E-Learning : Das virtuelle Klassenzimmer

Elektronisches Lernen ist eines der Top-Themen auf der Computermesse Cebit in Hannover. Wie die Online-Kurse funktionieren – und wo die Grenzen des E-Learnings liegen.

Philipp Eins

Egal, ob sie gerade im Büro, zu Hause oder im Urlaub ist: Zu ihrem Seminarraum braucht Heike Luczak maximal drei Minuten. Sie fährt den Computer hoch, startet das Internetprogramm – und wenn die Verbindung steht, kann der Unterricht beginnen. Luczak, technische Assistentin am Berliner Lette-Verein, bereitet sich auf die Prüfung zur Medienfachwirtin in einem „virtuellen Klassenzimmer“ vor. Dort verabreden sich Teilnehmer aus München, Hamburg, Berlin und anderen Städten mit ihrem Dozenten zu einer festen Zeit, um sich zu Themen wie betrieblichem Rechnungswesen oder Typographie auszutauschen.

Die Lerner kommunizieren per Headset, also einer Kombination aus Kopfhörer und Mikrofon. Wer es nicht rechtzeitig zum Unterricht schafft, kann auch schriftliche Fragen in Fachforen hinterlassen, die regelmäßig von Dozenten und anderen Teilnehmern gelesen werden. „Mit der Mischung aus Studienbriefen und Online-Seminaren bin ich sehr flexibel, kann am Wochenende lernen – und sogar in der Mittagspause“, sagt Luczak.

Die zeitliche und räumliche Flexibilität beim E-Learning – also dem Lernen übers Internet – ist in der beruflichen Weiterbildung zunehmend gefragt. Auf der Computermesse Cebit, die kommende Woche in Hannover stattfindet, ist E-Learning sogar eines der drei Top-Themen. „Die Informationsgesellschaft befindet sich im digitalen Wandel, und genau das wollen wir auf der Cebit zeigen“, sagt Messe-Vorstand Ernst Raue. Doch die virtuelle Welt hat ihre Grenzen.

OHNE TREFFEN GEHT ES NICHT

So sind sich viele Fachleute in einem Punkt einig: Virtuelle Klassenzimmer und Online-Foren werden Präsenzphasen nicht komplett ersetzen. „Gerade zu Beginn einer Fortbildung ist es wichtig, dass die Teilnehmer sich persönlich treffen, einen Teamgeist bilden“, sagt Michael Härtel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb). „Ein gutes E-Learning-Angebot verbindet daher computergestütztes Lernen mit Workshops.“

Die Telelearn-Akademie (TLA) in Hamburg, bei der Heike Luczak eine 18-monatige Fortbildung zur Medienfachwirtin absolviert, funktioniert nach diesem Prinzip. Neben Online-Studienbriefen und Internet-Seminaren stehen sieben Termine wahlweise in Hamburg oder Stuttgart auf dem Programm. Manche Workshops dauern ein Wochenende, andere eine ganze Woche. „Blended Learning“ nennen Fachleute die bei vielen Anbietern gängige Kombination aus Präsenz- und Fernlernen.

„Während des ersten Treffens sollen die Teilnehmer nicht gleich loslernen, sondern erst einmal miteinander in Kontakt kommen“, sagt TLA-Kursbetreuer Torsten Parzella. In den darauf folgenden Workshops würden knifflige Fachthemen wie zum Beispiel Kostenrechnungen in der Betriebswirtschaft besprochen oder Power-Point Präsentationen erarbeitet. „Wer trainieren will, ein gutes Referat zu halten, muss vor einem Publikum stehen“, sagt Parzella. „Das kann man nicht am Computer üben.“

VOR- UND NACHTEILE DES E-LEARNINGS

Grundsätzlich gilt: Soziale Kompetenzen wie Kommunikations- und Präsentationstechniken lassen sich in der virtuellen Welt nicht erlernen. „Auch die Reanimation eines Unfallopfers wird man nicht über das Internet trainieren können“, scherzt Lutz Michel, Leiter des MMB Instituts für Medien- und Kompetenzforschung. Gute Dienste leiste computergestütztes Lernen dagegen, wenn es um reine Wissensvermittlung gehe. Insbesondere Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre und technische Kurse würden laut Bibb-Forscher Michael Härtel immer öfter per E-Learning angeboten und seien eine gute Alternative zu Präsenzseminaren.

„Komplexe Inhalte kann man am Computer sehr gut visualisieren“, erklärt Härtel. Diagramme, Animationen und Videos können sich die Nutzer per Mausklick auf den Computerbildschirm holen und im virtuellen Klassenzimmer besprechen. Diesen Vorteil des E-Learnings würden zum Beispiel Handwerksbetriebe, Architekten und Planer nutzen. „Hersteller von Sanitär- und Heizungsbedarf stellen ihnen immer öfter E-Learning-Plattformen zur Verfügen, mit denen sich ihre Kunden beispielsweise zum Thema Wärmedämmung weiterbilden können“, erklärt Härtel.

Bei Arbeitgebern, die E-Learning zur firmeninternen Weiterbildung nutzen, spielt häufig noch ein weiteres Argument eine wichtige Rolle: der Preis. „Wenn sich Mitarbeiter zur Schulung im Internet treffen, fallen für den Betrieb keine teuren Fahrt- und Hotelkosten an“, sagt Medienforscher Lutz P. Michel. In diesem Zusammenhang werde auch vom „green Learning“ gesprochen. Mitarbeiter bilden sich fort, ohne einen Tropfen Benzin zu verbrauchen – und das schont auch die Umwelt.



WAS MAN BRAUCHT

Wer einen Computer hat, kann meist sofort mit dem elektronischen Lernen beginnen. Technische Voraussetzungen sind in der Regel das Betriebssystem Windows, in vielen Fällen wird aber auch das System Mac OS unterstützt. Unentbehrlich ist außerdem ein Internet-Browser, der auf neueren Rechnern bereits vorinstalliert ist. Um Power-Point Präsentationen oder Dokumente im PDF-Format zu lesen, können weitere Softwareinstallationen nötig sein. Programme zum Betrachten von Dokumenten unterschiedlicher Dateiformate gibt es kostenlos im Internet. Auch eine Software, mit der sich ein virtuelles Klassenzimmer betreiben lässt, ist inzwischen gratis über das weltweite Datennetz erhältlich.

ZEITMANAGEMENT IST WICHTIG

Die technische Hürde lässt sich also leicht überwinden. Der innere Schweinehund dagegen nicht. Wer einen Online-Kurs im stillen Kämmerlein absolviert, muss in Zeitmanagement und Selbstmotivation fit sein. Heike Luczak hat das zu spüren bekommen. Einige Kollegen, die sie zur Einführungswoche in Hamburg kennen lernte, haben inzwischen die Fortbildung geschmissen. Arbeit, Familie und E-Learning – das bekamen viele nicht unter einen Hut. Luczak dagegen hielt durch. „Da ich selbst keine Kinder habe, klappte es mit dem Lernen am Computer recht gut“, sagt sie. Nun hat sie es fast geschafft, im März ist ihre letzte mündliche Prüfung. Vor echten Prüfern, im wirklichen Leben.

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