Freiwilliges soziales Jahr : Und Bruce Willis hat nie Zeit

Ihr Kind will ein Jahr ins Ausland gehen? Atmen Sie tief durch – und nicken Sie. Aus reinem Eigennutz. Ein Vater berichtet.

Heiner Siefken
Stippvisite in Bolivien: Plötzlich erklärt die Tochter der Mutter, wo’s langgeht – ein freiwilliges soziales Jahr verändert den Blick auf die Welt.
Stippvisite in Bolivien: Plötzlich erklärt die Tochter der Mutter, wo’s langgeht – ein freiwilliges soziales Jahr verändert den...Foto: Heiner Siefken

Ein knapper Meter. Für mich ist sie nie größer geworden. Und jetzt, im Flieger zwischen Miami und La Paz, sagt ihre Mutter zu mir: „Nantke sorgt sich um uns, sie hat Angst, dass wir unterwegs den Anschluss verpassen oder uns verirren oder der Flug zu hart ist.“ Ein Witz? Eben musste ich noch darauf aufpassen, dass sie nicht von der Schaukel fällt. Und jetzt sorgt sie sich darum, dass ihre Eltern auf dem Weg nach Bolivien verloren gehen.

1,69 Meter. Nantke holt uns am Flughafen von Cochabamba ab. Wir haben sie seit sieben Monaten nicht gesehen. „Ich bin total fertig, wir haben die ganze Nacht gefeiert“, begrüßt sie uns. Daran sind zwei Dinge bemerkenswert. Erstens: Es gibt ein „wir“ in Bolivien. Zweitens: Während ich mich von Ibuprofen ernährt und den Billigflug verflucht habe, hat Nantke getanzt. „Ich dachte, Du hast Dir Sorgen gemacht“, sagt ihre Mutter. Nantke lacht das weg, führt uns aus dem Flughafengebäude und verhandelt in rasantem Spanisch mit einem Taxifahrer über den Preis. Zwölf Bolivianos kostet die Fahrt in den Vorort, das entspricht einem knappen Euro. Wir hätten mehr Geld in den Flug investieren sollen.

„Nehmt nur die ,Radio Taxis’, wenn Ihr ohne mich unterwegs seid. Oder wollt Ihr ausgeraubt werden?“, erklingt die Taxi-Ansage. Müsste das nicht meine Phrase sein? Andererseits führe ich nicht gerade ein abenteuerliches Leben. Nantke ist diejenige, die in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in Südamerika für eine Menschenrechtsorganisation arbeitet. Sie ist diejenige, die unter anderem Frauen betreut, die mehrjährige Haftstrafen absitzen.

Zu dumm, dass die Kinder gar keine mehr sind

Gefühlte 2,10 Meter. Im Blog über ihre Zeit in Bolivien schreibt sie Sätze wie: „Da ist zum Beispiel Don Hugo. Er ist fast 80 und hat Prostatakrebs im Endstadium. Ich habe vor ein paar Wochen angefangen, einen Zeitzeugenbericht mit ihm aufzunehmen, wir sind aber nicht sehr weit gekommen. Sein Zustand ist von Woche zu Woche schlechter, er wird immer dünner, die Schmerzen scheinen unerträglich. Manchmal habe ich Angst, ihn tot vorzufinden.“

Ein freiwilliges soziales Jahr in Bolivien
Bolivien, Papa! Bolivien? Das Kind reist in einen diffusen Nebel aus Halbwahrheiten und Klischees.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Heiner Siefken
03.02.2014 12:01Bolivien, Papa! Bolivien? Das Kind reist in einen diffusen Nebel aus Halbwahrheiten und Klischees.

Vielleicht bin ich in meinem väterlichen Stolz nicht objektiv, aber mich rührt das alles unheimlich an. Meine Güte, was für eine Erfahrung für eine 20-Jährige: „Don Hugo scheint sich zu freuen, wenn ich vorbeikomme, wir reden ein bisschen, ich kämme ihm die Haare – weil er dann jünger aussieht, wie er sagt.“ Und wir? Weil uns die Krümel auf den Böden in Nantkes Wohnung stören, kaufen wir ihr einen Besen.

Seit dem Tag, an dem feststand, dass Nantke nach Bolivien („Bolivien?!“) gehen würde, ist der Gedanke an unsere Tochter von einer diffusen Bedrohungslage umweht. Was weiß ein durchschnittlicher Westeuropäer über dieses Land? Irgend so ein Andenstaat. Militärdiktatur, gar nicht lange her. Wasserprobleme. Schräger Präsident. Evo Morales, genau, das ist der Mann, der Edward Snowden Asyl angeboten hat.

Wer durch Bolivien reist, hört unzählige Seltsamkeiten über den Staatschef. Er soll behauptet haben, dass der Verzehr von Hähnchen schwul macht, weil industriell produziertes Geflügel mit weiblichen Hormonen behandelt wird. Die reale Politik verblasst hinter solchen Anekdoten. Und wer könnte aus dem Informationswust den seriösen Teil herausfiltern, der die wichtigste aller Fragen beantwortet: Kann ich mein Kind ruhigen Gewissens in so ein Land gehen lassen? Die Antwort ist klar: Natürlich nicht. Zu dumm, dass die Kinder gar keine mehr sind – und trotzdem gehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben