Fortbildung : Erfahrung zählt

Wegen guter Kenntnisse in Theorie und Praxis sind Fachwirte, Techniker und Meister gefragt

Günter Bartsch
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Auf der Suche. Berufstätige haben immer mehr Möglichkeiten, sich in der Freizeit weiterzubilden – ob an Hochschulen oder in...

Nach mindestens zehn Jahren Schule und einer dreijährigen Ausbildung haben viele Absolventen vom Lernen die Nase voll. Jedes Wochenende vor dem Schreibtisch sitzen und büffeln, wenn wieder Prüfungen anstehen – das muss nicht sein. Nach einiger Zeit im Beruf stellen manche von ihnen jedoch fest, dass sie in ihrem Job nicht voran kommen. Und wollen mit einer Fortbildung ihrer Karriere einen Schub geben.

Dabei können Berufstätige zwischen Angeboten der Industrie- und Handelskammern, der Handwerkskammern, von privaten Anbietern und Hochschulen wählen. Der akademische Abschluss ist nicht automatisch die bessere Wahl. Berufsbegleitende Aufstiegsfortbildungen haben ebenfalls ihre Vorteile, meint Rainer Brötz vom Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb). „Für die mittlere Führungsebene sind diese Absolventen geradezu prädestiniert.“

AUFSTIEGSCHANCEN OHNE STUDIUM

Die Stärken gegenüber eines Hochschulstudiums liegen auf der Hand: Die Weiterbildung ist ohne weiteres mit einem mittleren Bildungsabschluss möglich. Und die berufliche Tätigkeit geht während der meist zweijährigen Fortbildung weiter – das finanzielle Auskommen ist somit gesichert. Einen Verdrängungswettbewerb zwischen Fachwirten und der akademischen Ausbildung gebe es bislang nicht, so Brötz. Die Aufgaben seien unterschiedlich zugeschnitten.

Viele Chefs unterstützen zudem Angestellte, die sich für eine berufsbegleitende Aufstiegsfortbildung entscheiden. Die Berliner Volksbank zum Beispiel kommt ihren Mitarbeitern entgegen, die sich für eine Weiterbildung am Bank-Colleg mit Fachwirt-Abschluss entscheiden und auch mal während der Arbeitszeit einen Kurs besuchen müssen. Wer in Abteilungen wie der inneren Revision oder der Finanzbateilung arbeiten will, bei dem sei ein volles Hochschulstudium zwar angebracht, so Ausbildungs-Chefin Vera Piálek. Ansonsten bestünden mit den Abschlüssen der Kammern gute Aufstiegschancen.

BACHELOR-ABSCHLUSS VON DER IHK

Piálek bedauert, dass sich diese Einsicht noch nicht im Hochschulwesen durchgesetzt hat: Nach wie vor bringe eine Aus- und Weiterbildung keine Leistungspunkte, wie sie an Hochschulen vergeben werden. „Diesem Know-How wird in Deutschland leider in keiner Weise Rechnung getragen.“ Ein wunder Punkt.

Zwar haben sich erst jüngst Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gemeinsam für mehr Durchlässigkeit stark gemacht. Trotzdem gibt es seit Jahren zwischen der IHK und den Hochschulen Streit, da die Kammern ihren eigenen Bachelor-Abschluss vergeben wollen: den „Bachelor Professional“ und „Bachelor CCI“. Letzteres steht für „Chamber of Commerce and Industry“, also die englische Bezeichnung der IHK. Mit diesem Abschluss wollen die Kammern signalisieren, dass sie auf Hochschulniveau ausbilden. Die Deutsche Wein- und Sommelierschule in Berlin zum Beispiel bescheinigt die Teilnahme an den Fachwirt-Lehrgängen zum Weinexperten mit dem Abschluss „Bachelor Professional of Wine (CCI)“.

DIE HOCHSCHULEN WEHREN SICH

Die Hochschulen lehnen diese Bezeichnungen jedoch ab. Der Bachelor solle ausschließlich als akademischer Grad für eine wissenschaftliche Ausbildung vergeben werden, so die Hochschulrektorenkonferenz. Die Bezeichnung „Bachelor Professional“ leiste keinen Beitrag zur internationalen Transparenz des Bildungssystems, sondern verwirre und gefährde die Etablierung des Bachelors. Sie sei insofern sogar ein Hindernis für die Durchlässigkeit im Bildungssystem.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag verteidigt die von den IHKs vergebenen „Bachelor Professional“-Titel. Das Niveau öffentlich-rechtlicher Weiterbildungen müsse auch international verdeutlicht werden. Die Bezeichnung „Bachelor Professional“ signalisiere „die Gleichwertigkeit – nicht Gleichartigkeit – des erreichten Kompetenzniveaus“ und sichere den Absolventen adäquate berufliche Einsatzfelder.

Ohne Abitur haben Bewerber in Deutschland ohnehin wenig Chancen, über staatliche Hochschulen einen Bachelor-Abschluss zu erlangen – zumindest derzeit. Sie scheitern häufig an den Anforderungen. Die Kultusministerkonferenz hat jetzt immerhin einheitliche Voraussetzungen in allen Bundesländern beschlossen. Meister, Techniker, Fachwirte und Inhaber gleich gestellter Abschlüsse erhalten eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung in allen Bundesländern.

WAS FACHLEUTE EMPFEHLEN

Ob diese Absolventen überhaupt noch einen Uni-Bachelor nachholen wollen, ist jedoch fraglich. Denn die Berufschancen von Fachwirten und Hochschulabsolventen sind laut Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, gleichermaßen gut. Jedenfalls sei die Arbeitslosenquote bei Fachwirten und Meistern nicht höher als bei Bachelor-Absolventen – erstere hätten zudem den großen Vorteil, den Unternehmensalltag bereits zu kennen. Nur in einem Punkt liegen Hochschulabsolventen vorne: Sie erhalten tendenziell das höhere Gehalt.

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