E-Learning : Schönes neues Internet

Ein neuer Trend zeichnet sich am Horizont des World Wide Web ab. Wissen wird zukünftig häppchenweise in knowledge pills und Mini-Lerneinheiten vermittelt.

Silke Zorn

Weiterbildung gibt’s jetzt auf Rezept – jedenfalls mit den Knowledge Pills, die das Mainzer Unternehmen Balog entwickelt hat: Kleine „Wissenspillen“ in Form von 15-minütigen Online-Kursen, die innerhalb kürzester Zeit in die verschiedensten Themen einführen. Jede dieser Mini-Lerneinheiten ist mit einem Glossar und einem abschließenden Quiz versehen; es gibt sie in Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch. „Wir haben einen Standardkatalog mit rund 200 Titeln im Angebot – von Soft Skills über entspanntes Arbeiten am Computer bis zum Geschäftemachen in China“, sagt Balog-Geschäftsführerin Sylvie Rumler. Unternehmen können aber auch speziell auf ihre Firma zugeschnittene Inhalte anfertigen lassen – oder mit Hilfe eines Autorensystems selbst erstellen.

Über diese und viele andere Neuheiten rund um das Lernen im 21. Jahrhundert informiert kommende Woche wieder einmal die Learntec. Die internationale Messe für Bildungs- und Informationstechnologie findet in Karlsruhe statt und steht in diesem Jahr unter dem Motto „Lernen 2.0 – Wege in die Zukunft“.

„Viele herkömmliche E–Learningkurse sind einfach zu lang“, erklärt Sylvie Rumler die Idee, die hinter den Knowledge Pills steckt. „Oft fehlt im Arbeitsalltag die Zeit, sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen.“ Die „Pillen“ dagegen servieren interessantes Wissen häppchenweise für zwischendurch. Firmen können sie entweder in ihrem Intranet oder auf einer Lernplattform installieren oder per E-Mail-Einladung zielgerichtet an einzelne Mitarbeiter verschicken – und gleichzeitig kontrollieren, ob sie auch tatsächlich eingenommen werden.

Auch an der Volkshochschule Goslar hält die Zukunft Einzug: Ein futuristischer blauer Glasbau mit hohem Säulenportal, umgeben von einem Garten mit Bäumen und einer kleiner Terrasse: Das ist die VHS. Am Infotreff empfängt Lexa Merlin, eine attraktive Dame im dunklen Kostüm alle Neuankömmlinge und informiert über Öffnungszeiten, Seminartermine und Teleports. Teleports? Nein, wir schreiben noch nicht das Jahr 2500. Und doch kann man sich ganz einfach per Mausklick in die VHS Goslar teleportieren, um an Sprach-, Koch- oder Geschichtskursen teilzunehmen. Denn der niedersächsische Bildungsträger hat seit März 2007 eine Niederlassung in der virtuellen 3-D-Welt Second Life.

„Bei uns gibt es die verschiedensten Kurse: von Kochen über Fremdsprachen bis zum ,Antikentalk Ägypten‘ “, sagt Lexa Merlin, die im echten Leben Christine Fischer heißt und die Idee zu dem ungewöhnlichen Projekt hatte. Hinzu kommen Second-Life-Themen wie das Erstellen eines Avatars, also eines virtuellen Stellvertreters, oder das Bauen von Gebäuden. „Das besondere an unserem Angebot ist aber gerade, dass die Themen weit über Second Life hinausgehen“, sagt Fischer. So kann man demnächst sogar des theoretischen Teil des „Sportbootführerscheins See“ in der virtuellen VHS ablegen – um dann später ganz real bei den kooperierenden Bootsschulen in See zu stechen. Dieser Lehrgang muss aber ausnahmsweise in harten Euro bezahlt werden. Die meisten anderen Angebote kosten nur einige symbolische Linden Dollar, das offizielle Zahlungsmittel in Second Life.

Zwischen 70 und 80 Avatare bevölkern jeden Tag die Seminarräume mit so klangvollen Namen wie „Panorama“, „Wiese“ oder „Wolke 7“. Alle Kurse finden auf Deutsch statt; teilnehmen kann man ganz einfach via Headset – von jedem beliebigen Ort aus. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer liegt dabei zwischen 35 und 55. „Ganz junge Leute sind selten“, sagt Christine Fischer. „Denn die brauchen online meist ein Ziel: Welche Mission soll ich erfüllen? Welchen Drachen töten?“. Bei Second Life sei jeder selbst dafür verantwortlich, was er mit seiner Zeit anfange. Eben (fast) wie im richtigen Leben.

