Karriere : Fettnapf-Slalom

Neuer Job, tolle Firma: Jetzt müsste man nur noch wissen, wie man tägliche Fettnäpfchen umgeht. Ein Wegweiser

Stefanie Hadding

So fühlt sich also Bewährung an: Alexandra Lau, 26, und Philipp Benke, 28, haben gerade ihre erste feste Stelle angetreten. Seit August beziehungsweise September ackern die Master-Absolventin International Affairs and Governance (St. Gallen) und der promovierte Wirtschaftsingenieur (Karlsruhe) als Strategieberater bei der Unternehmensberatung Capgemini. Und noch fühlt sich vieles ungewohnt an. „Ich hatte mächtig Bammel“, erinnert sich Alexandra Lau an ihre Gefühle beim Jobantritt. „Schließlich wusste ich, dass nach der Uni etwas völlig anderes kommt, und dass nicht sicher ist, ob ich die Herausforderung meistere.“

Nicht nur, dass die Fachkenntnisse der beiden Frischlinge noch zu wünschen übrig lassen, „es geht vor allem um organisatorische Dinge“, ergänzt Benke. „Es hat einfach eine Weile gedauert, bis ich durchschaut habe, wo ich meinen Laptop und mein Handy bekomme, wer mir mein Equipment einrichtet und wie die Reisekostenabrechnung funktioniert.“

Dabei können die beiden noch von Glück sagen, dass sie in einem großen Unternehmen angeheuert haben, das für die Neuen eine intensive Einarbeitungsphase mit Betreuung organisiert. Viel öfter passiert es, dass Jobneulinge direkt ins eiskalte Wasser geworfen werden und allein klar kommen müssen.

Ob Kleiderordnung, Mittagspausengesellschaft, Duz-Faktor oder Arbeitszeit – zwischen Pförtner und Chefetage, vom Morgen bis zum Feierabend lauern zig Fettnäpfchen auf Newcomer. Derbe Schnitzer, die im schlimmsten Fall den Job kosten können, sind programmiert. Mit ein paar Tipps lässt sich der Parcours durch die Probezeit jedoch souverän meistern.

Einfach alles ist neu in dieser Einstiegsphase, und von allen Seiten prasseln Namen, Aufgaben und Informationen auf die Frischlinge ein. „Da stellt sich erstmal automatisch das Gefühl ein, dass man keine Ahnung hat“, so Philipp Benke. Dass Anfänger zunächst außen vorstehen, ist völlig normal, beruhigen Experten. Etwa ein Jahr dauert es, bis ein neuer Mitarbeiter mit anspruchsvoller Aufgabe richtig gut eingearbeitet ist.

Am Anfang fühlt sich jede Präsentation, jedes Teamgespräch und jeder Kundenkontakt wie ein Seiltanz an. Karriereberaterin Petra Begemann empfiehlt Neulingen: „So simpel es klingt: Machen Sie sich so viele Notizen wie Sie können.“ Das wirkt keinesfalls unsicher, sondern gilt vielmehr als ein Zeichen dafür, dass die Berufseinsteiger wertschätzen, was ihnen erklärt wird.

Und: „Souveränität heißt, auch zu Nichtwissen stehen zu können“, so Begemann. Tritt ein Problem auf, das der Neuling ad hoc nicht lösen kann, dann empfiehlt es sich, auch gegenüber Kunden und Partnern ruhig zuzugeben, dass es die erste Woche in der neuen Firma ist. Nicht vergessen: Immer zusagen, dass Sie sich umgehend kümmern und schlau machen werden. Und natürlich solche Versprechen einhalten.

Manch einer ist in Sachen Kleidung unsicher und kramt für den ersten Tag das Outfit vom Bewerbungsgespräch aus dem Schrank. Keine gute Idee. Der Anzug oder das Kostüm von damals ist den Gesprächspartnern noch in Erinnerung. Schließlich hat man lange und intensiv zusammen gesessen. „Grundsätzlich gilt: Lieber erstmal zu gut als zu leger angezogen sein. Später kann ich mich immer noch anpassen“, empfiehlt Christina Tabernig. Sie ist die Gründerin der Königsteiner Agentur korrekt!, die Einzel-Coachings und Seminare zum Thema Business-Etikette veranstaltet.

