Friedensdienst : Nichts für Ängstliche

Ob IT-Experte, Jurist oder Soziologe: Erfahrene Fachkräfte sind gefragt im Friedensdienst. Meist sind es Akademiker, die sich für den Einsatz weiter qualifizieren.

Martina Hahn

Sie bilden Journalisten in Peru aus, betreuen Kindersoldaten in Sierra Leone, beraten ein Sondertribunal in Kambodscha – oder helfen, wie Eva Prediger, den Streit zwischen Bauern und Großgrundbesitzern um Land und Bodenschätze zu schlichten. Die Berlinerin lebte bis vor kurzem in Bolivien. Zwei Jahre unterstützte sie dort das Volk der Guarani dabei, sich gewaltfrei gegenüber den Landbesitzern zu wehren, die immer wieder Schlägertrupps gegen die protestierenden Indianer eingesetzt hatten.

Wie die studierte Geografin waren in den vergangenen zehn Jahren über 500 Fachkräfte des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) in Krisengebieten im Einsatz. Weltweit gibt es derzeit rund hundert über das Bundesentwicklungsministerium finanzierte Projekte in Ländern, in denen die deutschen Entwicklungshelfer mit Spezialausbildung oftmals mehr erreichen als Militärs oder Diplomaten.

Die meisten der für zwei bis drei Jahre entsandten Friedensdienstler sind Akademiker - darunter Psychologen, Pädagogen oder Juristen ebenso wie Journalisten, Politologen, Ethnologen oder IT-Experten mit Berufspraxis. Doch es sind unter den Bewerbern auch zunehmend Absolventen von Master-Studiengängen in Friedens- und Konfliktforschung. Der Anreiz ist groß: „Wer im fremden Kulturkreis arbeitet, lernt sehr viel – auch über sich“, sagt Heike Burba, die beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) die Leute mit auswählt. Hinzu kommt, sagt Burba, dass die ZFD-Experten ganz nah am historischen Geschehen „und an der Lebenswirklichkeit“ sind.

Der Bedarf an qualifizierten Friedensfachkräften ist hoch. Denn im In- und Ausland nehmen die Krisen, der Streit um Ressourcen sowie die Notwendigkeit, sich nach gewaltsamen Auseinandersetzungen zu versöhnen und den Konflikt aufzuarbeiten, zu. Und so werden Menschen gesucht, die in der Lage sind, verfeindete Gruppen zu beraten oder sie zu animieren, neue Lösungswege zu suchen. Denn Außenstehende nehmen festgefahrene Konfliktmuster meist anders wahr.

Doch Fachkompetenz, Tropentauglichkeit oder Sprachkenntnisse allein reichen nicht aus. Techniken der Konfliktbewältigung zu kennen, ist ebenso wichtig. Dies aber nur in Kombination mit Reife und Softskills, über die Bewerber ebenso verfügen müssen – schließlich sollen sie in interkulturellen Teams arbeiten. „Es genügt nicht, die Methoden der gewaltfreien Kommunikation zu kennen, sie aber nicht vermitteln zu können oder nicht zu praktizieren.“ Ganz wichtig sei außerdem, dass ein Friedenshelfer „auch mal still sitzen und die Dinge entschleunigen kann, wenn die Stimmung hoch kocht“. Darüber hinaus muss eine Friedensfachkraft über eine hohe Frustrationsgrenze verfügen. „Konfliktlösung ist ein langfristiger Prozess“, sagt Eva Prediger. „Man lernt, auch mit kleineren Fortschritten, als man sie sich vorgestellt hat, zufrieden zu sein.“ Was auch jeder Bewerber im Vorfeld für sich klären muss ist: Will ich mich wirklich täglich mit Gewalt- und Konfliktthemen beschäftigen? Und kenne ich meine eigenen Grenzen?

In der Regel leben die Peaceworker an Orten, wo die Krise noch sehr lebendig ist. Zwar setzen sie sich nicht immer einer direkten Gefahr aus – bislang ist noch keine der entsandten ZFD-Experten verletzt worden. Doch können sie in die Schusslinie eines Konfliktes geraten. Auch gibt es Einsatzorte wie etwa Afghanistan, die ein Familienleben nahezu ausschließen. Für Ängstliche und Menschen, „die sich in die Ecke verziehen, wenn es knallt und kracht“, sei der Job nichts, sagt Heike Burba.

Die Chancen, nach dem Einsatz in Deutschland einen Job zu bekommen, stehen nicht schlecht. Der Wiedereintritt in die deutsche Berufswelt gelingt den meisten, sagt Denis Dressel vom Sektorprogramm Frieden und Sicherheit der GTZ: „Rückkehrer können mit Widerständen umgehen, sie bringen Fachwissen und interkulturelle Kompetenz mit“ – Fähigkeiten, die auch in der Privatwirtschaft gefragt sind.

Ein Schlichter wird hierzulande auch in Schulen, bei Bauvorhaben oder zwischen Kollegen gesucht. Einige machen sich nach ihrem Auslandseinsatz als Berater selbstständig. Andere arbeiten in Jugendeinrichtungen, Problemkiezen oder geben Kurse in Gewaltfreiheit. Denn die Notwendigkeit, Konflikte professionell zu begleiten, „wird auch bei uns in Deutschland immer wichtiger“, sagt Bolivien-Rückkehrerin Eva Prediger.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben