss seine Vorurteile beiseite legen

Judith Schallenberg

Für einen kurzen Moment könnte man glauben, dass in dem kleinen Seminarraum Altgriechisch gelehrt wird und mal wieder mehr Gasthörer gekommen sind als Studenten. Sebastian Glende ist mit Abstand der Jüngste, er ist 28, die Damen und Herren um ihn herum haben alle graue Haare und ein paar Falten im Gesicht. Aber die über 50-Jährigen üben nicht die Quellenarbeit, sie daddeln. Glende hat ein paar Nintendo-Geräte ausgeteilt und aufgebaut, und jetzt testen die Senioren „Dr. Kawashimas Gehirnjogging“, Golf- und Tennisspiele und die Hardware. Wie einfach lassen sich die Konsolen bedienen? Ist der Bildschirm groß genug? Und macht das Spielen Spaß?

Kinder und Teenager sind längst vertraut mit den Produkten der Spielehersteller. Ältere Menschen sind es nicht, aber ihre Zahl nimmt zu, und deswegen werden sie zunehmend interessant für die Branche. Und deshalb hat der Wirtschaftsingenieur Glende die „Senior Research Group“ heute in die Technische Universität (TU) Berlin eingeladen. Er promoviert am Institut für Arbeitswissenschaft und Produktergonomie und will aus der Spielerei wissenschaftliche Erkenntnisse ziehen. Das Thema seiner Arbeit – „Produktentwicklung unter Einbeziehung älterer Menschen“ – führt ihn mit Menschen zusammen, die seine Großeltern sein könnten. „Für mich war es absolut neu, da die richtige Mischung aus Respekt, sehr freundschaftlichem Umgang und effizientem Arbeiten zu finden“, sagt der junge Forscher. „Aber heute ist es oft, als ob Freunde zusammenkommen und dabei arbeiten.“

Glendes Interesse ist nur ein Beispiel dafür, dass die Wissenschaft und die Wirtschaft die Zielgruppe der Senioren für sich entdeckt haben. „Silver Economy“ nennen sie das, und die Zahlen, die Demografen, Wirtschaftsexperten und Trendforscher veröffentlichen, sind eindeutig: Bis 2050 wird die Zahl der Deutschen auf 70 Millionen sinken. Die Zahl der über 80-Jährigen wird sich mindestens verdreifachen. Schon 2030, so das Bundesforschungsministerium, werden in Deutschland voraussichtlich 28 Millionen Menschen 60 Jahre und älter sein, etwa jeder dritte Bundesbürger.

Das Potenzial erkannt hat auch Nicole Böwing. Die 34-jährige Sozialwissenschaftlerin hob zusammen mit einem Partner vor fünf Jahren „Seniorplace“ aus der Taufe. Die Berliner Firma ist inzwischen Deutschlands größter Beratungsservice für Wohnen und Pflege im Alter. 12 500 Plätze sind laut Webseite registriert, und Seniorplace kooperiert mit der Deutschen Angestellten-Krankenkasse. Die Idee kam Böwing nach einem Pflegefall in ihrer eigenen Familie. Bei der Suche nach einer geeigneten Unterkunft brachten Freunde aus New York sie darauf, eine Vermittlungsagentur für Pflegeplätze zu initiieren. In Amerika gab es das schon länger.

Auch in Deutschland hat der graue Markt rosige Aussichten. Michael Cirkel vom Gelsenkirchener Institut Arbeit und Technik (IAT) erwartet, dass schon bis 2020 die Zahl der Arbeitsplätze, die sich mit der Pflege oder mit Dienstleistungen und Produkten für ältere Menschen beschäftigen, um 800 000 wächst. Noch sei das aber eine grobe Annäherung, sagt der Sozialwissenschaftler. „Experten halten sich mit konkreten Zahlen zurück, und die Seniorenwirtschaft wird als Branche nicht erfasst.“ Trotzdem ist der Trend unübersehbar. Die Unterhaltungs- und Konsumgüterindustrie, die Autoindustrie, die Medizintechnik und die Baubranche wie Touristikunternehmen, Beratungen, Werbeagenturen und Medienunternehmen – sie alle bereiten ihr Geschäft auf den demografischen Wandel vor.

Vor allem den so genannten „Best Agern“ – den relativ fitten, meist gut situierten „jungen Alten“ – sind viele Unternehmen bereits dicht auf den Fersen. Schon heute stammt jeder dritte Euro, der in Deutschland privat ausgegeben wird, aus dem Portemonnaie eines Menschen über 60 Jahre.