Nicht vergessen sollten Neueinsteiger, dass Kleidung immer auch ein Signal ist: „Sie zeigen damit, wo sie hin wollen und in welchen Positionen sie vorstellbar sind“, erklärt Petra Begemann. „Neue Kollegen demonstrieren mit ihrem Business-Look aber auch, dass sie bei den übrigen Anzug- und Kostümträgern mitmachen wollen. Insofern haben es Paradiesvögel mit Vorliebe für Hawaihemden schwer, wenn sie nicht gerade in der Poststelle anheuern wollen.“

Die vielen neuen Aufgaben wachsen Neulingen schnell über den Kopf, und vor lauter Eifer verzetteln sie sich manchmal schon bei der Lösung der allerersten. Einsteiger sollten beim Vorgesetzten erfragen, welche Prioritäten ihre Aufgaben haben und ob die Zeit, die sie dafür jeweils aufwenden, angemessen ist. „Hier besteht einfach eine Informations-Holschuld“, sagt Petra Begemann.

Ebenfalls hilfreich ist die systematische Arbeit mit einem Timer, egal ob elektronisch oder aus Papier. Er hindert „Ad-hoc-Chaotisierer daran, von einer Brandstelle zur nächsten zu laufen, ohne die erste gelöscht zu haben“, sagt die Karriereberaterin. Einfach und unverzichtbar ist auch die gute alte To-Do-Liste, die die Aufgaben nach Dringlichkeit ordnet. „Und das Häkchenmachen am Abend ist ausgesprochen erholsam für gestresste Anfänger“, weiß Petra Begemann.

Sie sind ein offener und sehr spontaner Typ? Dann ist Vorsicht geboten. Mit der „Hoppla-hier-komm-ich-Methode“ verbauen sich Newcomer viel. Zurückhaltung ist in den ersten Tagen ganz besonders wichtig. Trainerin Christina Tabernig rät: „Erst mal in Ruhe das Umfeld sondieren: Welcher Kommunikationsstil wird hier gepflegt? Wie gehen Kollegen und Vorgesetzte miteinander um?“ Das persönliche Kommunikationsbedürfnis lässt sich am besten stillen, indem neue Mitarbeiter viel Interesse zeigen und Fragen stellen. Zum Beispiel beim Mittagessen. Üblicherweise fragen die Kollegen, ob die Anfänger mitkommen möchten in die Kantine. „Sollte das jedoch nicht passieren, und Sie haben bis 12 Uhr noch keine Einladung, dann sprechen Sie ruhig die Kollegen an und fragen, ob Sie sich anschließen dürfen“, empfiehlt Knigge-Expertin Tabernig.

Wie sich Mitarbeiter anreden, hängt sehr von der Art des Unternehmens ab – von seinen Hierarchien, seinen Traditionen und der Branche selbst. In amerikanischen Firmen zum Beispiel dominiert das Du.

In traditionsreichen deutschen Unternehmen mit ausgeprägten Hierarchien dagegen hält man sich ans Sie, genauso wie in klassischen Branchen – zum Beispiel der Automobilindustrie. Jüngere und kreative Branchen – IT, Medien und Mode etwa – haben das Du etabliert. „Ich empfehle dem Einsteiger immer das Sie, egal wo. Niemals darf ich als Fremder am ersten Tag mit dem Du vorpreschen, sondern es muss mir angeboten werden“, erklärt Tabernig.

