Karriere : Einmal Asien und zurück

In China, Indien, Korea und Singapur fehlen Fachkräfte. Deutsche Absolventen haben beste Chancen

Astrid Oldekop

Jörg Mathäus kennt jeden Winkel des Marmor glänzenden Foyers der Bank of China in Schanghai. Denn mit deutscher Hartnäckigkeit und asiatischer Gelassenheit fragte er nach einem Praktikum im fünftgrößten börsennotierten Unternehmen Chinas: zunächst den Portier, dann viele weitere Mitarbeiter. Als er nach sieben Tagen endlich den richtigen Ansprechpartner fand, konnte er sofort beginnen. Sechs Monate lang arbeitete er ohne Bezahlung, erst bei der chinesischen Großbank, dann bei der staatlichen Aktienaufsicht in Peking. Er nahm an Konferenzen teil und kickte in der Betriebssport-Mannschaft. Es war eine Investition in seine Zukunft, wie der Chinesisch sprechende Deutsche sagt. „Ich habe viel mehr gelernt als bei einem Praktikum in einer deutschen Niederlassung.“ Heute profitiert der 30-Jährige von seinem Netzwerk. Er weiß, wie chinesische Unternehmen ticken und arbeitet für die China-Beratung Think Desk.

Mathäus war einer der vielen Hundert deutschen Praktikanten in Schanghai und dennoch eine Ausnahme: „Es ist fast schon normal unter jüngeren BWLern, für ein Praktikum nach Schanghai zu gehen“, sagt Catarina Wasmer, Geschäftsführerin der Praktikantenvermittlung Kopra. 45 Prozent der jährlich 700 Kopra-Praktikanten gehen nach China, Tendenz steigend. Während viele asiatische Länder keine Praktikantenkultur kennen, haben die am Wissenstransfer interessierten Chinesen schon längst den Weg für das Arbeiten auf Zeit frei gemacht.

Viele Deutsche kratzen während ihres Praktikums allerdings lediglich an der kulturellen Oberfläche, machen Party im coolen Schanghai und bleiben in deutscher Umgebung. Leute mit solidem Fachwissen, die sich wie Mathäus die Mühe machen, die schwierige Sprache zu lernen und ein chinesisches Unternehmen von innen zu erleben, sind noch immer rar.

Aber genau diese Leute werden in ganz Asien gesucht. Denn überall fehlen Nachwuchskräfte. Beste Chancen also für deutsche Absolventen – wenn sie bereit sind, eine gewisse Zeit von den deutschen Sicherheits- und hohen Gehaltsvorstellungen Abschied zu nehmen. Auf dem Jobmarkt in Asien konkurrieren sie mit Wettbewerbern aus der ganzen Welt.

Die Jobwelt für Ausländer in Asien ändert sich rasant. Zwar rechnet laut Managementberatung Hewitt Associates mehr als die Hälfte der internationalen Unternehmen in China damit, dass die Zahl ihrer internationalen Mitarbeiter steigt. Gleichzeitig aber sinkt der Anteil der herkömmlich Entsandten mit dicken Vergütungsverträgen. An ihre Stelle treten jüngere, hoch qualifizierte Mitarbeiter mit lokalen Verträgen. 41 Prozent der Expats sind so bereits angestellt, es ist die größte Gruppe unter den Ausländern in China. Konsequent ist ThyssenKrupp: Dort gibt es nur noch lokale Verträge.

Allein in China, wo die Wirtschaft seit fünf Jahren jährlich um mehr als zehn Prozent wächst, werden zu den existierenden 150 000 Jobs für Ausländer bis 2010 noch einmal 150 000 hinzukommen, prophezeit Markus Taube, Professor am Ostasieninstitut der Uni DuisburgEssen. Unternehmen verlegen ihre regionalen Zentralen und die Forschung nach China. Nur wenige der jährlich 20 Millionen chinesischen Absolventen sind fit für diesen internationalen Arbeitsmarkt. Noch wissen die Unternehmen nicht so recht, wie sie mit den neuen Expats umgehen sollen, und die Verträge unterscheiden sich erheblich. Klar ist jedoch: „Die Zeiten, in denen man nach China ging, um während des Aufenthalts auf ein Haus in Deutschland zu sparen, sind vorbei“, sagt Markus Taube. Ebenso gilt: „Ein wirklich lokales Gehalt würde niemand akzeptieren“, sagt Hewitt-Experte Marco Reiners.

Dass ein Asien-Aufenthalt karrierefördernd sein kann, zeigt der Blick in die Dax-30-Vorstände: Allianz-Chef Michael Diekmann war in Singapur. BASF-Vorstand Jürgen Hambrecht verbrachte fünf Jahre in Hongkong. BCG-Chef Hans-Paul Bürkner hat neben BWL auch Sinologie studiert. Bernd Reckmann von Merck arbeitete in Seoul, Siemens-Chef Peter Löscher war in Japan und Hongkong.

Martin Hintz steht noch am Anfang. Der 31-Jährige hat in Passau Südostasienkunde studiert. Als Allianz-Praktikant kam er 2004 mit seiner Frau nach Indonesien, nach zwölf Monaten erhielt er einen lokalen Vertrag. Hintz: „Ich habe mir keine Illusionen gemacht. Einen direkten Expat-Vertrag nach dem Studium gibt es nicht.“ Doch der Job in Jakarta war es wert: Hintz koordiniert Vertrieb und Service für 50 000 Mikroversicherungskunden. Die Erfahrungen wird er auswerten, wenn er im Sommer zur Promotion nach Deutschland zurückkehrt.

