Karriere : Einmal Japan und zurück

Auch für Berufstätige können Praktika Sinn machen – besonders im Ausland. Wenn sie zurückkommen, sprechen sie eine fremde Sprache und haben neue Erfahrungen gesammelt. Arbeitgeber wissen dieses Plus zu schätzen

Maria Marquart

Als Björn Peters die Mittlere Reife in der Tasche hatte, reichte ihm das nicht. Am Abendgymnasium holte er sein Fachabitur nach und machte eine Ausbildung zum Finanzwirt. Als Finanzbeamter hatte er einen sicheren Job. „Aber ich wusste damals: Das war’s noch nicht“, sagt der 25-Jährige. Ihn zog es in die Ferne. Im August letzten Jahres war es schließlich so weit. Peters startete für ein einjähriges Praktikum in die USA.

„Jeder kann ins Ausland gehen, und jeder sollte ins Ausland gehen“, meint Martina Keppeler von Inwent. Die gemeinnützige Organisation hat sich auf weltweite Personalentwicklung und Weiterbildung spezialisiert und organisiert auch Auslandsaufenthalte für Deutsche. Die Aufträge dafür erhält Inwent zum Beispiel von Bundesministerien, internationalen Organisationen oder Stiftungen. Insgesamt 55 000 Menschen nutzten die Angebote im vergangenen Jahr. Davon vermittelte Inwent etwa 11 000 deutsche Azubis, Studenten und junge Berufstätige über verschiedene Projekte ins Ausland. Etwa 900 Teilnehmer zog es in die USA.

Eines dieser Projekte ist das Parlamentarische Patenschafts-Programm des US-Kongresses und des Deutschen Bundestages. Björn Peters ergatterte nach einem Bewerbungsmarathon einen der Plätze und reiste mit einem Vollstipendium nach Phoenix in Arizona. Zugleich zog er ein weiteres großes Los. Denn für jeden Teilnehmer übernimmt ein Bundestagsmitglied die Patenschaft. Bei Björn Peters war es Angela Merkel.

Am College in Arizona belegte er Kurse, die seinem Beruf Finanzwirt nah kamen und arbeitete in der College-Verwaltung mit. Wohnen konnte er bei einer Professorin. Das „Highlight schlechthin“ in den USA war für Björn Peters ein sechswöchiges Praktikum im amerikanischen Kongress. Knapp ein Jahr musste der Finanzwirt sich für seinen USA-Aufenthalt freischaufeln. Sein Chef habe ihn voll unterstützt und ihn beurlaubt, erzählt er. „Ich hatte großes Glück.“ Als er zurückkam, konnte er in seiner alten Stelle weiterarbeiten. Bei anderen Teilnehmern, erzählt Peters, sei das anders gewesen. Die seien vor die Entscheidung USA oder Job gestellt worden.

Einige Firmen lassen von Inwent inzwischen Auslandsprogramme für ihre Azubis organisieren, erzählt Martina Keppeler. Für die meisten der Programme müssten die Teilnehmer aber selbst eine Auszeit von Beruf und Studium organisieren. Dies funktioniere auch, meint Keppeler: „Immer mehr Firmen sehen, dass Mitarbeiter, die sich im Ausland qualifizieren, sehr wertvolle Mitarbeiter sind.“ Unternehmen bieten ihren Leuten durchaus Möglichkeiten, sich eine Auszeit zu nehmen. Bei Siemens etwa können Arbeitnehmer ein 48 Monate dauerndes so genanntes Sabbatical nehmen. Über diesen Zeitraum verteilt arbeiten sie Teilzeit und haben einen Freizeit-Block von insgesamt zwölf Monaten, den sie frei verplanen können. Das Teilzeitgehalt wird währenddessen weiter gezahlt wird.

Bei Inwent sind nicht alle Projekte mit Vollstipendien verbunden, sagt Martina Keppeler. Mit Zuschüssen könnte man aber meist rechnen. Für einige Programme gebe es darüber hinaus eine Altersgrenze.

