Karriere : Fitness für die Stimme

Sprechunterricht ist nicht nur für Radiomoderatoren sinnvoll. Auch Lehrer, Ärzte oder Manager profitieren davon

Katharina Schönwitz

Nach einer Entzündung im Hals war es mit der Stimme von Susanne Zabowski ganz vorbei. „Ich hatte überhaupt keine Durchsetzungskraft mehr“, erinnert sich die junge Ärztin aus Berlin. Schon seit längerem war ihr bewusst, dass andere Kollegen mit den Patienten souveräner umgingen. Zabowski hatte das Gefühl, dass ihre Patienten immer etwas verunsichert die Praxis verließen. „Am Fachwissen lag es nicht. Meine Stimme klang einfach zu kindlich.“

Damit sollte nun schluss sein. Zabowski meldete sich beim Sprechtraining an. Zunächst besuchte sie ihre Sprecherzieherin einmal in der Woche. Heute braucht sie nur noch alle vierzehn Tage eine Sitzung. Nuscheln und Lispeln bekämpft sie durch ein Artikulationstraining, gegen unsicheres Sprechen trainiert sie den Klang ihrer Stimme. „Ich merke, dass die Patienten jetzt größeres Vertrauen zu mir haben“, sagt Zabowski erleichtert.

Die Probleme der Ärztin seien ganz typisch, meint Sprecherzieherin Grit Hollack aus Berlin-Mitte. „Die meisten, die zu mir kommen, können sich wegen Problemen mit ihrer Stimme im Beruf nicht durchsetzen.“ Rechtsanwälte, Studenten, Lehrer, Manager, Psychologen – zu Hollacks Schülern gehören fast alle Berufsgruppen, die viel sprechen müssen. „Viele haben das Gefühl, dass in wichtigen Situationen die Stimme versagt, zu schwach klingt oder hochrutscht.“ Die Ursache dafür sei häufig mangelnde Selbstsicherheit. „Die Unsicherheit überträgt sich auch auf die Zuhörer. Selbst wenn der Inhalt brillant ist, nimmt man dem Sprecher das Gesagte nicht gänzlich ab“, erklärt Hollack. Gerne schlüpft Hollack vor ihren Schülern in verschiedene Rollen, um Gesprächssituationen zu üben: Sie spielt den strengen Chef beim Vorstellungsgespräch, den Professor während des Examens, oder den nörgelnden Patienten, wie bei Susanne Zabowski.

Was die meisten nicht wissen: Wie eine Stimme klingt, hängt zu 90 Prozent von regelmäßigem Training ab. „Zwar haben manche Menschen von Natur aus eine tiefere Stimme“, so Hollack. „Doch auch die Stimmbänder müssen regelmäßig gefordert werden – wie die Muskulatur beim Sport.“ Zum Auflockern trainieren die Teilnehmer zunächst ihre Atmung. Denn: Nur wer richtig atmet, kann auch richtig sprechen. „Eine voluminöse Stimme bekommt man durch gezielte Bauchatmung.“ Mit der flachen Brustatmung könne man nämlich nur zwanzig Prozent seines Lungenvolumens ausschöpfen. Erst wenn es mit der Atmung klappt, feilt die Trainerin an der Stimme ihrer Schüler – zum Beispiel durch Ruf-Training: Die Teilnehmer sprechen Übungssätze laut und mit verschiedenen Emotionen. Dadurch wird die Stimme tiefer und kräftiger.

„Zu hohes und leises Sprechen assoziiert Unsicherheit oder Kindlichkeit. Sonore Stimmen dagegen wirken kompetent und autoritär.“ Um schnelle Erfolge zu erzielen, müssen die Schüler zu Hause weiterüben. „Drei bis fünf Minuten täglich sollten es mindestens sein“, erklärt Hollack. Das Gehirn müsse sich an die neue Art zu sprechen gewöhnen. „Besonders wichtig ist das tägliche Training, wenn man einen Dialekt loswerden möchte, der seit der Kindheit fest eingebrannt ist.“

Die meisten Teilnehmer ihrer Sprechkurse kämpfen nach Ansicht von Sprecherzieherin Anne Feuker aus Berlin-Kreuzberg jedoch nicht mit leidigem Sächseln oder Schwäbeln, sondern mit Lampenfieber. „Viele sind total verkrampft, wenn sie vor anderen sprechen sollen“, berichtet sie. Der eine ballt die Faust, der andere drückt die Knie durch oder zieht die Zehen zusammen – und die Stimme zittert. Einige ihrer Kursteilnehmer leiden außerdem unter Heiserkeit nach langem Sprechen. „Mich haben Lehrer um Hilfe gebeten, die deshalb fast ihren Beruf an den Nagel hängen wollten“, sagt sie verständnislos.

Dabei könne jeder seine optimale Stimmlage finden, um stundenlang durchzusprechen. Oft sei dazu gar nicht viel Zeit zu investieren: „Ich biete auch Kompaktseminare am Wochenende an. Das reicht manchmal schon, um besser zu sprechen.“ Doch Feuker stellt immer wieder fest, dass viele sich vor dem Sprechtraining scheuen. „Einige Klienten geben mir nur ihre Handynummer und wollen nicht, dass ich sie zu Hause oder im Büro anrufe. Selbst der Familie erzählen viele Teilnehmer nicht, dass sie Sprechunterricht nehmen.“ Das Coaching im richtigen Sprechen klingt für viele nach einem Makel. „Deswegen scheuen manche das Gruppentraining und buchen Einzelstunden, um anonym zu bleiben.“

Gut besucht sind auch Berliner Volkshochschulkurse, die sich mit Sprechen und Rhetorik beschäftigen. „In allen zwölf Berliner Volkshochschulen werden Kurse angeboten“, sagt Andreas Noack von der Volkshochschule in Treptow-Köpenick. „Die Rhetorik-Seminare sind fast genauso gefragt wie der Englischunterricht.“ Die Teilnehmer können zwischen einem großen Angebot wählen: Rhetorik im Alltag, Selbstbehauptung und Präsentation für Frauen im Beruf, und ein Rhetorik-Grundkurs für junge Menschen bis 25 sind nur wenige der angebotenen Kurse. Einige Lehrgänge können mit dem Zertifikat „Xpert personal business skills“ abgeschlossen werden. Das macht sich auch im Lebenslauf gut: Sicher und gut sprechen zu können ist ein Talent, das gerade bei der Bewerbung zählt.

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