Selbst im klassischen Expat-Land Indien gerät die Welt der Entsandten in Bewegung. Der Arbeitsmarkt hinkt fünf Jahre hinter dem Chinas her. Doch die Ankündigungen großer Unternehmen lesen sich ebenso spektakulär. IBM will bis 2010 in Indien 50 000 neue Leute einstellen, Cisco Systems will zum selben Zeitpunkt ein Fünftel seiner Führungskräfte im Land beschäftigen. Auch der weltweit größten Demokratie fehlen Manager, nirgendwo sonst steigen die Gehälter für Spitzenleute derart rasant.

„Der indische Arbeitsmarkt mit seiner Geschäftssprache Englisch ist eine Alternative für deutsche Berufseinsteiger, die Auslandserfahrung sammeln möchten, flexibel und mit einem lokalen Gehalt einverstanden sind“, berichtet Anja Falk. Die lokale Mitarbeiterin der Deutsch-Indischen Handelskammer in Delhi hat beobachtet, dass die Zahl derjenigen, die auf eigene Faust nach Indien kommen, steigt.

Ganz anders ist die Situation in Japan. Jede dritte deutsche Tochtergesellschaft hat die Zahl ihrer Expats in den letzten Jahren sogar reduziert. „China ist ein Trendthema, da rennen alle hin“, sagt Marcus Schürmann, DIHK-Delegierter in Tokio. Japan könne man nicht halbherzig machen. Es gehe nicht ohne die Sprache. Zudem sei es schwierig, als Praktikant ein Visum zu bekommen. Japanische Firmen kennen keine Praktikanten. Wer dann erst mal da ist, braucht zwei Jahre, bis er versteht, wie Japan tickt. Fast die Hälfte der Expats ist schon zehn Jahre da. „Bis man mit Japan wirklich warm wird, braucht es lange.“

Auch Südkorea gilt als schwieriges Land mit fremder Mentalität, schwerer Sprache und ohne Praktikantenkultur. In Asien ist das technologie-besessene Land Trendsetter, in Deutschland wird es meist übersehen. Dennoch hat Jürgen Wöhler, AHK-Chef in Seoul denselben Trend beobachtet: Die Zahl der üblichen Expats geht zurück. „Es kommen zunehmend junge Leute, die sich zu lokalen Bedingungen Jobs suchen“, sagt er. „Sie werden angelockt durch das höhere Umsetzungs- und Informationstempo.“

Viel einladender wirkt Singapur. Weil auch der Stadtstaat zu wenig Fachkräfte hat, lockt er mit einem Jahresvisum, mit dem sich Absolventen ein Jahr lang Arbeit suchen können. Von Singapur aus erschließen Konzerne den asiatischen Markt. Wer hier einen Job sucht, muss gegen Leute aus ganz Asien antreten. „Man schaut hier mehr auf Qualifikation, weniger auf den Pass“, sagt Tim Philippi von der Deutsch-Singapurischen Industrie- und Handelskammer. Seit 2004 ist die Zahl der Deutschen um 1500 auf 6000 gestiegen. Viele kommen als Expat und lassen sich dann lokalisieren. Beste Voraussetzungen haben, laut Philippi, Absolventen mit solidem Fachwissen aus den Branchen Banken, Finanzen, IT, Biotech, digitale Medien und Ingenieure. Doch selbst Singapur, eine Stadt mit hoher Lebensqualität, hat Schattenseiten: Leben und Wohnen sind teuer.

Mythos, Mode, Abenteuer – eins steht fest: Im schnellen Tempo Asiens darf man nicht zu lange auf einer lokalen Position verharren. Wer den Absprung verpasst, dem droht ein unsanftes Erwachen.

Wer in Asien nicht in einer Sackgasse enden will, muss strategisch planen. Einsteigen lässt sich mit einem Praktikum oder einem befristeten lokalen Job. Dabei kann man Kultur und Sprache kennenlernen. Möglichkeiten bieten vor allem DAAD und Inwent. Wer danach einen längerfristigen Aufenthalt anstrebt, muss erst mal zurück nach Deutschland, um Berufserfahrung zu sammeln und ein Netz aufzubauen. Erst dann kommt der große Schritt in eine verantwortliche Position in Fernost. Dies kann der Weg in die Selbstständigkeit sein – aber auch die Entsendung als Expat, mit gutem lokalen oder internationalem Vertrag.

Kerstin Schrinner hat es so gemacht. Sie verantwortet beim Chemieriesen Ciba in Schanghai das New Business Development einer Sparte. Nach dem zweijährigen DAAD-Programm „Sprache und Praxis“ in China kehrte die 38-Jährige nach Europa zurück, weil es in China schwer war, sofort und ohne Berufserfahrung eine Anstellung zu finden. Beim Vorstellungsgespräch in der Schweiz erzählte sie dann von ihren Asien-Plänen, und zwei Jahre später schickte Ciba sie nach Fernost. Für Schrinner steht fest: „Der beste Weg nach Asien ist noch immer der, in Europa anzufangen und ein Netzwerk aufzubauen.“Astrid Oldekop

Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

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