Eines steht aber auch fest: Wenn sich alle duzen, muss ich mich anpassen. Alles andere wirkt unsympathisch. Laufen Sie und Du nebeneinander, sollte der Einsteiger sehr vorsichtig mit dem Du sein und es wie eine Auszeichnung behandeln. Begemann: „Oft ist es so, dass diejenigen, die einem schon am ersten Tag das Du anbieten, eher die Loser-Typen sind, die einen neuen Verbündeten suchen. Da darf man ruhig mal einen Satz wie „Ihr Angebot freut mich sehr, aber wissen Sie, im Job ist es mir erstmal lieber, wenn man beim Sie bleibt“ anbringen. Sonst steckt man ganz schnell und unbeabsichtigt in der falschen Fraktion.

Im neuen Job hängt vom ersten Eindruck oft alles weitere ab. Schön ist, wenn der Chef den Neuzugang zum Beispiel in einem Meeting den Kollegen vorstellt. Doch dort müssen nicht zwangsläufig alle Abteilungsmitarbeiter versammelt sein. Um Unhöflichkeit etwa gegenüber Sekretärinnen zu vermeiden ruhig am ersten Tag bei allen Abteilungskollegen persönlich vorbeischauen, sich mit vollem Namen vorstellen und betonen, dass man sich freut, ab sofort mit im Team zu sein. Dabei lässt sich auch in Erfahrung bringen, ob ein Umtrunk zum Einstand angebracht ist – so lässt sich einer schwer wettzumachenden Unterlassungssünde vorbeugen.

Schon vorab lässt sich klären, wie die Arbeitszeiten sind. Klar will man am ersten Tag nicht gleich zu spät kommen. Deshalb lieber eine Bahn früher nehmen und entspannt, gut gelaunt und unverschwitzt am neuen Arbeitsplatz eintrudeln. Einsteiger betreten ihr neues Unternehmen zwar am besten pünktlich, aber nicht mehr als zehn Minuten früher als gewünscht. Sonst kann es passieren, dass sie wie Falschgeld herumstehen, bis ihr Ansprechpartner eintrifft. Das ist peinlich für beide Seiten. Auf gar keinen Fall sollten Frischlinge gleich auf fixe Start- und Feierabendzeiten pochen, sondern sich variabel zeigen, wenn besondere Aufgaben zum Beispiel mal eine Extraschicht fordern.

Wen trotz aller Vorfreude auf die neue Stelle der Job-Blues erwischt, braucht den Kopf nicht hängen zu lassen. Auch das ist völlig normal. „Einsteiger haben einfach ungeheuren Stress. Sie merken nach und nach, dass ihr neuer Arbeitgeber nicht nur Schokoladenseiten hat. Sie vermissen die Nestwärme. Und die Autopilotfunktion, die mit zunehmender Sicherheit einsetzt, fehlt noch“, erklärt Karriereberaterin Begemann.

Die meisten Anfänger fühlen sich bei der Arbeit erst dann so richtig wohl, wenn die ersten privaten Kontakte geknüpft sind. „Gegen einen gemeinsamen Drink nach Feierabend ist auch überhaupt nichts einzuwenden“, so Christina Tabernig, aber ein paar Spielregeln gibt es dafür schon: Wer als Mann mit einer Kollegin ausgehen will, sollte noch eine weitere Person dazu bitten, „sonst wirkt es schnell aufdringlich“. Und in Sachen Small-Talk gilt, gerade für Jobneulinge: äußerste Zurückhaltung beim Lästern und Geheimnisse ausplaudern, auch wenn es noch so verlockend ist. Dabei haben sich schon viele den Mund verbrannt.

Und zu guter Letzt: Um sich nicht nur datentechnisch mit Handy und Laptop für den neuen Job zu vernetzen, sondern sich auch ins soziale Gefüge ihres Arbeitgebers zu integrieren, sollten Berufseinsteiger wie Alexandra Lau und Philipp Benke ihren Capgemini-Kollegen ruhig ein wenig Privates und Persönliches über sich selbst erzählen. Vorbeugend sozusagen und wohldosiert. Denn Coach Christina Tabernig weiß: „Wenn ich mich als privater Geheimniskrämer stilisiere, bilden ganz fix die anderen mein Image.“

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