Davon wollen Unternehmen profitieren, zum Beispiel im Tourismus. Die Veranstalter locken weniger mit Butterfahrten an die Nordsee als mit Wellness-Trips. „Gesundheit wird für diese Zielgruppe als Lifestyle inszeniert“, sagt Michael Cirkel vom IAT. „Das Event-Angebot umfasst dann auch mal etwas Bildung, Beratung und einen Kulturabend.“

Auch Autobauer führen seit langem Studien durch, die ältere Fahrer im Fokus haben. Dazu nutzen sie etwa Alterssimulationsanzüge, mit denen körperliche Einschränkungen erlebbar gemacht werden. Nur geschieht das meist verdeckt – ein als Seniorenauto vorgestelltes Fahrzeug könnte leicht durchfallen. „Längst werden aber die Einstiegshöhen oder die Öffnungsweiten der Wagentüren den Bedürfnissen älterer Autofahrer angepasst“, sagt Cirkel. Auch Gurtzuführer und Abstandssensoren zielten bereits auf die Bedürfnisse von Senioren ab.

Der Wohnungsmarkt wandelt sich ebenfalls. Der Fertighaushersteller Kampa bietet eine Linie ebenerdiger Bungalows für die Generation 50 plus an, vorhandene Wohnungen werden umgerüstet und von Barrieren befreit. Laut einer Umfrage des Berliner Instituts für Sozialforschung wünschen sich 53 Prozent der Befragten, im Alter mit technischer Unterstützung in der eigenen Wohnung bleiben zu können. Ein Trend sind daher „Smart Homes“: In Pilotprojekten wie „Sophia“, das steht für „Soziale Personenbetreuung – Hilfen im Alltag“, stehen die Teilnehmer über eine Notrufanlage, ein Sicherheitsarmband und über Bildkommunikation rund um die Uhr in Verbindung mit einer Servicezentrale. So kann, wenn nötig, rasch Hilfe gerufen werden.

Die Jobs in der Seniorenwirtschaft sind vielfältig. Einheitliche Ausbildungswege gibt es deshalb nicht. Gute Chancen haben Ingenieure, Produktdesigner, Marketing-Experten, Biowissenschaftler, Architekten, Tourismus- oder Gesundheitsspezialisten vor allem dann, wenn sie sich auf ihre Zielgruppe einlassen und sich von Klischees und überholten Vorstellungen lösen. „Die Nachkriegsgeneration hat ein radikal neues Bild vom Alter geschaffen“, sagt Oliver Gassmann, Innovationsforscher an der Universität St. Gallen und Autor des Buches „Wachstumsmarkt Alter“. Es gelte die Formel: „Jeder möchte alt werden, aber keiner möchte es sein.“

Ohne direkten Kontakt zur Generation Ü-50 sei es für junge Produktentwickler meist sehr schwierig, sich in ältere Nutzer hineinzuversetzen, sagt Wissenschaftler Glende. „Von den veröffentlichten Erfindungen und Innovationen sind nur zehn Prozent am Markt erfolgreich, weil sie nicht nutzerorientiert sind.“ Wer die Arbeit mit Senioren kennen gelernt hat, mag sie nicht mehr missen, so der TU-Forscher. „Die sind offen, begeisterungsfähig, hatten oft sehr wichtige berufliche Positionen im Berufsleben und sind in vielen Dingen viel erfahrener als ich“, sagt er.

Für sein eigenes Leben im Jahr 2060, wenn Glende 80 wird, hat er übrigens schon sehr genaue Vorstellungen. Er glaubt, dass er dann stets ein flaches, unauffälliges Armband trägt. „Das kann ich bei Bedarf zu einem Touchscreen umfunktionieren.“ Dieses wecke ihn nicht nur mit einem Lieblingssong, es weise ihn anschließend darauf hin, was er heute erledigen sollte. Je nach Wetter und Gesundheitszustand, den eine körpernahe, fast unsichtbare Sensorik erfasst und mit den Hinweisen abgleicht, die der Arzt in einer mit dem Gerät vernetzten Gesundheitsakte eingetragen hat, sucht es eine passende sportliche Aktivität heraus. Und es empfiehlt die richtigen Medikamente. „Meine eigene Mixtur steckt in nur einer einzigen Pille, die mir ein kleines Gerät zu Hause herstellt.“ Dann geht es raus. Und weil er ungern allein Rad fährt, sucht der PDA am Arm auf Wunsch nach Senioren in der Umgebung, denen es genauso geht.

Schöne neue Welt. Klar, dass Glende bei diesen Aussichten keine Angst vor dem Alter hat. Selbst wenn er und seine Forscherkollegen bis dahin noch viel Arbeit vor sich haben.

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