Erwachsenenbildung : Nachsitzen für den Schulabschluss

Wer kein Abitur gemacht hat, kann die Reifeprüfung nachholen – auch neben dem Beruf. Vor allem Jüngeren nützt der Abschluss

Selina Byfield

Als Paul B. in der elften Klasse sitzenbleiben sollte, brach er die Schule ab. „Ich fand die Lehrer doof und wollte lieber etwas von der Welt sehen“, erzählt der 31-Jährige heute. Der Start ins Berufsleben gelang ihm auch ohne Abitur: Nach dem Zivildienst in einem Projekt für schwer erziehbare Jugendliche in Südfrankreich wurde er als Betreuer übernommen. Zwischendurch jobbte er in der Baufirma eines Freundes. Doch knapp zehn Jahre nach seiner letzten Schulstunde wollte Paul B. es noch einmal wissen: Er kehrte auf die Schulbank zurück. Dreieinhalb Jahre lang büffelte er täglich zwischen 18 bis 22 Uhr an der staatlichen Peter-A.-Silbermann-Schule in Wilmersdorf fürs Abitur – phasenweise nach achtstündigen Arbeitstagen auf der Großbaustelle.

So wie Paul B. machen es jährlich mehrere Tausend Berliner. Im Schuljahr 2006/2007 nahmen mehr als 4600 Hauptstädter an Lehrgängen des so genannten zweiten Bildungswegs teil, rund 3000 mit dem Ziel, das Abitur zu schaffen. Gerade unter den Jüngeren wird die Hochschulreife immer selbstverständlicher: Während in Deutschland durchschnittlich 22,9 Prozent der Einwohner die Hochschulreife haben (siehe Grafik), liegt die Abiturientenquote bei den jüngsten Jahrgängen bei über 40 Prozent.

Wer seit Schulzeiten Schiefertafeln und Klausuren fürchtet, kann auf dem zweiten Bildungsweg trotzdem erfolgreich sein. „Was früher der reinste Horror für mich war, hat plötzlich Spaß gemacht“, erzählt Paul B. und ergänzt: „Ich habe das allein für mich gemacht, weil ich eine neue intellektuelle Herausforderung gesucht habe“. Inzwischen hat er sich an der Freien Universität Berlin für das Fach Biotechnologie eingeschrieben.

Ein Studium aufnehmen, als Beamter eine höhere Gehaltsstufe erreichen oder einfach beweisen, dass man es schaffen kann – all das sind gute Gründe, einen Schulabschluss nachzuholen. Obwohl man es inzwischen auch ohne Hochschulreife an die Uni schaffen kann, bietet das Abitur immer noch die besten Startbedingungen für eine akademische Bildung.

„Ein Abiturient kann zwischen allen Studienrichtungen wählen, während ein Bewerber mit Berufsausbildung und Praxiserfahrung eine fachbezogene Laufbahn einschlagen muss“, sagt Olaf Möller, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit in Berlin-Brandenburg. Ein Klempnergeselle ohne Abi kann sich zwar für Ingenieursstudiengänge bewerben – in Fächern wie Kunstgeschichte oder Philosophie wird er dagegen keine großen Chancen haben.

Wer das Abitur im zweiten Bildungsweg machen möchte, kann ein Abendgymnasium besuchen oder an einem sogenannten Kolleg in Vollzeitunterricht lernen. In beiden Fällen muss man dreieinhalb bis vier Jahre einplanen. Der mittlere Schulabschluss ist keine Voraussetzung für die Teilnahme an den Lehrgängen: Auch Hauptschüler können auf diesem Weg das Abitur nachholen. Wer jedoch Vorkenntnisse mitbringt, weil er zum Beispiel im ersten Bildungsweg die elfte Klasse erfolgreich beendet hat, kann die Schulzeit verkürzen und direkt in die zweijährige Kursphase einsteigen.

Für die Finanzierung der zweiten Schulzeit gibt es unterschiedliche Modelle. Denn die Kurse an öffentlichen Schulen sind zwar kostenlos; doch Schüler, die ein Tageskolleg besuchen, können und dürfen keinen Vollzeitjob machen. Um den Lebensunterhalt zu sichern, können sie deshalb – unabhängig vom Einkommen der Eltern – Schüler-BAföG beantragen. Wer ein Abendgymnasium besucht, hat dagegen nur in den letzten drei Schulhalbjahren Anspruch auf Ausbildungsförderung, da vorher eine Pflicht zur Berufstätigkeit besteht. In beiden Fällen jedoch gilt: Die Ausbildungsförderung muss nicht zurückgezahlt werden. Wer noch zuhause wohnt, kann nach Auskunft des Bezirksamts Pankow mit mindestens 389 Euro im Monat rechnen. Schüler mit eigener Wohnung bekommen 487 Euro. Zusammen mit den Zuschüssen zur Miete, Kranken- und Pflegeversicherung haben sie bis zu 618 Euro monatlich zur Verfügung.

Allerdings ist die Aufnahme an eine staatliche Schulen an Bedingungen geknüpft: Neben dem Hauptschulabschluss müssen Bewerber etwa eine abgeschlossene Berufsausbildung oder eine mindestens dreijährige Berufstätigkeit nachweisen. Wer früher einsteigen will, kann dies nur an einer Privatschule tun. Gleiches gilt für jene, die während der regulären Schulzeit zweimal in der gleichen Klassenstufe sitzen geblieben sind. Hans-Werner Wilz, Geschäftsführer und Mitbegründer des Charlottenburger „Lichtenberg Kolleg“ will auch „Leuten mit bunten Biografien eine Chance geben, die sonst nicht mehr zum Abitur kommen würden. Und das ganz ohne öffentliche Zuschüsse“. Dafür kostet der Vollzeitunterricht hier 310 Euro, der Abendlehrgang 247 Euro im Monat.

Wer an einer Fachhochschule studieren will, spart Zeit, wenn er die allgemeine Fachhochschulreife an einer so genannten Fachoberschule nachholt. Mit einem Realschulabschluss und abgeschlossener Berufsausbildung kann man die Vollzeit- oder Abendlehrgänge innerhalb eines Jahres abschließen, sonst dauert es zwei Jahre. Obwohl man sich bei der Wahl der Schule für einen Fachbereich wie Wirtschaftswissenschaft, Technik oder Gesundheit entscheiden muss, kann man mit einer erfolgreichen Abschlussprüfung in der Tasche an jeder Fachhochschule ein beliebiges Fach studieren.

Wer Zeitaufwand und Lerntempo lieber selbst bestimmen möchte, kann den Schulabschluss auch per Fernlehrgang nachholen. Private Anbieter stellen Lernhefte für das Selbststudium zur Verfügung, der Austausch mit Lehrern und Mitschülern läuft meist über Online-Tutorien, Chats und per E-Mail. Interessant sind solche Angebote vor allem für Berufstätige mit unregelmäßigen Arbeitszeiten. „Viele nutzen auch Erziehungszeiten, um sich weiterzubilden“, sagt Elmar Thiel, zuständig für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit bei der Hamburger Akademie für Fernstudien. „Wer genug Selbstdisziplin hat, um jede Woche 12 bis 15 Stunden zu lernen, kann bei uns innerhalb von 32 Monaten das Abitur schaffen“, so Thiel.

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