Gewinnbeteiligung : Mehr als nur Krümel

Von der Extrazulage bis zur Aktie: In einigen Berliner Unternehmen bekommen die Mitarbeiter etwas vom Firmengewinn ab – wenn die Geschäftslage gut ist.

Philipp Eins
Untenehmen
Ein Stück für die Mitarbeiter -Foto: David Heerde

Für die Mitarbeiter von der Firma Aucoteam in Prenzlauer Berg kam die Unternehmensbeteiligung ganz plötzlich – und war nicht nur die Chance auf eine Extra-Zulage, sondern eine Notlösung. Es ging für das Unternehmen für Computer- und Automatisierungstechnik ums Überleben. Denn: Es stand 1991 vor der Insolvenz. „Um ihren Arbeitsplatz zu retten, haben die Mitarbeiter Firmenanteile gekauft“, sagt Geschäftsführer Peter Schmidt. Inzwischen sind von den 200 Mitarbeitern 36 Gesellschafter, ihr Einsatz liegt jeweils zwischen wenigen 100 bis einigen 10 000 Euro. Jedes Jahr bekommen die Mini-Unternehmer Ausschüttungen auf ihr Stammkapital, im Jahr 2006 waren es zehn Prozent. „Dabei ist der zusätzliche Verwaltungsaufwand relativ gering“, sagt Schmidt.

Ob Gesellschafter-Verträge wie bei Aucoteam, ein Deutschlandfonds, wie ihn die SPD vorschlägt, oder eine schlichte Gewinnbeteiligung: Die Möglichkeiten, Mitarbeiter am Erfolg des Unternehmens teilhaben zu lassen, sind vielfältig. Doch auch wenn das Thema derzeit in aller Munde ist und die Vorteile wie Mitarbeitermotivation oder eine verbesserte Kapitalbasis des Unternehmens gepriesen werden. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung hat sich bei der Gewinn- und Kapitalbeteiligung in Deutschland in den vergangenen Jahren wenig verändert. Im Sommer 2005 gaben neun Prozent der Betriebe an, ihre Mitarbeiter an den Gewinnen teilhaben zu lassen, zwei Prozent boten Kapitalbeteiligungen an. Gewinnbeteiligungen sind der Studie nach am häufigsten im Kredit- und Versicherungsgewerbe, bei der Energie- und Wasserversorgung, im Handel und der Nachrichtenübermittlung zu finden. Darüber, wie viele Berliner Firmen solche Angebote machen, gibt es keine Statistik. „Bei uns ist das kein Thema“, bestätigt eine Sprecherin des Kommunalen Arbeitgeberverbandes (KAV). Dabei gibt es durchaus eine Reihe von Firmen in der Stadt, die Beteiligungen anbieten.

Zum Beispiel Schmidt+Haensch, eine Firma aus Reinickendorf, die optisch-elektronische Messgeräte herstellt. Um seine Angestellten zu effizienter Arbeit zu ermuntern, beteiligt der Geschäftsführer Mathis Kuchejda die Mitarbeiter seit sieben Jahren am jährlichen Gewinn. 2006 bekamen sie etwa zehn Prozent vom Überschuss. In Zukunft plant Kuchejda, die Produktivität einzelner Unternehmensbereiche auszuwerten, zum Beispiel in Vertrieb, Entwicklung und Produktion, und individuelle Prämien zu zahlen.

„Gerade für kleinere und mittelständische Unternehmen sind Gewinnbeteiligungen geeignet“, sagt Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Kapitalbeteiligungen hingegen seien nur im Einzelfall sinnvoll, eine junge Firma könne so zum Beispiel das Unternehmenskapital vergrößern. Grundsätzlich aber gebe es formale Hürden, nur bei Aktiengesellschaften sei das Verfahren einfach umzusetzen. Außerdem würden die Arbeitgeber bei Kapitalbeteiligungen auch Informations- und Entscheidungsrechte abgeben. Auch Kuchejda hält nichts davon: „Eine Kapitalbeteiligung ist für ein mittelständisches Unternehmen nicht geeignet“, sagt er. „Durch verschiedene Gesellschafter könnten Entscheidungen komplizierter werden – gerade dann, wenn es ums Geld geht.“ Ob Überschüsse ins Unternehmen investiert werden oder an die Teilhaber ausgeschüttet werden sollen – darüber gebe es selbst in kleinen Familienunternehmen mit wenigen verschiedenen Gesellschaftern Streit.

Bei Aucoteam geht das Konzept mit den Firmenanteilen der Mitarbeiter auf. Aber nicht nur die Gesellschafter, sondern auch die übrigen Mitarbeiter sind an den Erfolgen des Unternehmens beteiligt: Fünf bis zehn Prozent der Gewinne werden monatlich an sie ausgeschüttet. Am Jahresende gehen vom Überschuss noch einmal satte 20 Prozent an die Angestellten. Eine vergleichsweise hohe Beteiligung: Der Berliner Gasversorger Gasag gibt 1,2 Prozent seiner Gewinne an die Mitarbeiter ab. Doch: Gewinnbeteiligung schön und gut. Was aber, wenn die Geschäfte schlecht laufen und es nicht nur keine Gewinne zu verteilen gibt, sondern das Unternehmen in Konkurs geht? Bei Aucoteam wäre dann auch das Stammkapital der 36 Mitarbeiter weg.

In solchen Fällen kommt die Bürgschaftsbank zu Berlin-Brandenburg (BBB) zum Zug. Sie vermittelt Garantien: „Wir helfen kleinen und mittleren Unternehmen mit bis zu 500 Beschäftigten, beim Land Berlin eine Rückzahlungsgarantie von 80 Prozent des Mitarbeiter-Kapitals zu bekommen“, sagt Herbert Müksch, Geschäftsführer der Bürgschaftsbank. „Wenn ein Mitarbeiter Anteile für 10 000 Euro erworben hat, erhält er im Konkursfall 8000 Euro zurück.“ Die Richtlinien für die Garantien sind von der Senatsverwaltung für Finanzen geregelt.

Für Belegschaftsaktien großer Gesellschaften spricht das Land Berlin keine Garantien aus – das Kursrisiko tragen die Mitarbeiter. Dafür bekommen sie meist besondere Vergünstigungen, Aktien werden zum Beispiel bezuschusst. Etwa zwei Drittel der M-DAX-Unternehmen, also der mittelgroßen an den deutschen Börsen notierten Unternehmen, haben laut Heike Kauls vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) solche Programme. Die meisten Unternehmen – wie auch der Berliner Konzern Siemens – bleiben mit ihren Zuzahlungen jedoch unter 135 Euro pro Jahr, die ein Mitarbeiter steuerfrei in Aktien anlegen kann.

Ob sich Investitionen in Mitarbeiter-Beteiligungen für die Unternehmen langfristig lohnen? Aucoteam-Geschäftsführer Peter Schmidt kann sich rund 16 Jahre nach Herausgabe der Gesellschafter-Anteile über die damalige Entscheidung nicht beklagen. Die Ingenieure arbeiten motivierter – und deshalb auch effizienter: „Unsere Mitarbeiter identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen“, sagt er. „Kaum jemand verlässt den Betrieb, bevor er 65 Jahre alt ist und in den Ruhestand geht.“

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