Über das gängige Vorurteil, E-Learning sei nichts für ältere Menschen, ärgert sich auch Peter Georgieff vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Im Auftrag des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) beschäftigte er sich mit zielgruppenorientiertem E-Learning für Kinder und ältere Menschen. Sein Fazit: Computer und Internet haben gerade für Ältere viele Vorteile. „So kommen die Lerninhalte zum Lernenden und nicht umgekehrt. Außerdem kann man Lerntempo und -rhythmus sehr gut selbst bestimmen“, nennt Georgieff zwei Beispiele. Hinzu komme, dass virtuelle Lerngemeinschaften auch weniger mobilen Menschen Kontakte und Austausch mit anderen ermöglichten. „Außerdem gibt es – wie in jeder Altersgruppe – ältere Menschen, die mit PC und Internet nichts anfangen können, aber genauso auch sehr technikaffine und bildungsinteressierte Senioren, die mit großer Neugier und Begeisterung an die Sache herangehen“, so der Wissenschaftler. Entsprechende Lernangebote seien in Deutschland allerdings bisher kaum zu finden. „Die meisten haben eher Modell- oder Experimentiercharakter“, bedauert Georgieff.

Wie lässt sich das neue, interaktive Internet sinnvoll zum Lernen nutzen? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm der diesjährigen Learntec. Ingo Blees vom Informationszentrum Bildung am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) hat es ausprobiert. An der Fachhochschule Darmstadt testete er gemeinsam mit seinem Chef Marc Rittberger ein Semester lang das Lernen mit Social Software. So nennt man Web-Anwendungen, die der menschlichen Kommunikation, Interaktion und Kooperation dienen. Wikis – also Webseiten, die von den Benutzern nicht nur gelesen, sondern auch direkt online bearbeitet werden können – kamen in dem Seminar ebenso zum Einsatz wie die als Weblogs bekannten Online-Journale, in denen ein oder mehrere Autoren Texte und Meinungen zu bestimmten Themen veröffentlichen. Außerdem wurde mit so genannten Social Bookmarks gearbeitet – einer Art virtueller Lesezeichen, mit denen man Webressourcen aller Art wie E-Journals, Fachliteratur, Podcasts oder Videos katalogisieren kann. „So lässt sich schnell und einfach eine umfangreiche Wissenssammlung aufbauen, die für alle Lernenden zugänglich ist“, sagt Ingo Blees.

Er kann sich gut vorstellen, dass derartige Lernumgebungen nicht nur an Hochschulen, sondern zum Beispiel auch im Rahmen von Weiterbildungskursen oder bei der unternehmensinternen Fortbildung eingesetzt werden. „Ein großer Vorteil ist, dass man keine zusätzliche, komplexe Lernsoftware braucht, sondern im Grunde nur internetfähige Rechner“, so der Web 2.0-Experte. Allerdings müssten die Teilnehmer schon gewisse Vorkenntnisse im Umgang mit den eingesetzten Technologien mitbringen.

Eine Berufsgruppe, sie seit 2004 sogar gesetzlich zum lebenslangen Lernen verpflichtet ist, sind die Ärzte. CME, continuing medical education, nennt sich die von der Bundesärztekammer vorgeschriebene zertifizierte Fortbildung, bei der innerhalb von fünf Jahren 250 Fortbildungspunkte gesammelt werden müssen. Und my-cme.de ist auch der Name einer Online-Lernplattform für den Gesundheitssektor, die auf der Learntec vorgestellt wird.

„Lerneinheiten für Ärzte, Apotheker, pharmazeutisch-technische und medizinische Fachangestellte sind bereits seit April 2005 im Netz“, sagt Steffen Wolf, Geschäftsführer der Health & Media GmbH, dem Initiator der Plattform. „2008 sollen auch Module für Zahnärzte und Pflegeberufe hinzu kommen.“ Für letztere ist Weiterbildung bisher zwar noch freiwillig, doch „über kurz oder lang wird es auch in anderen Gesundheitsberufen eine Fortbildungspflicht geben“, ist sich Steffen Wolf sicher.

Die Kurse von my-cme.de können kostenlos besucht werden. Sämtliche Module für Mediziner sind von den Ärztekammern als Fortbildung anerkannt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben