Geisteswissenschaftler : Quer einsteigen

In der Wirtschaft hatten sie es bisher nie leicht: Heute suchen Unternehmen auch Philosophen, Soziologen und mehrsprachige Absolventen – wenn sie ihr Fachwissen gezielt einsetzen.

Christina Bersick, 38, wollte „etwas Bodenständiges“ lernen, bevor sie Sinologie studierte. Also machte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau und ging erst anschließend zur Uni. Dass sie neben ihrem Hauptfach dann BWL-Kurse belegte, war anfangs nur das Resultat einer praktischen Überlegung: Sie wollte die Grundkenntnisse aus ihrer Ausbildung vertiefen. „Durch meine Ausbildung hatte ich eine gute Basis dafür“, sagt sie.

Zwischenzeitlich studierte Bersick in China und absolvierte in Schanghai ein Praktikum beim Elektrohersteller Bosch, wo sie auch ihre Abschlussarbeit schrieb. Zurück in Deutschland wollte sie in einem großen Unternehmen arbeiten. Obwohl sie keine Erfahrung auf dem Gebiet der Finanzdienstleistungen hatte – sie war aber neugierig darauf, es kennenzulernen – bewarb sie sich für das Vorstandsassistentenprogramm der Allianz. Und es klappte. Ihre Zusatzqualifikation, ihre Auslands- und Berufserfahrung stellten sich als wertvoll heraus: Die Sinologin wurde genommen. Heute ist Bersick Leiterin des Personalmarketings und Recruitings der Allianz Beratung & Vertrieb.

Nicht immer haben es Quereinsteiger in Deutschland so leicht ihren Platz zu finden, wie Christina Bersick. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter großen Unternehmen ergab, dass nur zwei Drittel der befragten Firmen Geisteswissenschaftler beschäftigen. Doch die Studie zeigt auch, dass viele Unternehmen aufgeschlossener geworden sind. Wer etwas anderes als BWL und VWL studiert hat, hat an der Uni oft eine andere Methodik kennengelernt – und mit der kann er sich schnell in fremde Themen einarbeiten. Im Vorstellungsgespräch sollten Geisteswissenschaftler diese Kenntnisse in den Mittelpunkt rücken, sagt Frank Walzel. Er hat Politik und Geschichte auf Magister studiert, arbeitet heute bei der Personalberatung Heidrick & Struggles und betreibt das Blog Unternehmensgeist.de. „Wenn jemand nur sagt, er hat Geisteswissenschaften studiert, weil ihn das von Grund auf interessiert hat, ist das der falsche Ansatz.“

Den typischen Quereinsteiger gibt es allerdings nicht, daher sind beispielhafte Biografien kaum allgemein gültig. Da ist der Arzt, der lieber Unternehmen berät, der Sozialwissenschaftler, der auf einem Ingenieurposten landet oder die Lehrerin, die sich heute nicht mehr um Lehrpläne kümmert, sondern um Mitarbeiter und Versicherungen.

Grundsätzlich gilt: Quereinsteiger müssen Unternehmen einen Mehrwert liefern. „Sie werden nicht wegen irgendeiner allgemeinen Querschnittsqualifikation eingestellt, sondern weil sie aus dem anderen Fach spezifische Spezialqualifikation mitbringen“, sagt Christian Scholz, BWL-Professor an der Uni Saarbrücken. Wer beispielsweise Medizin studiert hat, überträgt die Herangehensweise an Patienten auf Projekte. „Ich denke über Unternehmen ähnlich nach wie über Patienten“, sagt die Medizinerin Anne Schnieber, die heute für McKinsey tätig ist. „Ich analysiere, stelle eine Diagnose und entwickle schließlich eine Therapie.“ Daher ist Schnieber in der Beratung keine Exotin. Ihre Kunden kommen größtenteils aus dem Gesundheitswesen – da kann sie mit ihrem Fachwissen punkten.

Das gilt auch für Julia Wasilke, 29. Die promovierte Chemikerin kam vor drei Jahren zur Boston Consulting Group (BCG) und kann mit ihren Kunden aus der Chemie-Branche „auf Molekülbasis diskutieren“. Und wenn sie eine Bank betreut und Fachfragen zu einem Derivat hat, bittet sie einen BCG-Experten um Rat. Ebenso kommen auch die Kollegen auf sie zu, wenn sie mehr über die chemische Zusammensetzung eines Agrarproduktes wissen müssen, sagt Wasilke. Dass sie oft einen anderen Ansatz verfolgt als ihre Kollegen, die Wirtschaft studiert haben, ist ihr Vorteil.

In angelsächsischen Ländern hat diese Zusammenarbeit eine längere Tradition als in Deutschland. Hier werde es Quereinsteigern immer noch schwerer gemacht als zum Beispiel in Amerika, sagt Bernd Süßmuth, Seniorberater der Human Capital Group bei Watson Wyatt Heissmann. „Dort fangen viele Studenten direkt nach dem Bachelor an zu arbeiten.“ Der Bachelor wird als Berufsbefähigung gesehen, er ist der erste Schritt in den Beruf. Den Rest lernt man „on the Job“. „Viele Akademiker arbeiten erst mal drei oder vier Jahre, um Geld für das Master-Studium zu verdienen“, sagt Süßmuth.

Hierzulande zählten die Beratungsfirmen in den 60er- und 70er-Jahren zu den ersten Firmen, die auch auf Absolventen anderer Fachrichtungen setzten. Mittlerweile haben die Exoten die BWLer eingeholt. „Bei uns hat die Hälfte unserer Mitarbeiter keinen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Wir rekrutieren Quereinsteiger, um die Vielfalt unserer Teams zu erhöhen. Es ist also keine Notlösung, sondern bewusste Strategie“, sagt Thomas Fritz, der das Recruiting bei McKinsey verantwortet.

