Führungskräfte : Haltung bewahren

Führungskräfte lernen von Schauspielern, wie sie selbstbewusst auftreten und ihre Mitarbeiter motivieren können.

Rita Nikolow

Der junge Betriebswirt ist erst seit kurzem in einer Führungsposition. Mit der er große Schwierigkeiten hat, weil ihn seine Mitarbeiter nicht ernst nehmen. Und er nicht verstehen kann, weshalb. Bis zu diesem Nachmittag, an dem er sich zusammen mit einem Schauspieler ein Gespräch ansieht, das die beiden gerade geführt und auf Video aufgezeichnet haben, ein Rollenspiel. Der Manager hat sich selbst gespielt, der Schauspieler einen Mitarbeiter. Was den beiden aber nicht anzusehen ist, denn die junge Führungskraft hängt schlaff im Stuhl und spricht monoton, gepresst. Dass er der Chef ist und seinem Gegenüber eine unangenehme Aufgabe übergibt, ist zwar zu hören, doch es spiegelt sich nicht in seiner Körpersprache.

Weil bei vielen Führungskräften der Mund etwas anderes sagt als die Haltung und die Artikulation, breitet sich im Weiterbildungsbereich ein neuer Seminartyp aus: Kurse für Führungskräfte – abgehalten von Schauspielern. Bühnenprofis, die wissen, was zu einem guten Auftritt gehört. Angeboten werden diese Schulungen unter anderem von der Splendid-Akademie in Berlin-Kreuzberg, die drei Schauspieler beschäftigt.

„Wir bilden Menschen aus, die vor Menschen stehen“, sagt Andrea Lederer, die das Unternehmen gegründet hat. In den Trainings der Akademie werde deshalb an der Präsenz der Führungskräfte gearbeitet. Daran, wie man auf sein Gegenüber wirkt, und an der Übereinstimmung des verbalen und nonverbalen Ausdrucks. „Die Manager müssen authentisch rüberkommen“, sagt Andrea Lederer. Und auch die Körpersprache und damit die Emotionen ihres Gegenübers „lesen“ können.

Dabei helfen kleinere Tricks. So wirkt häufiger Blickkontakt zum Beispiel souverän und konzentriert und erleichtert gleichzeitig, die Gefühlslage des Gegenübers besser einzuschätzen. Gesten während eines Gesprächs können die Bedeutung des Gesagten verstärken, so der Verlag für die Deutsche Wirtschaft in Bonn. Nach oben geöffnete Hände zum Beispiel laden den Gesprächspartner ein, sich einzubringen. Leicht geballte Hände signalisieren: „Packen wir es an!“

Zum Übungsprogramm bei Splendid gehören Videotrainings und Gruppenübungen, in denen zum Beispiel der bewusste Umgang mit der eigenen Stimme trainiert wird. Die Mitarbeiter von Splendid kommen auch in die Unternehmen und beobachten ihre Kursteilnehmer in deren „natürlichem Umfeld“. Die Akademie bietet offene Trainings und Werkstätten an, arbeitet aber vorwiegend mit Firmen. „Was die Termine angeht, richten wir uns nach den Bedürfnissen der Unternehmen“, sagt Lederer. Nach Ende des Kurses biete die Akademie eine Weiterbetreuung an. Die offenen Trainings kosten bei Splendid 360 Euro am Tag.

Theatertechniken für Führungskräfte hat auch die Berliner Schauspielschule am Boxhagener Platz im Programm. „Unsere Gruppen bestehen aus vier bis maximal sechs Teilnehmern“, sagt Geschäftsführer Lars Liepe. In den Kursen werde vermittelt, wie Körper und Sprache zusammenwirken. Ein weiterer Schwerpunkt sei das Erlernen von stimmlichen und sprechtechnischen Fähigkeiten. Zudem sollen die Teilnehmer lernen, wie sie durch den Einsatz von Körper und Sprache Konflikte besser managen können. Dazu würden unter anderem Situationen aus dem Alltag in Rollenspielen simuliert. Eine Kursstunde kostet in der Berliner Schauspielschule 60 Euro. Im Angebot sind sowohl Wochenendkurse als auch Seminare, die unter der Woche stattfinden. Auf Wunsch wird der Kurs mit der Kamera begleitet. Ein Mitschnitt kostet 200 Euro.

Bislang sind die Schauspieltrainings für Führungskräfte noch nicht von Weiterbildungsexperten ausgewertet worden – denn diese Angebote sind relativ neu. Sandra Mämecke, Projektleiterin im Bereich Untersuchungen beim Weiterbildungstest der Stiftung Warentest, hält die Kurse dennoch für sinnvoll: Weil sie positiven Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmer haben können. Und sie hätten auch deshalb ihre Berechtigung, weil viele Führungskräfte Probleme mit der Empathie hätten und auch damit, sich gegenüber Untergebenen richtig zu verhalten.

Allerdings könne ein solches Seminar nur ein Einstieg sein. „Und ein Zertifikat, dass den Besuch eines Schauspieltrainings nachweist, ist nichts, was eine Führungskraft ihren Bewerbungsunterlagen hinzufügen kann“, sagt sie. Die Kursangebote sollten vor der Buchung gründlich geprüft werden, nach Möglichkeit auch durch eine vorheriges Gespräch oder einen E-Mailkontakt mit dem Dozenten.

Dass in den Kursen Kenntnisse über die eigene Körpersprache und die der Mitarbeiter vermittelt werden, könne für die Teilnehmer fruchtbar sein. Allerdings sollten die Führungskräfte überprüfen, auf welchen wissenschaftlichen Theorien die Übungen und Techniken basieren. Die Expertin findet es zudem schwierig, die vollgepackten Kursprogramme ohne weitere Hilfe im Alltag umzusetzen: „Wenn die Dozenten auch eine Nachbegleitung anbieten, wird es für die Teilnehmer sicherlich einfacher, die neuen Kenntnisse anzuwenden.“

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