Verena Störig wagte den Sprung ins kalte Wasser und kündigte ihren Arbeitsplatz, um sich den Traum vom Auslandsaufenthalt zu erfüllen. Die 29-jährige Goldschmiedin nutzte das EU-Handwerker-Stipendium „Sesam“ und ging neun Monate nach Kopenhagen. Dort musste sie sich selbst einen Praktikumsplatz bei einem Goldschmied suchen, ein Sprachkurs wurde mit 500 Euro gefördert. Mit einem kleinen Gehalt und einem monatlichen Stipendium von etwa 600 Euro kam sie über die Runden. „Ich bin total froh, dass ich das gemacht habe“, sagt sie. „Es gibt auch durchaus Selbstvertrauen, wenn dann alles geklappt hat.“ Zudem lernte sie in Dänemark neue Arbeitstechniken und eine andere Arbeitswelt kennen. „Es gibt dort nicht so viele Hierarchien“, erzählt sie. „Alle duzen sich.“ Zurück in Deutschland begann sie ihre Meisterausbildung. Danach, sagt Störig, könnte sie sich vorstellen, wieder in Dänemark zu arbeiten.

Auch für Menschen, die auf der Suche nach Arbeit sind, kann ein Auslandsaufenthalt eine Chance sein. Im Rahmen des EU-Programms „Leonardo da Vinci“ können Arbeitslose jeden Alters mit abgeschlossener Berufsausbildung im kaufmännischen oder handwerklichen Bereich in einem Betrieb im europäischen Ausland arbeiten. Das Programm sei sehr erfolgreich, sagt Sabine Seidler von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV). Etwa 90 Prozent der Teilnehmer würden aufgrund erlernter Zusatzqualifikationen, wie etwa Sprachen, danach Arbeit finden.

Das Bewusstsein für Auslandsausbildung sei auch bei Handwerkern geschärft worden, sagt Martina Keppeler von Inwent. Eva Brinkforth legte während ihrer Meisterausbildung eine einmonatige Pause ein, um nach Japan zu gehen. In Tokio machte die Malerin und Lackiererin ein Praktikum in einer Werkstatt für Urushi- Lack, einer traditionellen japanischen Lack-Technik. „Die Mitarbeiter haben mir durch Zeichnungen und mit Händen und Füßen die Dinge erklärt“, erzählt die 23-Jährige. Auch kleine Sprachcomputer seien zum Einsatz gekommen. Ihre Erfahrungen mit der Urushi-Technik helfen ihr vielleicht bei der geplanten zusätzlichen Ausbildung zur Restauratorin weiter, hofft Brinkforth. Zudem habe sie Einblick in die japanische Kultur bekommen. Zu ihrem Stipendium des Studienwerks für Deutsch- Japanischen Kulturaustausch gehörten auch eine zweiwöchige Japan-Rundreise und Kulturseminare. Für die Meisterschülerin war ihr Stipendium vielleicht nur der Anfang. Sie überlegt, für ein ganzes Jahr nach Japan zu gehen.

Einen Perspektivwechsel bietet auch das so genannte ASA (Arbeits- und Studienaufenthalte)-Programm, das von Inwent mitorganisiert wird. Leute unter 30 Jahren mit abgeschlossener Berufsausbildung und Studenten werden an Partnerorganisationen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Südosteuropa vermittelt und arbeiten dort für einige Monate an konkreten Projekten, wie Bildungsprogrammen für Frauen oder Umweltschutzprogrammen mit. Dabei gibt es praxisnahe oder auch forschungsbezogene Projekte. Die Reisekosten werden finanziert und für die Dauer des Aufenthalts gibt es ein Stipendium.

Björn Peters bereut es nicht, für ein Jahr nach Amerika gegangen zu sein. „Auslandserfahrungen gehören inzwischen zum guten Ton“, meint er. Am Ende seines Stipendiums hatte er sogar noch vier Wochen Zeit, durch Amerika zu reisen. Von neuen Erfahrungen hat er immer noch nicht genug. Inzwischen hat der Finanzwirt ein Fernstudium Politik und Organisation aufgenommen. Sein Praktikum im Kongress habe ihm richtig Lust auf das Studium gemacht, sagt Peters. „Es war ein Augenöffner für die Möglichkeiten, die man hat“, zieht er über seinen Amerika-Aufenthalt Bilanz. Zudem sei es eine Horizonterweiterung gewesen: Stereotypen, die er über Amerikaner hatte, seien widerlegt worden.

Auch ganz privat hat Björn Peters’ USA-Stipendium Spuren hinterlassen: Er hat in den Staaten seine Freundin kennengelernt. Und dann kommt da noch die Beziehung zur mächtigsten Frau Deutschlands hinzu: Im Frühjahr wird Peters wohl seine Patin Angela Merkel treffen.

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