Zu dem spezifischen Wissen, mit dem Quereinsteiger punkten, zählt auch ihre interkulturelle Kompetenz. Die IW-Umfrage zeigt, dass rund ein Drittel bis knapp die Hälfte der befragten Unternehmen den interkulturellen Beitrag der Geisteswissenschaftler als relevant für den Erfolg ihres Unternehmens einschätzen. Wer also etwa weiß, wie man mit asiatischen Geschäftspartnern verhandelt, sollte dies im Vorstellungsgespräch erwähnen. Firmen, die bereits Geisteswissenschaftler im Team haben, bewerten deren Beiträge zum Erfolg wesentlich höher ein als Unternehmen, die keine beschäftigen. „Die interkulturelle Kompetenz und die Sprachkenntnisse sind bei Geisteswissenschaftlern sehr ausgeprägt“, sagt Georg Johann Bachmaier, Leiter Recruiting für Deutschland bei der Deutschen Bank.

Kinga Bloch konnte damit bereits mehrmals überzeugen. Die 31-Jährige, die an der Uni zusätzlich zu ihren Fächern Philosophie und Geschichte VWL-Kurse belegte, ging nach dem Magisterabschluss nach London, um bei Morgan Stanley zu arbeiten. „Für mich war es kein Problem, den Job zu kriegen“, sagt sie. „Von Vorteil war es sicher, dass ich fünf Sprachen spreche und die Bank gerade Leute für die Schnittstelle zwischen Verkauf und Vertrieb suchte.“ Nach einem Jahr bewarb sie sich bei der Deutschen Bank und bekam eine Traineestelle. Ihr geisteswissenschaftliches Studium hilft ihr jetzt, komplexe Sachverhalte einfach darzustellen: „Es ist sehr hilfreich, wenn man gelernt hat, die Ästhetik von Hegel in drei Sätzen zusammenzufassen.“

Auch Sozialwissenschaftler Philip Rigley wusste ziemlich genau, was er wollte, ihn zog es in die Autobranche. Sein Studium sprach zunächst dagegen, doch Rigley schrieb seine Diplomarbeit bei der VW-Forschung. Anschließend arbeitete er bei einem Marktforschungsinstitut, das für Autofirmen tätig ist – und landete schließlich bei Audi.

Rigley hat genau das gemacht, was Volker Stein, Professor für Personalmanagement an der Uni Siegen, Studenten empfiehlt. „Sie müssen heute frühzeitig definieren, wo genau sie hinwollen und mit Praktika, freier Mitarbeit oder anderen beruflichen Erfahrungen eine daraufhin ausgerichtete ,Story' in ihrem Lebenslauf bauen.“ Und das gelinge nicht, wenn man mit jedem Praktikum in ein anderes Berufsfeld vordringt. „Das Unternehmen, bei dem man sich bewirbt, muss im Lebenslauf ein klares Ziel erkennen“, sagt Stein. Bei Philip Rigley war die Diplomarbeit bei VW die Eintrittskarte in die Branche, der Job beim Marktforschungsinstitut ein weiterer Schritt dorthin.

Um Absolventen wie Rigley den Einstieg in die Wirtschaft zu erleichtern, haben einige Unternehmen Programme entwickelt. „Join our Practice Program“ (JOPP) heißt das zum Beispiel seit 13 Jahren bei Lufthansa. Durchschnittlich 50 „JOPPler“ stellt der Konzern jährlich ein, das sind gut acht Prozent aller Hochschulabsolventen, die bei der Fluggesellschaft jedes Jahr anfangen. „Für uns ist es wichtig, dass Menschen mit unterschiedlichen Kenntnissen und Erfahrungen in Teams zusammenarbeiten“, sagt Christoph Fay, Leiter des Hochschulmarketings.

Für Absolventen, die den Direkteinstieg schaffen wollen, ist von Vorteil, wenn sie neben ihrem geisteswissenschaftlichen Wissen auch BWL-Grundlagen mitbringen. „Man zeigt damit, dass man die Bereitschaft mitbringt, sich in betriebswirtschaftliche Themen einzuarbeiten“, sagt Berater Frank Walzel. Er sieht die Kenntnisse sogar als Muss an für alle, die in die Wirtschaft einsteigen wollen. Möglichkeiten, diese zu erwerben, sind Praktika oder BWL-Kurse an der Uni, Seminare der Industrie- und Handelskammern (IHK) oder anderer Einrichtungen (siehe Kasten). „Für eine glaubwürdige Story ist kontinuierliche Weiterbildung ratsam, auch außerhalb des Studiums“, sagt Volker Stein von der Uni Siegen.

Was einige große Firmen vormachen, hat sich noch nicht überall durchgesetzt bei den Entscheidern. „Unternehmen in Deutschland scheuen noch das vermeintliche Risiko, fachfremde Arbeitnehmer einzustellen“, sagt Berater Bernd Süßmuth. Er ist sich aber sicher, dass sich das ändern wird. Notgedrungen. Denn der von der demografischen Entwicklung forcierte Mangel an Fachkräften wird die Wirtschaft stärker zwingen, Quereinsteiger einzustellen. „In den Branchen, in denen der ,War for Talents' brutal zuschlägt, wird der Quereinstieg leichter.“ Dazu zählen zum Beispiel der Maschinenbau und das Wirtschaftsingenieurwesen. In anderen Branchen hingegen, in denen es jetzt schon zu viele Bewerber gibt, wird es schwer.

Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

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